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Periodical volume 25. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Kinder nach Parteien .gesiebt. Wie hätte es Ihnen  
gefallen, wenn monarchisch gesinnte Lehrer auf den 
Gedanken gekommen wären, am 27. J a n u a r  1919 in 
den oberen Klassen herumzufragen: wer will mit uns 
Kaisers Geburtstag feiern? (Rufe: Muhten! Bestraft 
wurde der, der nicht kam!) Ich rede vom 27. J a n u a r  
1919. Ich kann mir wohl vorstellen, daß Monarchisten 
den 27. J a n u a r  1919 feiern wollten. (Rufe: Geht ja 
nicht mehr!) Ob das praktisch wäre, ob das geschmack­
voll ist, das ist eine andere Frage. Wenn S ie  jetzt 
also die Kinder herbeiholen, die sozialistisch gesinnt 
sind, so werden die Kinder parteipolitisch Stellung neh­
men müssen, und insofern würde die Feier des 1. M ai 
etwas ganz anderes bedeuten a ls  die Feier des 27. J a ­
nuar. Ich habe Ihnen  schon gesagt, ich selber wünsche 
einen Tag, an dem die ganze Jugend feiern kann in 
dem Gedanken an ein Deutsches Reich. W as würde 
nun herauskommen? Lasten w ir den 27. J a n u a r  fal­
len, nehmen wir den 1. M ai. Die sozialistischen Lehrer 
ziehen mit den sozialistischen Schäflein los, mein Frak­
tionskollege, Herr Rektor Schilling, sammelt die Zen­
trumskinder, ich sammle mir die rechtsstehenden Kin­
der, Aulen haben wir nur ein paar zur Verfügung, 
ich will die Sache nicht weiter ausmalen, w as nun 
etwa passiert, wenn die Hirten und die Schäflein sich 
verfehlen, wenn in der Albrecht-Dürer-Oberrealschule 
sich die sozialistischen Schäflein versammeln und dann 
Herr Rektor Schilling dahin kommt. (Heiterkeit.) 
W as würde das für eine Verwirrung geben! D as 
würde das ganze Schutteben zerreißen. Die sozialistische 
Regierung selber steht auf dem Standpunkt, daß P a r ­
teipolitik nicht in die Schule hineingehört Ich habe 
mir hier eine Verfügung des Provinzial-Schulkolle- 
glums herausgesucht vom 15. Februar 1919. Darin 
steht: „W ir müssen darauf hinweisen, daß es unzu­
lässig ist, parteipolitische Bestrebungen in die Schule 
zu verpflanzen."
W ir sind damit einverstanden, daß der 1. M ai ge­
feiert wird, so schön und friedlich, wie es fein kann, 
im Interesse vorläufig — das wollen w ir wünschen — 
nicht der Völkerversöhnung, sondern der Versöhnung 
der Parteien. Vorhin begann ja beinahe so eine kleine 
Vorfeier des 1. M ai, vor der man Angst bekommen 
konnte. (Heiterkeit.) Ich wünschte, daß der 1. M ai 
dazu führen würde, daß die Gegensätze zwischen uns 
nicht nur persönlich, sondern auch sachlich ausgeglichen 
werden, zwischen uns allen, nicht nur zwischen den 
beiden sozialistischen Parteien. (Zuruf: D as wird
Ihnen  übel bekommen!) Das glaube ich nicht, ü b ri­
gens haben S ie  da oben auf der Galerie nicht mitzu­
reden.
Das wäre unsere Stellung zur Feier des 1. Mai. 
Daß der 1. M ai in den Schulen gefeiert wird, das 
lehnen wir nach dieser Begründung — auch in der 
Freiwilligkeit — durchaus ab, und deshalb beantrage 
ich im Namen meiner Fraktion, daß, wenn über die­
sen Antrag abgestimmt werden sollte, getrennt abge­
stimmt wird über den ersten und über den zweiten 
Absatz. Ich hoffe allerdings, daß nach meinen A us­
führungen auch Sie dazu kommen werden, den zwei­
ten Absatz abzulehnen.
Stadtverordneten-Vorsteher Scholz (S . P . D.): Ich 
möchte mich in den S tre it nicht weiter einmischen und 
möchte auch weitere Ausführungen nicht machen, nur 
eine tatsächliche Richtigstellung möchte ich vornehmen. 
E s ist meinen Fraktionsfreunden der Vorwurf ge­
macht worden, daß richtiggehende Sozialdemokraten 
den Antrag kaum anders auffassen könnten, als er 
gemeint gewesen sein soll. Das kann ich nicht so hin­
gehen lassen. A ls mir der A ntrag vorgelegt wurde, 
anläßlich einer Protokollvollziehung, da stellte mir 
Herr Freund die F rage: Ih re  Fraktion wird sich doch
mit diesem Antrage einverstanden erklären? Daraus 
habe ich erklärt: I n  der Form , wie der Antrag gestellt 
ist, wird sich meine Fraktion jedenfalls nicht damit ein­
verstanden erklären. (Sehr richtig! Hört, hört!) Denn 
es steht drin: „find zusammenzuführen". Und jeder, 
der Deutsch kann, mußte darunter einen Zwang ver­
stehen. (Sehr richtig!) Daraufhin habe ich den Vor­
schlag gemacht, daß meine Fraktion nur dann der 
Sache zustimmen könnte, wenn die Feier als freiwillige 
Feier vor sich ginge, wenn die Kinder nicht dazu ge­
zwungen würden. Und darauf hat m ir Herr Freund 
erklärt: „Ich glaube, daß auch bei meiner Fraktion 
kein Widerstand dagegen fein wird, daß sie sich damit 
einverstanden erklären wird." Insofern w aren w ir 
vollständig einig. W ir mußten aber Gewißheit dar­
über haben, da w ir nicht wußten, w as inzwischen die 
Unabhängigen beschlossen hatten, welche Stellung sie 
einnehmen würden zu unserem Abänderungsvorschläge. 
Infolgedessen war es durchaus berechtigt, daß von uns 
diese Motivierung vorgenommen wurde, denn nach 
dem W ortlaut des Antrages konnte jeder, der Deutsch 
kann, nur den Zwang herauslesen. Wenn der An­
trag nicht so gemeint ist, dann ist die Sache erledigt. 
Aber jedenfalls möchte ich bitten, nicht uns einen 
Vorwurf daraus zu machen, wenn der A ntrag so un­
geschickt formuliert worden ist. (Heiterkeit.)
Stadtverordneter Dr. Lahse (11. S . P .): Ich möchte 
Herrn Exner zur Kenntnis geben, daß es ein Vorzug 
der U. S . P . ist, daß das Interesse für die Erziehungs­
stagen bei ihr so stark ist, daß sie diese Fragen nicht 
bloß durch Lehrpersonen vertreten läßt. W as die 
Feier selbst anbetrifft, so ist nicht etwa gemeint, daß sie 
in parteipolitischer Hinsicht ausgeschlachtet werden soll 
von den sozialistischen Lehrern. Der Sozialism us ist 
eine Weltanschauung, die schon sehr weit zurückliegt 
und die sich jetzt durchzuringen versucht, und die P a r ­
teien, die sie jetzt vertreten, das sind in revolutionären 
Zeiten wechselnde Erscheinungen. Ich glaube nicht, 
daß ein von sozialistischem Geist wirklich durchdrun­
gener Lehrer in dieser Feier Parteipolitik treiben wird, 
so daß S ie  Bedenken in dieser Richtung gegen die 
Feier fallen lassen können.
Stadtverordneter Freund verzichtet.
Stadtverordneter Exner (Dt.-dem. P .): Ich könnte 
dem zweiten Absatz der Begründung zustimmen, wenn 
Sie sich, wie es ja auch nach Ih ren  Ausführungen sehr 
leicht sein müßte, dazu bereit erklärten, ganz einfach 
die Worte „in sozialistischem S inne" zu streichen. 
(Widerspruch.) D ann ist es mir nicht möglich, den 
Antrag anzunehmen. Ich will an diesem Tage meine 
Kinder sehen; an dem großen Tage des völkischen und 
Weltfeiertages habe ich das Bedürfnis, mit meinen 
Kindern eine Feierstunde zu verbringen. Aber ich 
würde sie so verbringen, wie ich es Ih n en  eben ge­
schildert habe: ich würde versuchen, alle die großen Ge­
danken an die Kinder heranzubringen, ohne Rücksicht 
auf Parteipolitik. W enn S ie  die Worte „in sozia­
listischem Sinne" stehen lassen, dann schließen S ie  die 
anderen Kinder von der Feierfreude aus, schließen sie 
; aus von dem hohen Wert, den eine solche Feier haben 
müßte, die die Hochziele der Völkerverbrüderung, der 
: Völkerversöhnung, des Völkerbundes und des Völker- 
I stieben» in den Kindern erzeugen könnte. Und S ie 
; können doch eigentlich nicht wollen, daß die großen 
Gedanken nur deshalb nicht zur Durchführung kom- 
: men, daß die Schönheit einer Feier n u r darum nicht 
wirken kann, weil S ie  n u r die sozialistische Belehrung 
wollen. S ie  wirken größer und besser, wenn S ie  die 
allgemein-menschliche Belehrung der Kinder an diesem 
: Tage wünschen. Ich würde S ie  also nochmals bitten, 
diese einschränkenden Worte, die tatsächlich das Hochziel 
verwässern und verkleinern, zurückzuziehen. Ich halte
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