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Periodical volume 12. November 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 12. November 11)19
schließt, geht für uns hervor, «dass die Kernfrage nicht Dagegen haben wir doch ziemliche Bedenken 
die einmalige Uebernahme ist, sondern die dauernde dagegen, daß in dieser Anstalt auch für die Auf­
Belastung, und daß es sich um eine Sache von sehr nahme von Schwestern usw. Platz geschaffen werden 
großer Tragweite handelt. soll, und würden dem nur dann zustimmen können, 
wenn die Aufnahme von Müttern und Kindern da­
Neben den finanziellen Bedenken veranlaßt uns durch wirklich nicht beeinträchtigt wird. Ich stimme 
aber M dem Antrag der Verweisung an einen Aus­ dem Kollegen Dr. Löwenstein darin vollkommen zu, 
schuß, daß hier eigentlich erstmalig die Entwickelung daß die Sache jetzt eilig und dringlich ist. Trotz­
von privater zu städtischer Wohlfahrtspflege sprung- dem kann ich mich dem Wunsch von Frl. v. Gierte 
artig vor sich geht. Ich sage sprungartig: denn an nach einer nochmaligen Beratung in einem Aus­
und für sich ist der Vorgang, daß die Private Wohl­ schuß nicht ganz verschließen. Es ließe sich vielleicht 
fahrtspflege allmählich zur öffentlichen Wohlfahrts­ ermöglichen, daß dieser Ausschuß sehr bald zu­
pflege wird, etwas, was sich in den letzten Jahr­ sammentritt, so daß eine wesentliche Verzögerung 
zehnten ganz regelmäßig vollzogen hat. und etwas, 
dem wir uns absolut nicht entgegenstellen wollen. dadurch nicht eintreten würde. Ich bitte also auch, der Ausschußberatung zuzustimmen.
Aber hier geht es, durch die augenblicklichen finan­
ziellen Verhältnisse hervorgerufen, in einer Weise Stadtv. Dr. Feilchenfeld: Meine Freunde sind 
vor sich, die doch nach außen hin den Eindruck einer der Ansicht gewesen, daß es nicht möglich sei, diesen 
KommunalPerung der Wohlfahrtspflege um der .Kom­ Antrag des Magistrats an einen Ausschuß zu ver­
munalisierung willen machen könnte. Deshalb glau­ weisen. Die Sachlage ist augenblicklich so geklärt, 
ben wir, gerade weil es sich hier um eine prinzipielle daß wir glauben, ruhig die Annahme empfehlen zu 
Sache und um eine Sache von sehr großer finan­ können und daß wir nur, falls der Antrag nicht 
zieller Tragweite handelt, daß man eingehende Er­ zurückgezogen wird, für den Ausschußantrag sein 
wägungen, wie sie der Magistrat ja auch gepflogen werden. Wenn Frl. v. Gierte in diesem Falle eine 
hat, noch einmal in einem Ausschuß -vornehmen sollte. sprunghafte Verstadtlichung sieht, so gestehe ich das 
gern zu. Aber wir müssen doch daran festhalten: 
Stadtv. Dr. Löwenstein: Wir sind natürlich alle Wohlfahrtseinrichtungen sind augenblicklich 
niemals gegen eine Ausschußberatung, wenn aus der derart, daß sie vor einer ganzen oder teilweisen 
Sache wirklich etwas Bedeutsames herauskommen Verstadtlichung stehen, da sie sonst sich nicht erhal­
könnte. Aber ich möchte doch die Kollegin Frl. ten können. Immer wieder ist jetzt von denjenigen, 
v. Gierte darauf aufmerksam machen, daß diese die sich mit der Sache sehr eingehend beschäftigen, 
Materie uns schon sehr ausführlich in der Deputation die Frage erörtert worden, ob eine solche Verstadt­
beschäftigt hat, daß wir das Für und Wider sehr ein­ lichung meistens nicht eine teilweise sein soll, d. H. 
gehend auch nach der wirtschaftlichen Seite besprochen ein gemischter Betrieb, in dem die Hauptkosten und 
haben, sogar in sehr langer und eingehender D is­ die Aufsicht den Gemeinden, dem Staat oder den 
kussion, und daß damals die Deputation, ich glaube, sonstigen Behörden überlassen bleiben, aber doch 
mit sehr großer Majorität für die Kommunalisie­ auch die freie Betätigung der Wohlfahrtsvereine 
rung war. noch erhalten bleibt. Man muß sich in jedem ein­
zelnen Falle sehr sorgfältig fragen, ob irgendeine 
ferner möchte ich zu bedenken geben, daß die soziale Arbeit bei einer solchen privaten Wohlfahrts­
sache auch etwas eilt, daß aus diesem provisorischen einrichtung vorhanden ist, die erhalten zu werden 
Zustande das Säuglingsheim endlich einmal heraus­ berechtigt ist.
kommen muß. Es ist gerade bei der Aussprache zu­ In  diesem Falle haben wir uns in der Depu­
tage getreten, daß die Verhältnisse in dem Säug­ tation überzeugen können — ich stimme da mTt 
lingsheim nicht so sind wie sonst in städtischen Ein­ Herrn Kollegen Löwenstein vollkommen überein — , 
richtungen, daß die Stadt hier eine ganze Menge daß hier nichts zu erhalten ist, was nicht vcrstadt- 
Neues schaffen müßte und sollte, was «der Privat- licht werden kann.
vevein, der mit sehr starken finanziellen Schwierig­ Selbstverständlich, Frau Kollegin Zucker, 
keiten zu kämpfen hat, nicht leisten könnte. Um der brauchen wir dieses Haus in erster Linie für unsere 
Dringlichkeit der Sache willen und weil sie wirklich Charlottenburger. Ob dann noch Platz zur Unter­
gründlich beraten ist, möchte ich doch bitten, den An­ bringung von Schwestern ist, ist eine Frage, die wir 
trag auf Ausschuß-beratung zurückzuziehen. im Ausschuß jetzt gar nicht zu prüfen haben. Das 
ist etwas, was sich nachher aus der Arbeit ergeben 
Stadtv. Frau Zucker: Meine Freunde be­ wird. Die Gesundheitspflege-Deputation, die die 
grüßen diese Vorlage, weil sie der erste Schritt zur Leitung dieses Heims übernehmen wird, wird dann 
Verstadtlichung der Wohlfahrtspflege ist. Wir wün­ im Einzelfall zu prüfen haben, ob Schwestern hin­
schen aber, da dieses Unternehmen lediglich aus einkommen können oder nicht. Diese Frage würde 
städtischen Mitteln erhalten wird, daß auch dafür also im Ausschuß gar nicht gefördert werden können.
Sorge getragen werden möchte, in allererster Reihe Da nun die Sache beschleunigt werden muß 
diese Anstalt nun auch Charlottenburger^ Müttern und ich mir absolut nicht denken kann, daß aus einer 
und Kindern zugute kommen zu lassen. Soweit ich Ausschußsitzung noch irgend etwas herauskommen 
orientiert bin, sind es bisher etwa nur 29% Char­ kann, da das Angebot ein gutes ist — das Haus ist 
lottenburger gewesen, die in diese Anstalt aufge­ in gutem Zustande, es ist dadurch verwahrlost, daß 
nommen sind. Wir stimmen dem Plan, auch es nicht renoviert und während der ganzen Kriegs- 
lungenkranke Kinder in diesem Heim unterzubrin­ -eit nicht aufgearbeitet istf; bas ' Inventar ist 
gen, gleichfalls zu, betrachten es aber als selbstver­ jämmerlich heruntergearbeitet, so daß wir viel Ar­
ständlich, daß die Einrichtungen derart getroffen beit haben werden, um die Sache wieder in Ord­
werden, daß eine gesundheitliche Gefährdung der nung zu bringen, aber das Grundstück selbst ist bau­
gesunden durch 'die lungenkranken Kinder ausge­ lich gut erhalten, und das Terrain ist gut gelegen, 
schlossen ist. so daß wir weiter gar nichts wünschen können, als
        
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