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Periodical volume 29. Oktober 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 29. Oktober 1919
Von grundsätzlicher Bedeutung ist der Antrag Stadtv. Blum: Meine Freunde stehen dem
des Herrn Stadtv. Seidel: die Summe, -die hier Antrag Seidel sehr sympathisch gegenüber. Auch 
für den katholischen Religionsunterricht gefordert w ir stehen _rntf dem Boden der weltlichen Schule, 
wird, zu streichen. Ich glaube, meine Damen und nicht aus Fanatismus, und ich glaube, daß auch 
Herren, es ist nicht möglich, diesem Antrag zu ent­ Herr Kollege Seidel diesen Antrag nicht aus Fana­
sprechen. Es handelt sich um den Religionsunter­ tismus gestellt hat. Wenn Fanatismus in der Be­
richt katholischer Kinder, die evangelische Schulen be­ antwortung der Frage, ob Religion in der Schule 
suchen. W ir erfüllen nur eine gesetzliche Pflicht, in ­ gelehrt werden darf oder nicht, zu finden war, so 
dem wir für den katholischen Religionsunterricht war er stets auf jener Seite zu finden.
dieser Kinder sorgen. Es ist der Religionsunterricht 
ein Pflichtfach unseres Grundlehrplans; «wir sind da­ (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)
her verpflichtet, für Lehrkräfte zur Erledigung des 
Unterrichts zu sorgen. Eine Streichung der Beträge W ir find der Ueberzeugung, daß die sittliche 
kann also weder für den evangelischen noch für den Erziehung unserer Kinder nicht leiden wird, wenn 
katholischen Religionsunterricht nach Lage der gegen­ w ir auf den Religionsunterricht verzichten. -Die 
wärtigen Gesetzgebung in Frage kommen. Es wäre Kirche mag -für den Religionsunterricht allein 
auch eine große Unbilligkeit, wenn w ir bloß bei der sorgen. Die Schule den Pädagogen, die Kirche den 
einen Position eine Erhöhung nicht eintreten ließen. Theologen! Leider sind w ir aber durch gesetzliche 
Ich habe aber die Worte des Herrn Vorredners nicht Bestimmungen in unseren Beschlüssen betreffs des 
so aufgefaßt, daß der Religionsunterricht, wenn er Religionsunterrichts gebunden; w ir dürfen heute 
erteilt wind, fortan geringer bezahlt werden soll; es den Religionsunterricht leider noch nicht völlig aus 
soll vielmehr überhaupt kein Geld aus städtischen der Schule entfernen.
Kasten dafür ausgegeben werden. Nein, meine Meiner Meinung nach steht uns aber ein M itte l 
Herren, das ist nicht möglich. Wenn w ir für die zur Verfügung, um die Mehrausgabe, um die es 
katholischen Kinder, die unsere evangelischen Schulen sich hier handelt, wesentlich zu mildern. Es ist jetzt 
besuchen, nicht durch Nebenbeschäftigung Religions­ so, daß in den höheren Schulen nur 2 Rcligions- 
unterricht erteilen lasten, so müßten w ir fest ange­ stunden erteilt werden brauchen, während die 
stellte katholische Lehrer damit betrauen. Es würden Volksschule 4 Religionsstunden hat. Da möchte ich 
dadurch nur die Ausgaben für uns erheblich höher bitten, daß der Magistrat bei den maßgebenden 
werden. Instanzen dafür eintritt, daß in der Anzahl der 
Religionsstunden eine unbedingte Gleichstellung 
Stadtv. Freiherr v. Nechenberg: Meine der Volksschulen m it den höheren Schulen erfolgt.
Damen und Herren! Herr Kollege Seidel hat die (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Gelegenheit benutzt, erstens seinen Fanatismus, 
zweitens seine gänzliche Uitkenntnis der Verfassung W ir können es nicht verstehen, daß für die Volks­
darzutun. I n  der Verfassung steht, daß bis zum schulen 4 Religionsstunden notwendig sind, wäh­
Erlaß der in § 138,2 vorgesehenen Gesetze die bis­ rend für die höheren Schulen 2 Stunden ge­
herigen maßgebend bleiben. Das bisherige Gesetz nügen. Das Wort, daß die Religion „dem Volke" 
ist das vom Jahre 1906; das ist noch maßgebend. erhalten bleiben soll, erhält durch diese Maßnahme 
I n  diesem Gesetz heißt es in § 37 Abs. 2: eine ganz besondere Beleuchtung.
Bei den nach Abs. 1 zu stellenden Anfor­ Der Meinung, daß Religion Wissenschaft sei, 
derungen darf von den Beschlußbehörden die können w ir nicht beipflichten. Religion ist Glaube 
Notwendigkeit des besonderen Religionsunter­ und steht m it der Wissenschaft in großem Kontrast. 
richts nicht mit Rücksicht auf die Leistungs­ Aus dieser Erkenntnis heraus sind w ir gegen den 
fähigkeit der Verpflichteten vernein: werden. Religionsunterricht in der Schule. Religion ist 
Die Stadtverordnetenversammlung oder der Privatsache; w ir fordern die rein weltliche Schule.
Magistrat ist somit gar nicht in der Lage, diese Trotzdem möchte ich Sie bitten, die Erhöhung 
Summe zu streichen, wenn 12 Kinder vorhanden nicht zu streichen. Aus Gerechtigkeitsgründen soll 
sind. Ich glaube, jeder wird zugeben müssen, daß die Erhöhung auch den Lehrern zukommen, die den 
mehr als 112 Kinder vorhanden sind. Was die An­ Religionsunterricht heute noch erteilen müssen.
zahl der Schulen anlangt, so möchte ich nur sagen, (Ein Antrag auf Schluß dn- Besprechung 
daß von mittleren Schulen 16 in Betracht kommen, findet nicht die genügende Unterstützung.)
ferner 3 katholische und noch zahlreiche andere Ge­
meindeschulen, an tvclchen 92 bis 96 Stunden Stadtv. Panschow: Meine Damen und Herren! 
wöchentlich erteilt werden. Ich bodaure, daß hier jedesmal in dieser Versamm­
W ir stehen allerdings auf dem Standpunkt, daß lung die Gemüter aus Gründen auseinanderplatzen, 
die Religion eine Wissenschaft ist, und cs ist mir die eigentlich ganz außerhalb dieses Raumes 
immer unverständlich gewesen, wie jemand, der liegen. Die Frage, ob Religionsunterricht in un­
irgend etwas Verständnis für die Vergangenheit seren Schulen zu erteilen ist, beschäftigt die S tadt­
hat, glauben kann, er würde sie je verstehen, wenn verordnetenversammlung gar nicht; sie hat gar 
er nicht die Religion kennt. Cb er sie glaubt, ist feinen Einfluß -darauf, hier Eingriffe vorzunehmen. 
seine Sache, kennen muß sie jeder; die ganze Ge­ Das Gesetz und die ganze Debatte -darüber, gehört 
schichte ha: sich darauf aufgebaut. vor die Landesversammlung. Daß w ir die M itte l 
Verpflichtet sind w ir, das zu zahlen; das ist bereitstellen müßen, die das Gesetz von uns fordert, 
das Gesetz, das schreibt die Verfassung vor, und ich ist etwas ganz Selbstverständliches, und es ist schade 
glaube, cs erübrigt sich jede weitere Debatte dar­ um die kostbare Zeit, die w ir hier für Dinge ver­
über. W ir sind einfach verpflichtet, w ir sind gar­ schwenden, die an dieser Stelle ganz zwecklos er­
nicht in der Lage, über -diesen Betrag zu diskutieren. örtert werden.
(Bravo! bei der Bürgerlichen Fraktion.) (Sehr richtig! bei der Bürgerlichen Fraktion.)
        
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