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Periodical volume 9. Mai 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

die Anregung geben, ob es nicht ginge, daß die hiesigen 
Schulhöfe geöffnet würden und für die jüngeren Kin­
der, vom dritten Lebensjahre an, offen stehen, so daß 
diese zum Spielen dorthin gebracht würden, und daß 
diese Schulhöfe von bezahlten Aufsichtspersonen be­
wacht würden. Ich meine, wenn der Magistrat sich 
mehr dazu verstehen würde, die Ferienspiele zu über­
nehmen» dann 'müßte das für die Kinder besser wer­
ben. Schließlich ist das Spiel nicht dazu da. um die 
Kinder einige Tage zu erheitern, sondern das Spiel 
ertüchtigt auch die Jugend, und eine Ertüchtigung 
jedes Kindes liegt auch im vaterländischen Interesse. 
Ich bitte S ie  daher, diesem Antrage zuzustimmen.
Stadtschulrat Dr. Buchenau: Zu den Bemerkungen 
der Frau Stadtverordneten Lietzsch kann ich mich ganz 
kurz äußern. W as die Verhältnisse während des 
Krieges betrifft, meine sehr verehrte Frau Stadtver­
ordnete, so hat es da hauptsächlich an geeigneten Lei­
tern gefehlt, und das ist der Grund- daß nicht soviel 
geschehen ist, wie hätte geschehen sollen. (Sehr rich­
tig!) In  dieser Beziehung wird es in Zukunft zwei­
fellos bester werden. Was die Bemerkungen zu der 
vorschulpflichtigen Jugend betrifft, so bin ich der An­
sicht, daß für diese Jugend insbesondere die Schul­
höfe zur Verfügung gestellt werden sollten. Die Schul­
höfe müssen dann aber in einem Zustande sein, daß sie 
auch Hygienisch günstig und nicht ungünstig wirken. 
Es ist nicht richtig, daß jeder Schulhof für diesen 
Zweck in Betracht kommt. Ferner soll an den Nach­
mittagen in diesem Sommer, wie ich in -der Deputation 
schon versprochen habe, eine ganze Reihe von Plätzen: 
Hmdenb urg -Sportplatz, Tempelhofer Feld, am Schaf- 
stall, Sportplatz an der Grenzallee, Hertzberg-Spielplatz, 
auf der Abtei, wiederum zur Verfügung -gestellt wer­
den. Ganztagsspiele sind beabsichtigt in der Königs­
heide. Die ganze Angelegenheit ist bereits im Fluß, 
Und S ie können versichert fein, daß wir von seiten des 
Magistrats und diejenigen, die sich unter den- Stadt­
verordneten und in der Bevölkerung für diese Frage 
interessieren, mit aller Energie an die Lösung dieser 
wichtigen Frage herantreten werden.
Stadtverordneter Schneider, Karl (U. S . P.): Auch 
wir stimmen dem Antrage der Fraktion der Mehr­
heitssozialisten unbedingt zu. Er entspricht dem, was 
wir selbstverständlich auch auf diesem Gebiete wün­
schen und was ich am 11. April auf dem Gebiete der 
Jugendpflege überhaupt angeregt habe. Wir sind er­
freut darüber, daß der Magistrat jetzt in diesem Jahre 
endlich von der Notwendigkeit einer großen Aktion 
auf diesem Gebiete überzeugt ist. Wir begrüßen es-, 
daß endlich einmal gerade auf diesem Gebiete auch 
für die Kinder Neuköllns etwas wirklich Durchgreifen­
des geleistet werden soll. Wir werden uns weiter­
gehende Anträge auf die weitere Ausgestaltung noch 
vorbehalten. Unbedingt müssen wir aber wünschen, 
daß ein Jugendpfleger im Hauptamte hier in Neukölln 
angestellt wird, -daß dies nicht so, wie bisher, neben­
amtlich gehandhabt wird. Gerade die Jugendpflege, 
wie wir sie wünschen, -erfordert eine ganze Persön­
lichkeit. Wir werden auch in der Kommission in die­
sem Sinne arbeiten, und ich erkläre nochmals die 
Zustimmung meiner Freunde.
Stadtverordneter Schilling (Vgl. Verein.): Meine 
Damen und Herren! An den Antrag des Herrn Kol­
legen Schneider möchte ich anknüpfen. Herr Schnei­
der, ich glaube, daß wir nicht so sehr einen hauptamt­
lichen Jugendpfleger notwendig haben, als einen so­
genannten Turn- oder Spielinspektor, -der in  seiner 
Person alle die Maßnahmen erziehlicher Art aus dem 
Gebiete des körperlichen Erziehungswesens trifft und 
sie verwirklichen kann und wird. Also nicht Jugend­
pfleger als solcher, sondern daß die Ablösung der gan­
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zen Spiel- und Turnorganisativn in der Stadtgemeinde 
erfolgt und in die Hände eines einzelnen Leiters über­
geführt wird, ist eine tatsächliche Notwendigkeit. Wir 
hoben das schon in einer Reihe von Städten, ich 
wundere mich, daß Neukölln noch rückständig ist.
Der Frau Lietzsch erwidere ich, daß die Tätigkeit 
des Freiwilligen Erziehungsbeirats bescheidener Mit­
tel wegen nicht den -gewünschten, Umfang angenommen 
hat. Im  übrigen -gibt es eine Reihe innerer und äuße­
rer Gründe, weshalb der Besuch der Ferienspiele ein 
durchweg ungünstiger war. Auf eine Schwierigkeit 
sei jetzt hingewiesen, das ist -die weite Entfernung unse­
rer Spielplätze. Die Abtei beispielsweise ist schwer zu 
erreichen. Die Kinder kommen ermüdet an; der not­
wendige Mundvorrat ist nicht vorhanden. Da wird 
das Spiel zur Qual. Allgemein kann man die Zen­
tralisation durch die Stadt begrüßen. Die Tätigkeit 
und Einzelarbeit freiwilliger Organisationen muh 
aber gleichfalls beachtet und gefördert werden. Meine 
Damen und Herren! Auch wir vom Freiwilligen Er­
ziehungsbeirat haben schlechte Erfahrungen gemacht. 
Wir haben immer schlechte Erfahrungen gemacht be­
züglich der Ferienspiele. Wir hatten noch ganz andere 
Gründe, soviel äußere und innere. Wenn man- dar­
über sprechen wollte, könnte man stundenlang reden-. 
Die weite Lage unserer Spielplätze ist das Schlimmste. 
Wenn S ie  heute -den Kindern sagen: wir wollen nach 
der Abtei gehen-! —  Das erste M al tun sie es, dann 
kommen sie nicht mehr. Der Weg ist für die Kinder 
zu weit, sie kommen abgehetzt dahin. Der Mundvor- 
rat reicht nicht aus, die Kinder sind dann den halben 
 ̂ oder den ganzen Tag ohne Nahrung und sollen dann 
Spiele treiben. Meine Damen und Herren! Das ist 
physisch unmöglich. Spielplätze schaffen-, und nahe 
Spielplätze schaffen, -das ist die Hauptsache. Ferner ist 
zu besorgen, daß wir Organisation -hineinbekommen-, 
und wenn dann der Antrag verfolgt, daß die Organi­
sation endlich in städtische Hände übergeht, so find wir 
damit einverstanden. Wir wollen aber wünschen, daß 
alle Organisationen, die bisher tätig waren, auch der 
Freiwillige Erziehungsbeirat, nach wie vor sich betei­
ligen können.
In  der Frage der Ferienkolonie möchte ich er­
wähnen: Wir hatten nicht immer die Gelder dazu-, um 
in größerem Umfange tätig zu sein. Wir haben Er­
hebliches geleistet und fleißig gearbeitet, um die Kinder 
aufs Land und in die Ferienkolonie zu bringen.
Stadtverordnete Frl. Schütz (U .S .P .):  Ich bin 
in der angenehmen Lage, mich kurz fassen zu können, 
da die Wünsche, die wir vorbringen wollen, in  diesen 
Tagen zum größten Teil bereits erfüllt sind. Wir ha­
ben schon wiederholt gehört, welche Not in den Volks­
schulen herrscht dadurch, daß verschiedene Schulen noch 
durch Militär belegt sind, darum verschiedene Systeme 
in einem Gebäude zusammengelegt werden muhten. 
Ferner ist bekannt, daß durch -die Sicherheitswehr, 
welche nur aus wenigen Leuten besteht, die große 
Schule in -der Rütlistraße dem Gebrauch entzogen ist. 
Wir sahen uns daher genötigt, den Antrag zu stellen, 
diese Schule durch Verlegung der Truppen in nächster 
Zeit frei zu machen. Die Erfüllung unseres Wunsches 
ist ja jetzt in die Wege -geleitet worden. Ich möchte 
den Magistrat nur noch bitten, die Verhandlungen 
wegen Räumung der Schule zu beschleunigen, vor 
allen Dingen auch die Instandsetzung der inzwischen 
frei gewordenen Schulen so schnell wie möglich vor­
zunehmen, damit dieselben am 1. Juli resp. nach den 
Sommerserien wieder belegt werden können.
A ls Punkt 2 hatten wir gebeten, daß sämtliche 
Direktoren und Rektoren- -der hiesigen Lehranstalten 
veranlaßt werden sollten, eine Ausstellung über die 
Verwendung der Schulräume zu machen-, um eine
        
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