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Periodical volume 9. Mai 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

kommt, die den Tag über in der staubigen Fabrikluft 
tätig sein müssen, und denen so Gelegenheit gegeben 
wird, sich im Park  zu erholen. E s w ird immer ge­
sagt, der Arbeiter liege am Abend in den Kneipen. 
Solch einen Vorwurf können w ir nicht auf uns sitzen 
lassen. Es wurde dem Arbeiter keine Gelegenheit ge­
geben und kein Platz zur Verfügung gestellt, wo er 
sitzen konnte. Das liegt nun einmal in einem befähigten 
Arbeiter, in seinen freien S tunden mit feinen Ge­
schlechtsgenossen Aussprache zu halten und zu disku­
tieren. Das ist aber nur möglich, wenn er Gelegen­
heit hat, mit diesen zusammenzukommen. Dazu sind 
die Erholungsstätten sehr gut geschaffen, in denen sich 
die Leute auch abends in den Feierstunden erholen 
können. Ich begrüße es, daß es endlich einmal soweit 
kommt, und ich wünsche, daß uns wenigstens nächstens 
für die Ferienspiele Rasenflächen zur Verfügung ge­
stellt werden, damit unsere Kinder dort hinausgeführt 
werden können.
Stadtverordnete F rau  Becheret (Dt.-dem. Partei): 
Meine Damen und Herren! Den Ausführungen, die 
hier gemacht worden find, haben wir nichts weiter 
hinzuzufügen. W ir möchten uns aber dagegen wenden, 
daß das Tempelhofer Feld mit solchen Gartenkolonien 
bebaut werden soll. W ir wünschen, daß der Platz 
eben nur als Spiel- und Turnplatz für die Neuköllner 
Jugend verwendet werden, soll.
Stadtverordneter Hagen (U .S . P .): Meine Da­
men und Herren! Den älteren Berlinern wird es noch 
bekannt sein, daß die heutige Hasenheide früher öffent­
lich zugänglich war, bevor der Schießplatz errichtet 
worden war. Damals w ar es wirkliche Freude, wenn 
die Bevölkerung Sonntags hinauszog nach der Hafen- 
heide. Es wurden da von Ju n g  und Alt lustige Spiele 
und Tänze ausgeführt, oder m an lagerte sich aus dem 
Rasen. Es w ar damals eine kleine Erholung, aller­
dings nicht in dem S inne, wie w ir sie jetzt in den 
Sportvereinen haben. Jedenfalls w ar die Hasenheide 
damals frei und konnte sich jeder in ihr ergehen. Erft 
als der M ilitärfiskus dazu überging, hier einen Schieß­
platz anzulegen, wurde dieser Streifen der Öffentlich­
keit entzogen.
N un sind w ir soweit, die meisten von Ihnen  wer­
den die Friedensibedingungen gelesen haben, wonach 
wir keine große Heeresmacht mehr haben dürfen. Da 
werden w ir einen großen Überschuß an Schießständen 
haben. Dem M ilitärfiskus w ird es daher ein leichtes 
sein, auch die Flächen in  der Hasenheide freizugeben, 
die Schießstände aufzuheben, damit sich das Volk auf 
den freigegebenen Flächen tummeln kann.
W ir können uns aber keinesfalls der Vorrednerin 
anschließen, den Platz mit einem Laubengelände ein­
zufassen. Das würde den Volkspark beeinträchtigen. 
Das würde nicht das fein, was w ir wünschen. Im  
allgemeinen sind wir der Meinung, wir können uns 
den Ausführungen des Herrn Bürgermeister Dr. M ann 
anschließen, der ausführlich dargelegt hat, wie weit 
die Bemühungen gediehen sind, die bisher unternom­
men w, rden sind, für die Neuköllner Gemeinde etwas 
zu schaffen.
Stadtverordneter Radtke (U .S .P .) :  Meine Da­
men und Herren! Ich hätte mich nicht zum W ort ge­
meldet, wenn nicht in der Angelegenheit in anderen 
Gemeinden meiner Auffassung nach etwas mehr Feuer 
gesteckt hätte. D as Interesse für das Dempethofer Feld 
müßte bei der Gemeinde Neukölln ein etwas lebhafteres 
sein, weil jetzt die einzige Möglichkeit ist, daß wir 
noch einen P ark  schaffen können, der unser Volks­
wohl und unsere Volksgesundheit fördert. W as nützt 
es uns. die wir jahrzehntelang haben S taub schlucken 
müssen, daß w ir einen kleinen Grünstreifen 'bekom­
men? Aber man steht, wie sich das entwickelt hat, und 
w ir müssen uns jetzt einen Park  schaffen, damit w ir 
in Zukunft nicht mehr S taub  zu schlucken brauchen. 
Daher müssen wir protestieren.
Die Maßnahmen, die der M agistrat vorgebracht 
hat, sind das Allernotwendigste, w as geschieht, und wir 
möchten den M agistrat an dieser Stelle bitten, uns über 
die Angelegenheit ständig auf dem Laufenden zu ha- 
ten. Denn die Verhandlungen, die gepflogen werden 
müssen, die gehen mit dem Fiskus, m it einem Gebilde, 
das nur auf Geld usw. ausgeht. Da müssen w ir natür­
lich energisch dagegen protestieren, daß m an wagt, 
einen solchen P lan  in die Öffentlichkeit zu werfen. Des­
halb möchte ich wiederholen, daß wir es nicht dabei 
bewenden lassen sollen, durch Annahme dieses A n­
trages unseren Protest auszusprechen, sondern- w ir 
müssen allesamt in breitester Öffentlichkeit energisch ge­
gen solche P läne lebhaften Protest einlegen, damit wir 
in die Lage kommen, einen Park  zu schaffen.
Meine Damen und Herren! W as soll denn nun 
dieser Streifen von 500 Meter Breite der Hasenheide 
entlang? Und weshalb ist ferner der Schießplatz, der 
nicht mehr gebraucht wird, abgeschlossen? W ir b rau ­
chen jeden Quadratmeter Grünfläche, und deshalb 
sollten w ir daraus dringen, das wenigstens dasjenige, 
was heute zur Verfügung stehen kann, uns auch ge­
öffnet wird. W ir stellen- hier an alle Parteien das 
Ersuchen, öffentlich mit allen Mitteln dahin zu wirken, 
daß der P lan  der Regierung zuschanden wird, daß 
statt dessen ein Volkspark geschaffen wird und daß nicht 
dazu übergegangen wird, durch den Randbau von 
Lauben das Gelände zu verschandeln. Das Gelände 
ist nicht so riesig groß. E s ist eine ganze Strecke für 
Friedhöfe abgegangen, und die Ecke, die noch vorhan­
den ist, brauchen wir notwendig. I n  Gemeinschaft 
mit dem M agistrat müssen wir alle Schritte unter­
nehmen, die das Projekt fördern.
Stadtv. Steinroeg (S. P . D.): Die Anregungen, 
die von meiner Kollegin Scholz hier gegeben wurden, 
sind wohl einesteils falsch aufgefaßt worden, sonst 
könnte sich ja auch F rau  Becherer als Vorstandsmit- 
glicd einer Kleingartenorganisativn nicht gegen den 
Gedanken wehren, daß man gewissermaßen Lauben­
kolonien aus dem Tempelhoser Felde schaffen wolle. 
D aran ist nicht gedacht, bisher übliche Laubenkolonien 
dort zu errichten, sondern eine Kleingartenanlage als 
Übergang von Mietskaserne zum Volkspark. W ir 
wollen also zwischen dem Häusermeer und dem Volks­
park eine großzügig angelegte Gartensiedelung mit 
schmucken Laubenhäuschen, die Auge und S in n  er­
freuen Alle Städte- und Volksparkreformer sind sich 
einig, daß unter allen Umständen kleine Garienanlagen 
und Vrlkspark in Verbindung gebracht werden können. 
Es ist demnach nur an eine reformierte Laubenkolonie 
gedacht, und auch Herr Radtke wird zugeben, daß auf 
dem Tempelhofer Felde genügend Raum  für der­
artiges vorhanden ist. N u r in  Verbindung mit der 
großzügigen Anlage eines Volksparkes denken w ir uns 
die Anlage der Kleingärten in der genannten Form, 
mit schönen, breiten-, mit Bäumen bepflanzten Wegen, 
auf denen auch unsere Einwohner spazieren gehen 
dürfen. Also keine Laubenkolonie im bisher bekannten 
Sinne. W ir wollen etwas schaffen, wovon man als 
von einem architektonisch Schönen sprechen kann, 
wenn man es ansieht. W enn wir also etwas beantra­
gen, w as dem gleicht, was H arry M aaß in feiner 
Broschüre „Der deutsche Volkspark der Zukunft" be­
spricht, dann wird nach meinem Dafürhalten jeder ein­
sichtige Städtereform er diesem zustimmen können. 
I n  dieser Weise ist die Anlage eines Volksporkes 
gedacht, und ich glaube, so wird sich auch der Fern­
stehende m it dem Plane befreunden, und kein wahrer
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