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Periodical volume 12. November 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

56.")
Sitzung am IV. November 1919
Nun wird ferner in der Vorlage erklärt, daß Vorsteher Dr. Borchardt: Ich bitte, den Redner
die Einwohnerwehr ihre Aufgabe völlig u n e n t ­ in Ruhe anzuhören.
g e l t l i c h  versehen wird, und gleichzeitig wird uns 
m it dieser so schönen und so gründlichen Vorlage ein Stadtv. Dr. Broh: — gegenüber den Milliarden, 
Kostenanschlag über die völlige Unentgeltlichkeit in die in den Räumen und Kontoren der Herren Ka­
Höhe von 100 000 d l gemacht! pitalisten eine Rolle spielen.
(Zurufe bei der Bürgerlichen Fraktion.) Nun also: ein Beleg findet sich in den Akten nicht. Allerdings hat der Herr Polizeipräsident 
— Nein, ach nein, Sie kennen nun leider wieder e i n m a l ,  nämlich am 26. J u li 1919, die Hilfe 
nicht den Kostenanschlag: sehen Sie sich ihn genauer 3er Einwohnerwehr requirieren zu müssen geglaubt. 
an, meine Herren Zwischenrufer und Zwischen­ Er schreibt nämlich, daß sich auf den Rummelplätzen 
ruferinnen. in der Kant- und Bismarckstraße nach Schluß der 
(Erneute Zurufe.) Buden junge Leute herumtrieben und da allzuviel Rabatt machten; er selbst würde nicht recht fertig 
— Dann muß ich es Ihnen wieder vorlesen. damit, und er erbittet eine Patrouille der Einwohner­
wehr von 10 Mann. Nun ist das geradezu grotesk, 
(Heiterkeit. — Glocke des Vorstehers.) denn man fragt sich: weshalb werden solche Rummel­
Vorsteher Dr. Borchardt: Ich bitte Sie, in den plätze und Buden in der 'Bismarckstraße überhaupt 
Zwischenrufen nicht zu weit zu gehen. von dem Polizeipräsidenten genehmigt, anstatt ein­
fach damit Schluß zu machen. Und dann ferner: um 
Stadtv. Dr. Broh: Ich muß es Ihnen wieder diese jungen Butschen, die sich nach Schluß der Buden 
vorlesen, wenn Sie es sich zu Hause nicht durch­ dorr noch herumtummeln, in die Schranken zurück­
lesen. Da steht: Uebernahme der Kosten für die zuweisen, dazu sollen w ir jetzt eine Einwohner­
Mitglieder der freiwilligen Einwohnerwehr — Herr wehr unterhalten und 126 Mann als Gerippe dieser 
v. Rechenberg und Fräulein Klockow! — , Verwal-. Einwohnerwehr, wie hier so schön gesagt wird, mit 
tung 80 000 dl. Das ist die völlig selbstlos da­ einem Etat von zirka 1 M illion  dt bezahlen.
stehende Einwohnerwehr! Wahrscheinlich meint der Das, meine Dgvten und Herren, ist das g e - 
Magistrat, weil es n u r 80 000 Ji sind, daß es so s a m t  e Material, das sich darüber in den Akten 
gut wie unentgeltlich ist, namentlich bei unseren findet, daß der Polizeipräsident sich nicht hat helfen 
Finanzen, von denen Herr Stadtkämmerer Scholtz können, sondern die Einwohnerwehr noch zum 
uns mal vorher einiges zu sagen gewußt hat. Und Schutze für sich hat herbeirufen müssen.
das auch Herrn Dr. Stadthagen zur Antwort in 
bezug auf die Selbstlosigkeit, mit der die Herren (Andauernde Zurufe.)
von der Volkswehr gewirtschaftet haben, indem sie 
sich die Summe von 240 000 dt — oder, ich glaube, — Vielleicht haben Sie noch andere Belege; dann 
es ist noch mehr — einfach ohne Belege haben zahlen würde ich dankbar fein, wenn Sie diese M illion  be­
lassen, und ferner die Selbstlosigkeit bezüglich der gründen könnten. Das wäre ja eine dankenswerte 
freiwilligen Einwohnerwehr mit ihren 100 000 dl. Aufgabe für die Herren Zwischenrufer. Ich kann 
Nun wird weiter als einzige Begründung da­ mich nur nach dem richten, was die Magistratsvor­
für, warum wir diese edle, selbstlose und völlig un­ lage bringt und die in den Akten enthaltenen Be­
entgeltliche Wehr weiter bezahlen sollen, eigentlich lege ergeben.
«nur das angegeben: sie hätte gute Resultate im Nun kann ich Ihnen aber gemäß den Akten 
Kampfe gegen das Verbrechertum gezeitigt. doch verraten, daß außer der Angelegenheit mit dem 
Rummelplatz, der doch wirklich eine sehr lächerliche 
Auch vom Polizeipräsidenten selbst ist unter Rolle spielt, sich umgekehrt ein Mann wie Huhn, den 
Hinweis auf die völlig ungenügende Stärke Sie vielleicht als Großindustriellen kennen —  er hat 
der Schutzmannschaft die Einwohnerwehr um die Rücklaufgefchosse für die Heeresverwaltung ge­
Hilfe ersucht worden. liefert — , in einem sehr ausführlichen und sehr be­
Das hört sich ja wirklich sehr schön an: 'gute Re­ gründeten Schreiben darüber beschwert, chaß diese 
sultate im Kampf gegen das Verbrechertum. Es Sicherheitswehr offenbar nur dazu da sei, um Um­
fehlt nur in den Akten irgendein B e l e g  für diese fug zu treiben, um durch nächtliche Schießereien die 
Kämpfe. Herr Kollege Brandt hat so etwas gesagt, Ruhe zu stören. Dieser Beschwerde ist dann auch 
daß in seinem Bezirke 53 Leute wegen Eigentums­ stattgegeben worden, und man hat die Sicherheits- 
vergehens dingfest gemacht worden seien; ich weiß wehr entfernt.
nicht, ob von der Einwohnerwehr. Nehmen wir das Ich kann Ihnen ferner nach den Mitteilungen 
an. Aber ich möchte darauf aufmerksam machen, meines Parteifreundes Jarius verraten, daß erst vor 
daß in den Büros der Herren Kapitalisten in ganz ganz kurzem, ebenfalls durch die Nachlässigkeit eines 
Berlin noch sehr viel zu tun wäre, auch ohne daß Postens dieser Sicherheitswehr, drei Menschenleben 
die.Einwohnerwehr in Tätigkeit^tritk, um Eigen­ aufs äußerste gefährdet worden sind.
tumsvergehen, Schleichhandel, Schiebungen usw., 
die in die Millionen und Milliarden gehen, zu ver­ (Zurufe: Sicherbeitswehr!)
hüten oder zu unterbinden.
(Lebhafte Zurufe.) — Nein, speziell dieses Wachtzuqes —  ich habe mich 
dann eben versprochen — , dieses Wachtzuges, für 
Also die paar Leute, die sie wegen Stehlens von ein den w ir jetzt diese 800 000 dt anfordern oder jeden­
paar silbernen Löffeln usw. festgenommen haben, falls zugrunde legen.
die können uns nicht so sehr imponieren-------- Nun. das sind die Ersolae dieses Wachtwges 
und der Einwohnerwehr, für die w ir so viel zahlen 
(Erneute lebhafte Zurufe. — Glocke des Vorstehers.) sollen.
        
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