Path:
Periodical volume 17. Dezember 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

651
Sitzung nm 17. Dezember 1910
man nur den kleinen Bruchteil der Leute sieht, die in der Woche vom 15. bis einschließlich 20. De­
Faulpelze sind und vielleicht die Arbeitslosenunter­ zember zur Auszahlung, gebangt. Zu diesem
stützung ausnutzen. Meine Damen und Herren, es Zwecke sind 200 000 dl bereitzustellen.
hat vor dem Kriege Faulpelze gegeben, und es gibt Meine Damen und Herren, es ist uns bekannt, daß 
jetzt Faulpelze, und es wird immer Faulpelze geben. die Erwerbslosenunterstützung in einer Woche etwa 
Der Krieg ist nicht dazu angetan gewesen, die Ar­ 180 000 dl ausmacht. Wenn S ie  diesen Abändc- 
beitslust der Leute zu stärken. Wenn es also eine rungsantrag annehmen, so entsteht keine Gefahr, daß 
kleine Anzahl Arbeitsscheuer unter den Arbeitslosen Leute unterstützt werden, die der Unterstützung nicht 
gibt, die natürlich überall gesehen werden und über dringend bedürfen und nicht entsprechend lange a r ­
die sich alle bürgerlichen Zeitungen immer furchtbar beitslos gewesen sind. E s entsteht dem Magistrat 
aufregen, —  wenn es z. B . unter den 6500 Arbeits­ auch gar keine Schwierigkeit, die Zahl dieser Leute 
losen, die wir, glaube ich, in  Charlottenburg haben, festzustellen. E s  sind einfach die M ittel zu bewilli­
wirklich 500 solcher Faulpelze geben sollte, dann gen und die Unterftützungskommissionen anzuweisen, 
kann ich nicht begreifen, wie man die 6000 anderen, an einem bestimmten Tage die Unterstützung aus­
schwer darbenden darunter mitleiden lassen dürfte. zuzählen. Ich bitte S ie , dem abgeänderten Antrage 
D as ist m ir vollständig unfaßlich. zuzustimmen.
N un hat Herr Geheimrat Stadthagen die 
Verordnung her Regierung herangezogen, nach der Vorsteher Dr. Borchardt: E s -ist ein Antrag
eine N e u r e g e l u n g  der Erwerbslosenunter- auf Schluß der Besprechung eingegangen. Auf der 
stützung verboten sein soll. Wenn ich recht verstan­ Rednerliste stehen noch die Kollegen Dr. B r oh und 
den 'Hube, haben w ir hier im Saale gar nicht von Dr. Löwenstein.
einer N e u r e g e l u n g  der Erwerbslosenuntcr- 
stützung gesprochen, (Der Antrag wird angenommen.)
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten) Stadtv. Weidlich (Schlußwort): Werte A n­
wesende! Ich hätte zu der ganzen Angelegenheit 
sondern w ir haben davon gesprochen, ob es möglich nicht viel hinzuzufügen, aber die Ausführungen des 
ist, den Erwerbslosen zu Weihnachten ein Geschenk F rl. v. Gierke haben mich wirklich in Erstaunen ge­
zu machen. Um weiter handelt es sich gar nichts. setzt. Ich kann es nicht verstehen, wie ein Fräulein 
Ich bin kein Ju rist, aber nach meinem einfachen v. Gierke, die dauernd Sozialpolitik treibt, erklären 
Laienverstand sollte m ir scheinen, daß das uns von kann, für die Arbeitslosen wäre diese Unterstützung 
keiner Regierung verboten werden könnte. nicht notwendig, und es würde nicht viel helfen, wenn sie diese Unterstützung zu Weihnachten erhiel­
ten. Ich kann Ihnen  erklären, daß ich selbst die 
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Arbeitslosigkeit durchgemacht habe, ich weiß, was 
Arbeitslosigkeit heißt. Wochenlang, bin ich arbeits­
Der Herr Magistratsvertreter hat darauf hinge­ los gewesen, weil ich durch die Ueberproduktion in 
wiesen, daß der Antrag der Unabhängigen Fraktion dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung
so spät gekommen und so wenig klar gehalten sei, 
daß es dem M agistrat sehr schwer würde, ihn aus­ (Lachen bei der Demokratischen und der B ürger­
zuführen, und er ihn deshalb ablehnen müßte. Meine lichen Fraktion)
Freunde möchten die Bedenken des Herrn M a­
gistratsvertreters gern .zerstreuen und haben den aufs Siraßenpflaster geworfen worden bin. I n  
Antrag klarer formuliert. W ir wollen den Kreis der dieser Beziehung bin ich also Weifet los sachver­
Personen, die unterstützt werden sollen, begrenzen ständiger als F rl. v. Gierke, die noch niemals etwas
und auch den Betrag festsetzen. W ir glauben, damit mit Arbeitslosigkeit zu tun gehabt hat, als sich 
die berechtigten Einivände des M agistrats widerlegt höchstens diesen Zustand aus der Ferne anzusehen.
zu huben und hoffen dam it zu erreichen, daß diesen Dann wurde hier erklärt, daß im Ruhrrevier 
armen Menschen wenigstens etwas geholfen und Arbeitskräfte verlangt würden. W ir haben Leute 
ihnen das Weihnachtsfest etwas heller gemacht wird, dorthin geschickt; sie sind uns aber wieder von dem 
a ls  es sonst wäre. Meine Fraktion möchte darum 
einen Abänderungsantrag einbringen, der folgender­ Bürgermeister zurückgeschickt und es ist uns erklärt worden, daß dort genügend Arbeitslose vorhanden 
maßen lautet: wären, die zunächst untergebracht werden müßten. 
Die Stadtverordnetenversammlung wolle be­ Trotzdem diese Arbeitskräfte hier in Berlin bestellt worden sind, wollte das Ruhrrevier noch nicht ein­
schließen, den Magistrat zu ersuchen, in Anbe­
tracht der großen Not der Erwerbslosen ihnen mal die Kosten für diese Leute aufbringen; wir 
eine Weihnachtsunterstützuny zu zahlen. I n  sollten sogar die Kosten für die Rückreise tragen. S o  lagen die Dinge; cs trifft also nicht zu, daß die 
Betracht kommen Erwerbslose, deren Bedürf­
tigkeit vor Zahlung der Winterbeihilfe geprüft Leute dort nicht arbeiten_ wollten. E s sind viele
und durch 'deren Bewilligung erwiesen ist. Leute vorhanden, die gern arbeiten möchten; aberda zunächst diejenigen, die am längsten arbeitslos 
sind, vermittelt werden müssen, so hält es sehr schwer, 
(S tadtv. H o r  l i tz : Die Prüfung macht der M a­ für sie Arbeit zu beschaffen. Ich kann Ihnen  auch 
gistrat, nicht der Hausfrauenverein! —  Stadtv. erklären, daß sogar ein M itglied der Demokratischen 
Fräulein v. G i e r k e :  Leider!) Partei an mich herangetreten ist und mich gebeten 
hat, einen jüngeren Menschen, der ein halbes Ja h r  
Die Weihnachtslmterstützung soll in gleicher arbeitslos ist, unterzubringen. Daran, daß es 
Höhe bemessen werden -wie die Erwerbslosen­ diesem Menschen nicht einmal möglich gewesen ist. 
unterstützung. die an die betreffenden Personen Arbeit zu bekommen, trotzdem er auch schon ein
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.