Path:
Periodical volume 12. November 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

567
Sitzung am 12. November 1919
überwachen haben, so auf den Kopf gefallen sind, Vorsteher Dr. Borchardt (unterbrechend): Ich 
um nicht zu merken, daß Sie die 126 Soldaten nur muß den Zwischenruf zurückweisen. Ein Stadtver­
deshalb dem Reichswehrminister und dem M i­ ordneter ist kein Wirrkopf.
nisterium des Innern entziehen und hier unter­
bringen wollen, um eben die Ziffer auf diese Weise . (Stürmische andauernde Heiterkeit.)
zu erhöhen? Da sind Sie doch sehr schief gewickelt. 
Die Herren werden Ihnen selbstverständlich einen Ich bitte um Ruhe!
Strich durch die Rechnung machen und werden ge­
nau so erkennen, wie alle es erkennen, daß es nur Stadtv. Dr. Broh (fortfahrend): Ich möchte 
darauf abgesehen ist, unter irgendeinem, und zwar hierzu bemerken, daß der Herr Stadtverordneten­
dem pkumpesten Vorwand, den man sich denken kann, vorsteher den Zurufenden falsch verstanden hat. Der 
nämlich wegen der angeblichen Bewachung dieser Zuruf bezog sich darauf, daß ich angeblich mit Karl 
Waffen, 126 Mann aktive Soldaten mehr zu haben. Liebknecht und Rosa Luxemburg zusammen die 
Nun würde ich ja dieses Vergnügen dem Deut­ Revolution am 9. Januar gemacht hätte.
schen Reiche gönnen. Es müssen ja, wie ich schon (Rufe: Nein! — Erneute große Heiterkeit.)
sagte, besondere Helden sein, und warum soll man 
sie nicht dem deutschen Heere erhalten? Aber daß Jawohl, das haben Sie so gemeint. Nachher hat 
nun gerade die Stadt C h a r l o t t e n b u r g  dazu der Herr Stadlverordnetenvorsteher Dr. Borchardt 
ausersehen wird, die nach dem Zeugnis des Herrn geglaubt, einen Witz daraus machen zu dürfen.
Stadtkämmerers Scholtz mit ihren Finanzen bei­
nahe schon auf dem letzten Loche pfeift, die nachher (Zuruf: Der Vorsteher darf doch keine Witze machen!)
über eine Million betragenden Kosten — denn die 
Summe wird ja immer höher — einfach aus ihrer Ich habe nichts dagegen, daß hier bei dieser Sache, 
Tasche zu zahlen, das ist denn doch eine starke Zu­ die ohnehin so humorvoll und grotesk ist, auch ein 
mutung. Wenn Sie von Arbeiterräten gesprochen Witz auf meine Person gemacht wird.
haben, wir werden ja nachher hören, wie Sie da um Ich möchte also nur zurückweisen, daß eine jo 
jeden Pfennig feilschen werden. Wir haben auch jugendliche Persönlichkeit, wie Herr Richter es ist, 
vorher schon oft Gelegenheit gehabt, von dem der bisher, glaube ich, es doch noch nicht bewiesen 
Herrn Oberbürgermeister und von dem Herrn Käm­ hat, sich etwa auch wie Karl Liebknecht und Rosa 
merer, auch wenn es sich nur um 500 J l handelte, Luxemburg als Vorkämpfer des Proletariats Ve­
z. B. für einen Arbeiterverein, für einen Schwimm­ rachten wollte, der vielmehr, wie ich gezeigt habe, 
verein, der die Ertüchtigung der Jugend bezweckte, derartig wirr gehandelt hat — wenn man so sagen 
zu hören: ja, dazu reichen leider unsere Finanzen will in Anführungsstrichen —, daß er sich als So- 
nicht. Aber für die 126 Zinnsoldaten ialdemokrat an die Christliche Volkspartei und die 
Deutschnationalen um Hilfe gewandt hat, daß er also 
(Lachen und Zurufe von der Bürgerlichen Fraktion das Recht hätte, über Persönlichkeiten von h i st o - 
und den Demokraten) ri schem Range derart abzuurteilen. Das 
möchte ich denn doch nicht unwidersprochen lassen.
haben wir 800 000 cä. Ich sage „ Z i n n s o l ­ Ebenso möchte ich aber Herrn Brandt auf seine 
dat en"  deshalb, weil diese Soldaten in der Aeußerung, daß die Einwohnerwehr alle Parteien 
Tat gar n ich ts  zu tu n  haben,  außer umfaßt, erwidern, daß das die übliche Redensart ist, 
— laut Vorlage selbst — die Waffen gegen den ver­ wie sie z. B. sein Freund Wilhelm II .  damals so 
meintlichen Angriff zu bewachen, der bisher niemals gern gebraucht hat, daß er Parteien nicht mehr kennr 
gemacht worden ist und der nur in der P h a n ­ und daß alle Parteien vereinigt seien. Ja. weiß 
tasi e der Herren der Rechten 'und der Herren denn Herr Brandt nicht, daß es auch eine Unab­
Mehrheitssozialisten, existiert. hängige Partei gibt und eine Kommunistische Partei 
Deutschlands, oder will er etwa behaupten, daß auch 
(Erneutes Lachen.) die Unabhängigen und auch die Kommunisten sich in 
dieser Einwohnerwehr mit dieser Bravour beteiligt 
Ich kann mich dahin resümieren, daß wir unter hätten?
allen Umständen diese Vorlage ablehnen. Wenn Sie (Rufe: Jawohl!)
wollen, beteiligen wir uns aber auch an der Be­
ratung im Ausschuß. Also lassen Sie doch bitte solche wirklich nur als 
Nur ein Wort noch möchte ich dem Herrn P o - Phrasen klingenden Ausdrücke, daß alle Parteien 
l i z e i p r ä s  i d e n t e n  Ri cht er  erwidern. Er vertreten seien.
hat sich, obwohl er doch eigentlich dem Alter nach Wenn er feiner meinte, es wären Leute gewesen, 
kaum die Berechtigung dazu hat, angemaßt, die die nicht im Bett geblieben seien, so möchte ick ihn 
Personen, die damals gegen Herrn Ocheidemann nur daran erinnern, daß die größten Hurrapatrioten 
und die anderen Herren der Mehrheitssozialisten am bekanntlich hier hinter dem Ofen gesessen haben.
9. Januar vorgingen und die ihrerseits die Macht 
für das Volk erstrebten, Wirrköpfe zu nennen. Er (Lehr richtig! bei den Unabhängigen Sozialdemo­
kann damit nur meinen Leute von dem Range eines kraten. — Zuruf: Sie haben gefehlt!)
Karl Liebknecht und einer Rosa Luxemburg,
Der Graf Reventlow von der Deutschen Tages­
(Lachen rechts; Zuruf: Dr. Broh!) zeitung, Ih r Freund, und alle die andern, die immer zum Durchhalten aufgerufen haben.
in denen wir die Vorkämpfer des Proletariats be­ (Stadw. G e b e r t :  Und Sie haben sich im
wundern. Reichstage verkrochen!)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.