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Periodical volume 1. Oktober 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 1. Oktober 1919
Antragsteller Stadtv. Klick (Schlußwort): fliegender Photograph seine Werklstätte aufgeschlagen 
Meine Damen und Herren! W ir  hatten den An­ hatte, auf die Wandlung zum Schlechten hin auf- „ 
trag auf Ausschußberatung gestellt, weil w ir uns merksam gemacht.
über die Höhe der Aufwandsentschädigung nicht Die Böschungen der Wege waren zertreten, die 
klar waren. Sie wissen ja, daß in  allen anderen Grasflächen waren zertrampelt und m it schmutzigem 
Städten die Aufwandsentschädigung für die M a- Pastier bedeckt. Unbeaufsichtigt durften die Kinder 
gisträtsmitglieder höher bemessen ist als für die dort im Schloßpark, wo sonst Ruhe herrschte, nach 
Stadtverordneten, und aus diesem Grunde wollten Belieben toben und lärmen.
w ir den Antrag in einem Ausschuß beraten, um uns 
dort zunächst über die Höhe der Aufwandsentschädi­ V ie l schlimmer war es aber, daß sich allmählich 
gung zu verständigen. ein halbwüchsiges Gesindel zusammenfand. Es sind nicht weniger als 30 bis 40 M ütter bei dem Schloß- 
Vorstehcr-Stellv. Dr. Frentzel: Tie halten den parkwächter gewesen, um sich nach ihren Töchtern 
Antrag aufrecht? zu erkundigen, die 3 bis 4 Wochen lang nicht nach Hause gekommen waren und die zum großen Te il 
(Stadtv. K l i c k :  J a !) dort gefunden wurden, wo sie sich m it ihren Galanen herumtrieben und offenbar Vorstudien für ihr 
—  Meine Damen und Herren, es ist beantragt wor­ süchtiges Leben als D irnen machten. Es sind weiter 
den, den Antrag an einen Ausschuß Unflätigkeiten schlimmster A rt dort beobachtet wor­den, die sich öffentlich nicht erzählen lassen. Die 
Rohlinge trieben ihre Ungeniertheit zum Teil so 
(Stadtv. K l i c k :  Von 11 M itg liedern!) weit, daß sie im Schloßpark badeten und sich 
—  von 11 M itgliedern zur weiteren Behandlung zu splitternackt sonnten.
überweisen. Meine Herren, eine solche Freiheit für das 
„reife" Volk geht denn doch zu weit. Die Schloß­
(Z u ru f : ' 15 M itg lieder!) parkwächter waren gegen das Treiben ohnmächtig, 
obwohl es treue und gewissenhafte Beamte waren. 
—  Von anderer Seite werden 15 M itglieder be­ Beamte, wie sie sich das neue Regime vielleicht nie­
antragt. mals erziehen wird.
(Lebhafte Rufe: Ra! Ra! bei den Sozialdemokraten.)
(Stadtv. K l ic k :  Einverstanden!)
(Der Antrag auf Verweisung des Gegenstandes Was dagegen geschehen war, das wirkte geradezu 
an einen Ausschuß von 15 M itgliedern w ird m it lächerlich. Es waren an den Bäumen Plakate an­
großer Mehrheit angenommen.) geschlagen. auf denen man lesen konnte: „Wachet 
selbst, helft den Aufsehern, helft Schönes zu er­
Das Protokoll der heutigen Sitzung vollziehen halten!" Nun, meine Damen und Herren, daß das 
die Stadtv. I)r. Etzck, Grollmus und Hübner. irgendwie einen Eindruck auf das Gesindel gemacht 
hätte, das dem anständigen Publikum dort den Park 
W ir kommen zu Punkt 17 der Tagesordnung: verleidete, das werden Sie selbst nicht glauben. 
Diese Plakate erinnern sehr lebhaft an die Proteste, 
Anfrage der Stadtv. Dr. Krüger und Gen. betr. die unsere neue Regierung an d ie .Entente geschickt 
Schloßgarten. —  Drucksache 217. hat, und von denen sie sich offenbar mehr Wirkung 
versprach als von einem machtvollen Heere, das 
Die Anfrage lautet: schleunigst entwaffnet werden mußte.
Welche Schritte gedenkt der Magistrat zu 
tun, um den Zuständen der Unordnung im (Lachen bei den Sozialdemokraten.)
Schloßgarten ein Ende zu bereiten? W ir leben überhaupt in Z einer Zeit wunderbarer 
„F re ihe it": einer Freiheit, gestohlene Seife und 
Fragesteller Stadtv. Dr. Krüger: Wer die Zu­ Wäsche auf offener Straße verkaufen zu dürfen, 
stände, die sich in diesem Sommer im Schloßpark einer Freiheit, daß man jeden Schauerroman ver­
entwickelt hatten, aus eigener Anschauung kennen öffentlichen unid jeden Schundfilm vorführen darf, 
gelernt hat, für den bedarf die Anfrage keiner Be­ um das V o ll bis in den innersten Kern zu verseuchen, 
gründung. Es ist m ir nur fraglich, wie weit der und ondem: Freiheiten mehr. H ier muß wirklich 
Magistrat helfen kann. Im m erhin erscheint es einmal Ordnung geschaffen werden.
notwendig, diese Dinge einmal öffentlich zu be­
sprechen. (Zuru f bei den unabhängigen Sozialdemokraten: 
Sehr richtig! M it  dem Säbel!)
Der Schloßpark war früher eine Zierde der 
Stadt, ein weltberühmtes Schmuckstück: er war eine Freiheit ist nichts weiter als Ordnung, und deshalb 
Stätte, würdig der Grabstätte Kaiser Wilhelms T. war das alte Preußen auch der freieste Staat, weil 
und der Königin Luise, er der ordentlichste war.
(Hurra1, bei den unabhängigen Sozialdemokraten) (Rufe: Hurra! und ironisches Bravo und Hände­
klatschen bei den Sozialdemokraten.)
eine Stätte, wo der anständige und ruhige Bürger 
noch schöne N atur genießen konnte. Jedenfalls ist es Pflicht eines jeden, an seiner 
Heute, unter dem neuen Regime, ist das anders Stelle für Ordnung zu sorgen und dafür einzu­
geworden. Schon beim E in tr it t  in den Schloßpark treten, daß in  unserm gequälten Varerlande wieder 
wurde man dadurch, daß mitten auf dem Wege ein Ordnung und Ruhe eintritt.
        
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