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Periodical volume 12. März 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 12. März 1919
Sozialdemokraten selbst einmal überlegen. Dann Wohnungsfrage hat zu Anfang des Krieges dadurch 
werden Zustände eintreten, wo Sie, meine Herren eine gewisse Erleichterung erfahren, daß die wehr­
Sozialdemokraten alle, wie Sie hier sind, als viel fähige Bevölkerung größtenteils Charlottenburg 
zu reaktionär und konservativ den Leuten gegenüber 'verließ. Dadurch war im Augenblick eine Erleichte­
angesehen werden, die dann die Oberhand, wahr­ rung geschaffen. Aber die Verhältnisse, insbesondere 
scheinlich in Form der Diktatur, über uns gewinnen der Mangel an Rohstoffen, die Unmöglichkeit, neue 
werden. Wohnungen zu errichten, haben dazu geführt, daß 
die Wohnungsnot in ungewöhnlich verstärkter Form 
Borsteher Dr. Borchardt: Es ist ein Antrag 'auf auftrat, als der Krieg zu Ende war. 'So ist heute 
Schluß der Debatte eingegangen. Ich stelle die die Frage so brennend, daß w ir uns ihr nicht ent­
Frage, ob der Antrag genügende Unterstützung findet. ziehen können. W ir müssen m it der Tatsache rech­
—  Der Antrag -ist genügend unterstützt. Ich Akte nen, daß etwa 100, vielleicht noch mehr Familien 
diejenigen, die für den Schluß der Debatte sind, die am 1. A pril nicht wissen werden, wo sie hin sollen. 
Hand zu erheben. Bei der Nähe des Umzugstermins wird daher der 
Magistrat vor die außerordentlich dringende Frage 
(Geschieht.) gestellt, wie er diesem Notstand abhelfen will.
Es ist auch nicht damit zu rechnen, daß das nur 
— Das ist die Mehrheit. Die Debatte ist geschlossen. ein Uebelstand ganz vorübergehender Natur sei.
Die Antragsteller verzichten auf das Schluß­
wort. W ir kommen nunmehr zur Abstimmung. (Zuruf: Doch!)
(Der Antrag Dr. Broh und Gen. wird von der Ver­ Denn wenn selbst, was ich hoffe, zu erwarten ist, 
sammlung abgelehnt.) daß größere Teile der Bevölkerung auf das Land 
Bevor w ir weitergehen, bemerke ich, daß das ziehen oder in die kleinen Städte abwandern wer­
Protokoll der Sitzung heute vollziehen die Stadtver­ den, so ist doch die Wohnungsfrage nicht nur auf 
ordneten Dr. Brix, Frau Deutsch und Troebs. die einzelnen Großstädte beschränkt. Nicht nur in den Großstädten existiert eine Wohnungsnot, son­
W ir kommen zu Punkt 10 der Tagesordnung: dern auch in vielen kleinen Städten, auch auf dem 
flachen Lande ist sie vorhanden. Daß also etwa 
Anfrage der «tobtu. Dr. Rosenfeld und Gen. betr. von heute auf morgen oder übermorgen diese Ver­
Wohnungsnot. hältnisse eine Verschiebung zugunsten der großen 
Städte erfahren werden, davon kann nicht die Rede 
Die Anfrage lautet: sein. Aber selbst, wenn das der Fall wäre, würde 
es den Magistrat nicht davon entbinden, sich im 
Welche Maßregeln sind vorn Magistrat be­ Augenblick nach allen Möglichkeiten umzusehen, die 
absichtigt oder getroffen, um bei dem am in dieser Beziehung bestehen.
1. April zu erwartenden Notstand für diejeni­ Der Mieterverein hat sich bereits in dieser An­
gen Familien, die ihre Wohnung verlassen gelegenheit an die Gemeinde gewandt und hat Vor­
müssen und ohne andere Wohnung oder Unter­ stellungen gemacht, in welcher Weise hier der M a­
kunft bleiben, Abhilfe zu schaffen? gistrat Abhilfe zu schaffen denke. W ir haben durch 
die neue Verordnung manche M itte l in die Hand 
Fragesteller Ttadtv. Dr. Rosenfeld: Geehrte bekommen, und in dieser Beziehung möchte ich 
Anwesende! Ich bedaure, daß ich nach einer aus­ gern von dem Magistrat hören, ob er dazu Stellung 
giebigen vierstündigen Debatte noch gezwungen bin, genommen hat.
Ihre  Aufmerksamkeit in dieser vorgerückten Stunde Es handelt sich z. B. um die Bestimmung, die 
in Anspruch zu nehmen. Aber w ir können nicht zur Behebung der dringendsten Wohnungsnot in 
umhin, auf diese Dinge einzugehen, weil sie von der Verfügung vom Januar 1919 getroffen ist. 
außerordentlicher Bedeutung sind. Darin ist eine Maßregel an 'die Hand gegeben, wo­
Die Tatsache der Wohnungsnot hier in Char­ nach eine Zwangspachtung' zur Errichtung von 
lottenburg kann ja keinem Zweifel unterliegen. Behelfsbauten, von Baracken und Notbauten statt­
Wer noch vor einigen Monaten darüber im Zweifel finden kann. Das wäre eine Maßnahme, von der 
sein konnte, wird durch einen Blick in die Zeitungen ich mir gerade für Charlottenburg etwas versprechen 
darüber eines Besseren belehrt. Was bisher noch könnte. Denn w ir haben geeigneten Grund und 
niemals der Fall nxir, sehen w ir jetzt: es werden Boden, bei dem daran gedacht werden könnte, auf 
Belohnungen ausgeschrieben für die Vermittlung diese Weise Abhilfe zu schaffen.
von einer kleinen oder mittleren Wohnung. Das Ferner ist eine Handhabe durch eine Verord­
ist ein Zustand, der darauf hinweist, wie die Dinge nung gegeben, die dem Magistrat erlaubt, eine 
sich zugespitzt haben. Uebersicht darüber zu gewinnen, wo die Wohnungen 
Ich muß mit ein paar Worten auf die allge­ nicht genügend ausgenutzt sind. I n  dieser Be­
meine Seile eingehen. Die Wohnungsfrage ist für ziehung ist bereits in einer Reihe anderer Gemein­
Charlottenburg nicht neu. Ich erinnere mich, daß den m it gutem Beispiel vorangegangen worden. 
bereits vor zehn Jahren hier in der Stadtverord­ Man hat dort eine Statistik geschaffen, um festzu­
netenversammlung davon die Rede war, daß wegen stellen, ob nicht eine große Anzahl von Wohnungen 
Mangels an Kleinwohnungen Feuerwehrwachen für in einem so geringen Maße Bewohnt sind, daß es 
obdachlose Familien haben in Anspruch genommen in einem auffälligen Mißverhältnis zu der lieber- 
werden müssen. Es ist eine alte Sünde der Vergan­ völkerung steht, unter der die meisten Wohnungen 
genheit. die hier von neuem in verstärkter Form auf­ leiden. Wenn w ir Zustände haben, daß zwei, drei 
getreten ist und mahnend an unsere Tür pocht. Die Familien in eine Wohnung hineingepreßt sind, so
        
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