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Periodical volume 17. Dezember 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 17. Dezember 1919
Wir hallen das nicht für etwas, was HM, ich jeden­ licheres, als durch Wochen und Wochen arbeitslos 
falls nicht. Wenn s ie  durchaus wollen, dag etwas zu sein, durch Wochen und Wochen Arbeit suchen au 
bewilligt wird, und wenn Sie gfoubeni, baß die müssen. Wer das überhaupt jemals aus der Nähe 
Stadt sich solche Weihnachtsfveude leisten kann, dann gesehen hat, der wird auch, ohne die Arbeitslosigkeit 
bewilligen Sie es nicht schematisch gerade den Er­ am eigenen Leibe erlebt zu haben, nicht sagen: es 
werbslosen, sondern 'stellen Sie den Stellen eine -heißt, Geld planlos auf die Straße werfen, wenn 
Summe zur Verfügung, die die schlimmste Not man zu Weihnachten den Erwerbslosen eine Bei­
kennen und wissen, wo wirklich damit geholfen wer­ hilfe gewähren will. Ich bitte Sie, sich vorzustellen, 
den kann. daß die wöchentliche Beihilfe für einen Familien­
vater mit Frau und zwei Kindern 57 Jl beträgt. 
(Zuruf links: Is t das die Nächstenliebe?) Wenn dieser Familienvater in der Weihnachtswoche 
das Doppelte bekäme, so frage ich, was er wohl für 
— In , das ist meine Nächstenliebe, daß ich versuche, furchtbaren Luxus mit diesen 114 d l  treiben könnte 
so zu helfen, wie wirklich geholfen wird, und nicht bei einem "bicrköpfigen Haushalt.
versuche, so zu helfen, wie es im Augenblick bet Es stimmt nicht, daß es so viel offene Arbeits­
Straße gefällt, denn das bedeutet Ih r  Antrag. stellen im Deutschen Reiche gibt, -daß man die hiesi­
gen Erwerbslosen einfach do.rt beschäftigen könnte. 
(Zurufe bei den Unabhängigen.) Durch einen Zwischenruf ist schon gesagt worden, 
und ich kann das bestätigen: die Leute, die von hier 
Stadtv. Dr. Stadthagen: Meine Damen und aus nach dem Ruhrrevier geschickt wurden, sind z. B. 
Herren! Im  Namen meiner politischen Freunde alle nach Berlin zurückgekommen, weil die Stellen 
habe ich folgende Erklärung abzugeben: nicht mehr frei waren. S o  ist es an Hunderten von 
Wir können uns nicht der Ansicht der Antrag­ Stellen gewesen; das sann ich schriftlich beweisen.
steller anschließen, daß die Erwerbslosen in besondern , Wie kann man auch sagen: die Arbeitslosen würden 
Maße einer Weihnachtsbeihilfe bedürfen. Es gibt die Beihilfe, die sie zu Weihnachten bekämen, zum 
manche Arbeiter und Arbeiterinnen in weitestem Trinken benutzen.
Sinne -des Wortes, darunter viele Angehörige des 
Mittelstandes, deren -Einnahmen, besonders unter (Zuruf der Stadtv. Fräulein v o n G i e r ! e : Ein 
Berücksichtigung ihrer notwendigen Berufsaufwen­ Prozentsatz!)
dung, nicht höher sind als die der Erwerbsosen.
Die Herrschaften aus dem Saale mögen einmal 
(Sehr richtig!) sagen, wieviel betrunkene Arbeitslose sie schon auf 
§en Straßen Berlins getroffen haben. Ich arbeite 
Ganz abgesehen von der Schwierigkeit einer Ab­ in einem Hause, wo täglich Hunderte von arbeits­
grenzung der Kreise, bei denen gegebenenfalls eint losen Männern verkehren. Es ist noch keine Ver­
Weihnachtsgabe an sich erwünscht wäre, steht einer anlassung gewesen, auch nur einen einzigen betrun­
Zustimmung zu dem Antrage die Rechtslage im kenen Arbeiter aus den Räumen -des Arbeitsnach­
Wege. Nach einer Entscheidung des Reichsarbeits- weises hinauszuweisen. E s  gibt ja gar keinen Alko­
ministers vom 18. Ju li 1919 ist jede, die Leistungen hol zu kaufen;
der Erwerbslosenfürsorge erhöhende Neuregelung 
grundsätzlich abzulehnen, „da nur noch ein Abbau, (Zuruf)
nicht aber eine weitere Erhöhung der schon jetzt 
als viel zu hoch erkannten Unterstützungsbeträge mit — den können die Arbeitslosen nicht bezahlen, das 
Rücksicht auf die allgemeine finanzielle Lage in Frage ist gänzlich ausgeschlosien.
kommen kann". Weit einschneidender und für die Wenn eine Weihnachtsbeihilfe bewilligt werden 
Gemeinden bedeutungsvoller ist aber der Artikel 1 sollte, so wenden wir uns mit aller Energie dagegen, 
Nr. 1 der Verordnung betr. Erwerbslosenfürsorge die Verteilung irgendwelchen Fürsorgesdellen zu 
vom 27. Oktober 1919, abgedruckt im Reichsgesetz­ überlassen, sondern die Verteilung muß beim Ma­
blatt S .  1827, der vorhin vom Herrn Magistrats­ gistrat bleiben. Die Arbeitslosen wollen keine Wohl­
vertreter verlesen worden ist. Bei dieser Sachlage taten, sie wollen, daß wir ihnen gegenüber eine 
sicht sich die Demokratische Fraktion nicht in der soziale Pflicht erfüllen,
Lage, dem Antrage Dr. Hertz und Gen. zuzustimmen.
(Stadtv. Dr. H e r t z : Sehr richtig!)
(Stadtv. 'Dr. H e r tz :  H ört! hört!)
weiter nichts.
Stadtv. Frau Zucker: Meine Damen und Fräulein von Gierke ist die Vorsitzende des 
Herren! Meine Freunde stimmen in der Tendenz Charlottenburger Hausfrauenvereins, sie müßte also 
idem Antrage der Unabhängigen Sozialdemokrati­ wirklich etwas von Hauswirtschaft verstehen und 
schen Fraktion bei. Es ist mir unfaßlich, wie sich sollte sich ausrechnen können, wieweit die Arbeits­
Fräulein von Gierte hier hinstellen und sagen kann, losen mit ihrer Unterstützung kommen. S ie  muß 
es handle sich, wettn man den Erwerbslosen eine auch wissen, daß in den Familien der Arbeitslosen 
Weihnachtsbeihilfe bewilligt, darum, Geld planlos die allerbitterste Not herrscht. Der Herr Kollege 
hinauszuwerfen, um der Straße, wie sie sagt, zu ge­ Hertz hat das ausführlich dargelegt, so daß ich mir 
fallen. , S ic  selbst ist noch nie arbeitslos gewesen, ersparen kann, die Versammlung hier mit Details 
ich persönlich habe die Arbeitslosigkeit am eigenen aufzuhalten. Ich weiß, daß in weiten Kreisen der 
Leibe auch noch nicht erlebt, ich stehe aber an einer Bürgerschaft eine Mißstimmung gegen die Arbeits­
Stelle ähnlich der des Herrn Kollegen Weidlich, und losen herrscht. Das liegt daran, weil man in weiten 
die Arbeitslosigkeit ist mir so nahegetreten, daß ich Kreisen nicht die Leute sieht, die tagaus, tagein 
wohl sagen kann: es gibt, glaube ich, nichts Schreck­ nach Arbeit suchen und keine bekommen, sondern weil
        
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