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Periodical volume 12. März 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

Sitzung am 12. März 1916
rungen des Kollegen Frank wenden, der im  Namen Beschäftigung an, die der Betreffende lausübt. Wenn
seiner Freunde erklärt bat, -a n  er der M agistrarsvoi- er den Tag über eine sitzende Lebensweise hat, so wird 
llage zustimme, wenn die Unterrichtsstunden für die er oder sie sehr gern turnen. W enn es sich dagegen 
Fortbildungsschüler in die Abendstunden verleat wer­ um ein Laufmädchen handelt, so wird es abends 
den. D as kann es für uns gar nicht neben. Wer es müde sein und darauf verzichten. W enn sie aber 
am eigenen Leibe erfahren hat, wenn man sich nach vorher turnen und nachher zur Arbeit gehen, also 
des Tages Arbeit noch abends hinsehen und den dann weiter laufen soll, wird sie auch nichts leisten 
Unterricht in  sich aufnehmen soll, der kann es nicht können: das ist ganz ausgeschlossen. Jedenfalls 
verantworten, diesen Unterricht in die Abendstunden haben diese beiden Punkte gar nichts m iteinander zu 
zu verlegen, hauptsächlich in der fetzigen Feit, wo wir tun, es wäre denn, daß m an sagen könnte: das 
ausserdem noch unter den Ernährungsschwierigkeiten Turnen kann sich für das spätere Leben a ls  sehr no t­
zu leiden haben. Ich meine, der Mensch ist nach wendig herausstellen, während der R eligionsunter­
seiner Tagesarbeit vollständig übermüdet und kann richt wohl m it dein 14. Lebensjahr abgeschlossen wer­
daher den S to ff nicht mehr so in sich aufnehmen, wie den kann. I n  dieser Beziehung stimme ich m it dem 
es wünschenswert ist. Ich  glaube, davon sollten S ie  Herrn Vorredner überein, der sagte, daß Religion 
sich wohl alle überzeugen lasten und dem ganz ent­ überhaupt nu r erlebt werden kann.
schieden widersprechen.
S tad tv . Gebert: M eine Dam en und Herren! 
S tad tv . Frank: D as, was der Herr Vorredner Die Ausführungen, die die Vertreter der Religion 
eben ausführte, daß es für ihn n u r diskutabel würg, hier gemacht haben, sind nach meiner Ueberzeugung 
wenn die Unterrichtsstunden in die Tagesstunden heute nicht am Platze gewesen. A uf die R eligions­
verlegt werden, weil dann der Körper ausgeruht fei, frage an  und für sich hier einzugehen, em m .g i sich; 
fordern auch die Arbeitgeber, und zwar darum, weil es würde uns das außerordentlich viel Feit weg­
ein junger Mensch, der vorher stundenlang in der nehmen. W ir wollen hier aber praktische Arbeit ver­
Schule gesessen hat und dann zur A rbeit kommt, auch richten, und gerade der Fortbjldungsschulun.trrricht 
müde ist und gar kein Interesse mehr an  der A r­ verlangt praktische Betätigung.
beit hat. N un, meine Damen und Herren, eine ernst­
hafte Frage! Wenn ich a ls  ausgelernter Lehrling 
(Aha! bei den Sozialdemokraten.) oder Arbeiter zu ebnem Arbeitgeber komme, u n d  
sage: ich will S tellung  bei d ir annehmen, dann 
M eine Dam en und Herren, das ist ja ganz selbst­ sagt der betreffende Arbeitgeber nicht: kannst du, 
verständlich ̂  w ir haben doch diese Fälle gehabt. deinen Katechismus oder die Bibelsprüche ausi 
W enn S ie  verlangen, daß die Jugend früh morgens 'wendig, 'dann fragt er: kannst du  arbeiten.
um 8 Uhr in der Schule sein soll, dann ist natürlich 
der halbe Tag weg, und wenn sie dann nachher zur (S eh r richtig!)
Arbeit kommt, hat sie dazu keine Lust mehr. E in  
ausgeruhter Körper ist also zur Arbeit nötig, wie das Deswegen legen w ir W ert daraus, daß die F o r tb il­
ja auch für den Schulunterricht verlangt wird. dungsschule, die ja  lediglich die Pflege des werk­
Außerdem möchte ich auf eins aufmerksam tätigen Unterrichts iin A uge hat, nicht m it neben­
machen. D as Gesetz sagt, daß m an vor der E in ­ sächlichen D ingen überlastet w ird, die der Betreffende 
richtung eines solchen Fortbildungsschulunterrichts nachher im praktischen Leben nicht gebrauchen kann.
sowohl die Arbeitgeber wie die Arbeitnehmer hören Auf die A usführungen des H errn  Kollegen 
muß. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, daß Dr. Brot) einzugehen, soweit er gnädigst unsere P ar*  
der Gesetzgeber sich wohl dabei gedacht hat: nicht nur tei dabei im  Auge gehabt hat, erübrigt sich. M eine 
hören, sondern auch diese Vorschläge der beiden in D am en und Herren, ich möchte Ih n e n  empfehlen« 
Betracht kommenden Faktoren befolgen oder wenig­ d ie  Vorlage des M agistrats anzunehmen und im 
stens reiflich erwägen muß, lvas das Richtige ist. Laufe der Z eit zu versuchen, alle notwendigen, aber 
Beide Faktoren haben aber, soviel m ir bekannt ge­ zurzeit noch außerhalb des R ahm ens der F o rtb il­
worden ist, den A ntrag gestellt, diese S tunden  von dungsschule befindlichen Unterrichtsgegenstände im 
5 bis 8 Uhr zu legen. Ich möchte den H errn B ürger­ Interesse unserer gesamten Bevölkerung einzuglie­
meister fragen, ob das stimmt. Gegen die Nach­ dern. A uf jReligionsfragen will ich mich, wie ich 
mittagsstunden von 5 b is 8 Uhr hätte ich auch nichts schon einm al sagte, nicht 'weiter einlassen. W ir 
einzuwenden. W enn S ie  sie aber m itten in die A r­ werden ja Gelegenheit genug haben, darauf einzu­
beitszeit legen, zerreißen sie den Arbeitstag, und S ie  gehen, und dann, meine H erren V ertreter der R e­
werden es den jungen Leuten auch n u r erschweren. ligion, werden w ir ja, soweit die b is  jetzt bestehen­
Arbeit zu finden. D as  möchte ich ausdrücklich fest­ den Einrichtungen in  F rage kommen, noch oftm als 
gestellt haben. Solange S ie  das  beachten wollen, daß die Klinge kreuzen können. D am it möchte ich meine 
die Unterrichtsstunden von 5 bis 8 Uhr gelegt wer­ A usführungen schließen.
den sollen —  das ist wenigstens der Schluß der A r­
beitszeit, d ie dadurch nicht zerristen wird solange Stadtv . Suse (zur Geschäftsordnung): Ich
werden w ir nichts dagegen haben. glaube, die ganze Angelegenheit ist genügend be­
Ich möchte aber dem einen der Herren V or­ sprochen worden; ich beantrage daher Schluß der 
redner noch etw as entgegnen —  ich glaube, es war Debatte.
ein H err von der Rechten — , der sagte, .daß das 
T urnen nötig sei —  das sieht er ein—  aber auch der (D er A ntrag auf Schluß der D ebatte wirtt 
Religionsunterricht nachher erforderlich wöre._ D eo  'nach Probe und Gegenprobe angenommen. D ie 
muß ich widersprechen. D as  Turnen kann sich als Versammlung beschließt einstimmig nach dem A tu  
sehr notwendig erweisen. E s kommt ganz auf die trage des M agistrats, wie folgt:
        
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