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Periodical volume 12. November 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

Sitzung am 12. November 1919
den besondere Nahrungsmittelzulagen zur Ver­ Ich erlaube m ir zu sagen, daß das ein Weg ist, den 
fügung zu stellen. ich nicht gehen würde, und Sie gestalten, daß ich 
das hier äußern kann, und daß mein Gefühl gegen­
(Beifall.) über dem Wege, der dort begangen ist, das Gefühl 
der absolutesten Ablehnung und Empörung ist.
Ein Verfahren, das überall, nicht nur in Groß- Zweitens möchte ich keinen Zweifel darüber 
Berlin, sondern auch an sonstigen Orten üblich ist, lassen, daß w ir nicht minder ein Gefühl der Em­
aber selbstverständlich ganz genau so wie der ange­ pörung über die außerordentlich von sittlicher Ent­
griffene Fall den allgemein ausgesprochenen Regeln rüstung angeblich triefenden Worte haben über die 
widersprach. Das sind meine Sünden auf dem Ge­ Vertrauensstellung, die ein Mann wie der General­
biet der Lebensmittelversorgung. feldmarschall v. Bülow mißbraucht hätte. Es ist 
hier gesagt worden, ein Mann in solcher Stellung 
(Heiterkeit.) hätte derartige Dinge nicht tun sollen.
(Stadtv. Dr. H e r tz :  Sehr richtig!)
Meine Damen und Herren! Ich habe bisher 1
immer in meinem Leben den Me n s c he n  über den Ich weise das als eine erbärmliche Unterstellung 
B ü r o k r a t e n  gestellt, einer solchen verdienten Persönlichkeit hiermit m it 
aller Energie zurück.
(Sehr richtig! bei der Bürgerlichen Fraktion)
(Lebhafter Beifall bei der Bürgerlichen Fraktion. — 
und selbst wenn der heilige Bürokratismus heute 
einmal die Form des Herrn I)r. Löwenstein ange­ Lachen und Zurufe bei den Unabhängien Soz.)
nommen hat, Ebenso besteht in unseren Seelen ein Gefühl 
tiefster Empörung darüber, wenn hier dem ver­
(große Heiterkeit) dienten Oberbürgermeister der Stadt Charlotten­
burg, der uns alle in jeder Richtung durch sein un­
so bin ich nach wie vor der Auffassung, daß der endliches Entgegenkommen, seine Sachlichkeit und 
Mensch  im Verwaltungsbeamten nicht zu kurz Liebenswürdigkeit erfreut, vorgeworfen wird, daß 
kommen darf. er Byzantinismus gegenüber der Militärkaste be­
kundet habe. W ir können in seinem Vorgehen nur 
(Sehr richtig!) eine feine, schöne Ritterlichkeit sehen, die w ir an 
ihm außerordentlich hochschätzen. W ir lehnen es ab, 
Ich habe die Hoffnung, daß auch in diesem Saale ihm ein Mißtrauensvotum zu erteilen, sondern be­
mehr Menschen als Bürokraten sitzen. antragen schleunigst Uebergang zur Tagesordnung 
über diesen unglaublichen Antrag.
(Bravo!)
(Lebhafter Beifall bei der Bürgerlichen Fraktion.)
und diesen Menschen gegenüber vertrete ich das, 
was ich getan habe, voll und ganz, und hoffe, daß Stadtv. Frau Nemitz: Meine Herren und
das Urteil, das Sie fällen, nicht bürokratisch, son­ Damen! Ich glaube, Die Ausführungen des Herrn 
dern menschlich ist. Oberbürgermeisters haben uns keineswegs davon 
überzeugen können, daß er gerecht gehandell har. Fü r 
(Lebhafter Beifall bei der Bürgerlichen Fraktion uns kommt in Betracht: ein Vertrauensarzt har das 
und den Demokraten.) Zeugnis ausgestellt, Daß diesem Herrn v. Bülow die, betreffende Zulage nach seinem Erachten als Kran­
ken zukommen muß. Der Oberbürgermeister ist weit 
Stadtv. Dr. Luther: Meine Damen und darüber hinausgegangen. Wenn der Herr Oberbür­
Herren! Nach den klaren, schönen und überzeugen­ germeister sich daraus berufen hat, daß das Gesetz es 
den Worten des Herrn Oberbürgermeisters erübrigt bis dahin noch nicht vorgeschrieben hatte, das Ge­
es sich eigentlich, auf die Sache als solche einzugehen. setz über die «Krankenversorgung erst 4 Wochen später 
Ich möchte aber Herrn Dr. Löwenstein, da er vor­ in Kraft getreten sei, so glaube ich bestimmt an­
hin so viel Werl auf die Gefühlslage gelegt hat, in nehmen zu müsien, daß w ir gerade von dem Haupt 
der er und feine Freunde sich bei Kenntnis dieser 
Tatsachen befunden haben, auch über unsere Ge­ der Stadt, dem Herrn Oberbürgermeister, das größte 
fühlslage unterrichten; und da möchte ich zuerst Gerechtigkeitsgefühl zu erwarten haben. Ich glaube, wenn Sie die Auszählung der verausgabten Lebens­
sagen, daß in den Herzen meiner Freunde und in 
meinem ein Gefühl tiefster Empörung herrscht, schon mittelkarten in Betracht ziehen, so werden Sie fin­
über die A rt und Weise, in der dieses Material in den, daß das mehr als Zuwendungen für einen Kran­
die Hände des Herrn Dr. Löwenstein gekommen ist. ken sind. Herr Oberbürgermeister wußte genau, daß 'wir in der bittersten Not lebten und daß eine ge­
rechte Verteilung der Lebensmittel für Kranke statt- 
(Stadrv. I)r. L ö w e n st e i n : Das wissen Sie ja 'finden muß. Es besagt sehr viel, daß in der schwe­
gar nicht!) ren Zeit, wo w ir so knapp mit M iti) versorgt wer­
den, daß viele «Kranke nur 34 Liter Milch erhalten 
Ich erlaube mir zu sagen, daß es für meine Begriffe 'und das Atter der Kinder, die Milch bekommen, 
ein etwas wundersamer Weg ist. den ich nicht gehen 'ziemlich niedrig steht, Herr v. Bülow täglich 134 
würde. Liter Milch in Empfang nehmen konnte. Ich er­
blicke darin nicht das Gerechtigkeitsgefühl, sondern, 
(Stadtv. Dr. L ö w e n st e i n :  Sie wissen sa gar 'ich möchte als Frau sagen: es ist ziemlich ungerecht, 
nicht wie!) 'wie in diesem Falle verfahren worden is t
        
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