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Periodical volume 25. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Bewußtsein gekommen ist, d-aß dieser W ortlaut nicht 
aufrecht zu erhalten ist. Ich halte es nicht für Schwäche, 
wenn jemand seine Meinung zurückzieht. Ein. zurück­
gezogener I r r tu m  ist besser und wertvoller, als ein 
aufrecht erhaltener Trotz. Das sind die Weisen, die 
vom Irr tu m  zur W ahrheit reisen. Über eins muß ich 
mich wundern: Wo haben die Herren, die diese Be­
gründung hier gegeben haben, ihre Sachkenner auf 
dem Gebiete der Erziehungskunst gelassen? W arum  
haben Sie nicht Herrn Dr. Lahse mit der Begründung 
beauftragt, da er doch Fachmann im Erziehungsamte 
ist? (Zuruf: Das ist unsere Sache!) Allerdings, aber 
mein Recht ist es, darüber zu urteilen, wie ich das 
finde. „Herr Doktor, d as  ist schön von Euch, daß I h r  
uns heute nicht verschmäht und unter dieses Volks- 
gedräng' als ein so Hochgelehrter geht." Lassen Sie 
sich dies aus dem „Faust" sagen. Ich habe mich ge­
wundert, daß S ie Herrn Dr. Lahse und F rl. Schütz 
in Erziehungsfragen nicht an die Spitze stellen. Es 
scheint mir so, und ich habe es anderswo gehört, als 
ob S>e doch den neuen Elementen nicht so recht ver­
trauen, und daß S ie glauben, ihnen diesen Vortritt 
nicht lassen zu sollen. (Zuruf: Das ist wohl die Vor­
rede zum 1. M ai!) Ich bin am Ende meiner Ausfüh­
rungen. Ich würde mich freuen, wenn S ie künftig­
hin Sachkennern in Ih re n  Reihen auch ein wenig zu 
ihrem Recht verhelfen würden.
I n  der F rage des 1. M ai bin ich wie folgt mit 
Ihnen  einverstanden: W ir wollen den 1. M ai als 
Feiertag fü r die ganze Welt, für das gesamte B ürger­
tum, für die Hochziele des Weltfriedens, Völkerbundes 
und Arbeitschutzes, und niemand soll diesen T ag durch 
lächerliche Beeinträchtigung antasten. (Zuruf: S pä t 
kommt Ih r , aber I h r  kommt!)
Stadtverordneter Dr. Bierbach (Bürgl. Verein.): 
Ich möchte das, w as Herr Exner gesagt hat, noch ein­
mal nachdrücklich unterstreichen. Ich bin auch Lehrer, 
und ich kenne den Byzantinismus, der am 27. J a n u a r  
den Schülern eingeimpft worden sein soll, nicht. Ich 
bin selbst zwölf Jahre in die Schule gegangen und 
habe also zwölf Kaisergeburtstagsfeiern mitgemacht: 
ich habe auch als Lehrer viele Geburtstagsfeiern mit­
gemacht, und ich muh sagen, ich habe nichts von B y­
zantinismus gemerkt. (Heiterkeit. Rufe: Da haben
S ie geschlafen. Unruhe.) E s ist noch sehr früh heute, 
und wenn S ie  auch .meine Rede minutenlang unter­
brechen, ich werde doch das sagen, w as ich auf dem 
Herzen habe. S ie haben m al die Freundlichkeit gehabt. 1 
m ir zuzurufen, ich fei ein weißer Rabe. (Heiterkeit.) Ich 
möchte nun heute aus meinem Unterricht etwas sagen, 
und danach mögen S ie  beurteilen, ob ich ein Byzan­
tiner bin. Ich bin Geschichtslehrer und habe also über 
preußische Geschichte, über preußische Könige usw. sehr 
viel zu unterrichten gehabt. Es ist m ir nicht eingefallen, 
byzantinisch zu fein. Ich  verurteile das auf das 
schärfste, und wenn ich am Schlüsse, in den letzten Ge­
schichtsstunden, die zwanzigjährigen Leute beisammen 
hatte, dann habe ich nicht etwa den jungen Menschen 
gesagt: S ie  haben gehört, wie w underbar die Hohen- 
zoltern regiert haben bei uns, nun gehen S ie  hin und 
werden S ie  stramme, Monarchisten: sondern ich 
habe den jungen Menschen gesagt. . .  (Zuruf: W er­
den S ie Sozialisten! Heiterkeit.) S ie  wollten ja die 
Sache ernst behandeln. (Sehr richtig! Zurufe.) Wenn 
S ie  doch erst mal abwarten wollten, ob das, w as ich 
sage, ernst zu nehmen ist oder nicht, und wenn Sie 
dann I h r  Urteil abgeben wollten. Ich habe dann zu 
den jungen Leuten gesagt: Meine Stellung kennen S ie 
ja, die habe ich nie verborgen: ich bin kein Byzantiner; 
ich werde sie auch jetzt nicht verbergen. W enn ich ein 
Byzantiner wäre, dann würde ich einen anderen 
Standpunkt einnehmen, denn es gibt bekanntlich auch
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in der Demokratie Byzantiner. (Hört, hört!) Ich habe 
also den jungen Leuten gesagt: Ob S ie  meine Auf­
fassung teilen oder nicht, darauf kommt es nicht an. 
Werden S ie  Konservative oder werden S ie Sozia­
listen, aber w as S ie  werden, das werden S ie  mit 
Überzeugung. M ir ist ein überzeugter Sozialist hun­
dertmal lieber als ein Byzantiner, der Speichel leckt 
und katzbuckelt. (Sehr richtig!) Das können Ihnen  
in Neukölln viele Leute erzählen und danach können 
| S ie beurteilen, ob ich ein Byzantiner bin. Ich habe 
also nie byzantinische Reden gehört; ich würde es 
erkannt haben,, wenn sie byzantinisch gewesen wären. 
Selbstverständlich will ich nicht leugnen, daß es B y­
zantiner gegeben hat, ebenso wie es heute Byzantiner 
in großer Menge gibt. (Sehr richtig!) Der 27. J a ­
nuar w ar für mich überhaupt kein Tag, wo man 
byzantinern konnte, sondern er w ar ein Tag, 
da man sich allgemein an das S taatsoberhaupt er­
innerte. D as Staatsoberhaupt w ar im alten Deut­
schen Reiche ein Kaiser, folglich wurde Kaisers Geburts­
tag gefeiert. Und ich würde es außerordentlich be­
dauern, wenn das neue Deutsche Reich nicht einen 
solchen Tag hätte. (Gelächter. Rufe: 9. November!) 
Ich habe nichts gegen den 9. November. Ich will 
sagen: wenn man einen solchen Tag hätte, wo man 
die Jugend versammeln kann und wo m an sie in 
einer Feier hinweist auf die Bedeutung des S ta a ts ­
lebens und da einen V ortrag hält. Wogegen w ir uns 
wenden und ich persönlich, das ist die Feier des 1. M ai. 
Aber nachdem die Nationalversammlung in W eimar 
festgestellt hat, daß der 1. M ai 1919 ein nationaler 
Feiertag sein soll, werden w ir diesen Beschluß achten, 
denn wir stehen aus dem Standpunkt, daß wir jeder 
Obrigkeit, die Gewalt hat, zu gehorchen haben. (Aha- 
Rufe.) Auf diesem Standpunkt haben S ie  ja  auch ge­
standen, und das ist der einzig vernünftige und staats­
bildend- Standpunkt, den es gibt. Derjenige, der die 
tatsächliche Gewalt hat, beherrscht den S taa t. Ohne 
diesen Gedanken ist überhaupt staatliches Leben un ­
möglich. W ir haben gegen den 1. M ai um so weniger 
etwas, als die Nationalversammlung ihn wie früher 
die sozialdemokratische P arte i betrachtet als einen De­
mo nst r at io n sfe i er t ag. E s  fall demonstriert werden für 
die Freilassung unserer Kriegs- und Zivilgefangenen. 
W ir können uns also mit dem 1. M ai um so eher be­
freunden. N ur lehnen meine Freunde und lehne ich ab 
Schulfeiern am 1. M ai in sozialistischem Sinne, denn 
dann tragen S ie  Parteipolitik in die Schulen hinein, 
j  Die sozialistische Weltanschauung prägt sich tatsächlich 
vorwiegend im Parteileben aus. W enn man von so­
zialistischer Weltanschauung spricht, so tut man das im 
Gegensatz zu liberaler Weltanschauung oder zur kon­
servativen Weltanschauung. Es ist also unvermeidlich, 
daß in diesem Falle Parteipolitik in die Schulen hin­
eingetragen wird. Die Stadtverordnetenversammlung 
von Neukölln ist aber gar nicht zuständig, zu veran­
lassen, daß der 1. M ai in den Schulen gefeiert wird. 
Das ist Sache der preußischen Staatsregierung, die ja 
jetzt bekanntlich noch die Schule leitet und verwaltet 
und die auch die Schulen in Neukölln leitet. W enn also 
der 1. M ai in den Schulen gefeiert werden soll, so 
wird das preußische Staatsministerium an die P ro- 
oinzial-Schulkollegien und die Regierungen eine ent­
sprechende Verfügung ergehen lassen müssen, und 
dann werden die Schulleiter danach zu verfahren 
Haben.
W ir wenden uns weiter aber auch m it aller E nt­
schiedenheit gegen eine freiwillige Feier des 1. M ai in 
den Schulen, und zwar au s ethischen Gesichtspunkten. 
Wenn nämlich der 1. M ai freiwillig gefeiert werden 
soll von- einigen Kindern, dann bringen S ie  erst recht 
Parteipolitik in die Schule hinein, dann werden die
        
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