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Periodical volume 17. September 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 17. September 1919
Häusern am tiert, ein offenes G eheim nis, -bah all die sagen: 'wer orientiert ist, weiß, daß die freien 
Im ponderabilien der Pflege, all die D inge, die Schwestern, weil die Gesichtspunkte, nach denen sie 
menschliche Güte verlangen in der Behandlung von handeln, nicht die der geschloffenen Gemeinschaft 
Kranken und Notleidenden, keineswegs erledigt sind, längst nicht das zu leisten imstande sind, w as 
werden können von denjenigen, die durch den A rbeits­ der einzelne Kranke, welchem S tan d e  er auch ange­
nachweis in das Krankenhaus kommen. M eine hören mag, verlangen kann.
D am en und Herren, w ir hoben doch —  das muß auf D arum  b itte ' ich die Herren, im Interesse 
jeder S e ite  des Hauses anerkannt werden —  in erster unserer flanken und armen und siechen Leute von 
Linie Interesse daran, den alten Leuten im Bürger- dem Gedanken abzugehen, die V andsburger 
hause verständnisvolle Pflegerinnen zur S e ite  zu Schwestern abzulehnen. S ie  finden gerade unter 
stellen. E s  ist nicht dam it getan, daß eine technische ihnen Angehörige der einfachsten Kreise, es sind 
V orbildung vorhanden ist, sondern es gehört dazu meist Ostpreußen und oft, wie ich verraten kann. 
auch eine weitere geistige Vorbildung. Ich bin m ir frühere D ienstboten: aber es sind Mädchen von 
nach langen Erfahrungen auf diesem Gebiete außer­ außerordentlicher Tüchtigkeit und sehr großem sozi­
ordentlich zweifelhaft, ob diese V orbildung tatsächlich alen Empfinden. S ie  w ürden sich selbst ins Fleisch 
in den Kreisen, die H err Dr. LöweNstein genannt hat. schneiden, ^besonders m it Rücksicht au f die einfachen 
ohne w eiteres da ist. Jedenfa lls  kann man nicht das Leute, wenn S ie  diese V andsburger Schwestern nicht 
Diktum aufstellen, daß die Schwestern a u s  „exklu­ mehr haben wollten.
siven M utterhäusern  und a u s  Ordenskreisen" kein 
soziales V erständnis hätten. D a s  ist eine Beleidi­ (B ravo! bei der Bürgerlichen Fraktion.)
gung dieser Anstalten, die ich auf das energischste S tad tv . Horlitz: M eine D am en und H erren! 
hierm it zurückweise im Namen aller der Schwestern, W enn der Herr Oberbürgermeister m ir gegenüber 
die unter Hingabe ihres Lebens und ihrer ganzen den V orw urf erhebt, daß meine Ausfiihrungen nur 
Arbeitskraft außerordentlich segensreich in  Deutsch­ in ganz losem Zusammenhange m it der Vorlage 
land für unser Volk gearbeitet haben. stehen, dann muß ich mich dagegen wehren. Gerade 
die Tatsache, daß gegen eine bestimmte Arbeiterschicht, 
(B ravo! bei der Bürgerlichen Fraktion. —  Z uruf die dort beschäftigt ist, Vorwürfe erhoben worden 
bei den Sozialdem okraten: D ie anderen aber auch!) sind und daß die Vorlage zum Ausdruck bringt, daß 
—  D a s  habe ich nicht bestritten. W ir halten es selbst­ die dort beschäftigten Personen ihren Verpflichtungen 
verständlich für möglich, was ja  auch geschehen ist, nicht vollkommen nachgekommen sind, berechtigt mich 
auch jetzt noch geschieht, daß aus dem Kreise der schon allein dazu, das Verlangen aufzustellen, daß 
W ärterinnen Menschenkinder, die soziales Empfinden w ir in einem Ausschuß die Frage eingehend prüfen. 
haben, S treben nach aufw ärts besitzen, in den Vielleicht kommen w ir innerhalb des Ausschuffes zu 
Schwesternkreis aufgenommen werden. D a s  wird der Ansicht, daß der empfohlene Wechsel gar nicht 
kein M utterhaus, gerade religiöser A rt, irgendwie ab­ notwendig ist.
lehnen. Geben S ie  in B erliner M utterhäuser reli­ N un  möchte ich mich entschieden dagegen wen­
giöser A rt, im finden S ie  sehr viele Kinder aus ein­ den, daß Herr Kollege Luther die Behauptung auf­
fachem .si»aus. E s  ist eine S age. zu glauben, daß in stellt, daß die freien Schwestern, also diejenigen 
diesen M utterhäusern n u r Kinder vornehmer Häuser K räfte, die von Berufsorganisationen verm ittelt 
sind. D a  ist auch Volk, und ich glaube, die Kinder werden, nicht dasselbe soziale V erständnis und das 
vornehmer Häuser sind ebenso gut Volk wie andere. tiefe seelische Em pfinden gegenüber den Kranken an 
den T ag legen wie die V andsburger Schwestern. E r ­
(S eh r richtig! bei der Bürgerlichen Fraktion.) fahrungen, die auf diesem Gebiete gemacht worden 
sind, sind jedenfalls anders. W enn w ir berück­
W ir wollen doch nicht immer eine Grenze auflichten sichtigen, aus welchen gesellschaftlichen Klaffen die 
zwischen der einen und der andern Klaffe. E s  kommt Pflegeschwestern, die w ir im Auge haben, stammen, 
darauf an. daß flir diesen schwersten B eruf, den es dann kann das V erhältn is zwischen ihnen und den 
vielleicht gibt, Menschen da sind. die m it ganzer Insassen im Bürgerhause jedenfalls ein in seelischer 
Seele, aber auch m it unendlicher Hingebung schaffen. Beziehung wesentlich besseres oder ebenso gutes sein 
D arum  ist es m ir außerordentlich zweifelhaft, wenn als das V erhältn is zwischen den Kranken und den 
es letzt einreisten sollte, daß w ir durch den A rbeits­ Schwestern, die a u s  den O idenshäusern oder au s  
nachweis Schwestern zugewiesen bekommen. W ir V andsburg stammen. D am it w ill ich durchaus nicht 
Jvtftpn uns in W eitend feit Ia b re n  bemüht, eine Ge­ die Ungerechtigkeit begangen haben, die Tätigkeit der 
schlossenheit in untere Schwesternschaft hineinzube­ V andsburger Schwestern irgendwie anzugreifen. I m  
kommen. D ie  Schwestern sollen in Weitend Heimats- Gegenteil, ich kann Ih n e n  sagen, daß bei dem P e r ­
geffibl fwben. w ir wollen nicht von M o n at zu M onat sonal, das augenblicklich im Bürgerhause tätig  ist, 
wechselnde Persönlichkeiten haben, die gelaufen die A rt und Weise, wie die V andsburger Schwestern 
kommen und schnell wieder abgeben, w eil ihnen an­ arbeiten, durchaus anerkannt wird. D as  müssen w ir 
derswo mehr Dienstaufwandentschädigung gegeben bestätigen. W ir müssen u n s aber gegen die einseitige 
wird. F ü r  diese Schwesternschaft ist es nötig, daß Auffassung wenden, daß nicht auch Leute au s  unseren 
ein Gemeinsamkeitsaeist entsteht. E r  kann nicht Kreisen, die Schwestern der freien B eru fso rgan i­
Arbeitsnachweise, sondern n u r dann ent- sation, in sozialer Beziehung mindestens dasselbe in 
st'ben. w m n din-ch die Oberin und durch die ebenso hervorragendem M aße leisten wie die 
Oberschwestern Gew ähr dafür geleistet wird, daß Schwestern aus anderen Kreisen. D a s  wollte ich 
Elemente hineinkommen, die homogen sind. dem m it aller Deutlichkeit festgestellt haben.
ganzen Geist der Schwesternschaft angedaßt. D arum  
werden w ir uns so lange wie möglich dagegen S tad tv . Dr. Löwenstein: Ich kann mich sehr
sträuben, daß der Ersatz der Schwesternschaft durch kurz fassen. Ich  möchte n u r feststellen, dgß ich durch­
die Arbeitsnachweise beschafft w ird, vollends durch die aus nicht sagen w ill, daß die V andsburger Schwestern, 
sogenannten freien Schwestern. Ich m uß wieder gerade diese religiösen Schwestern, kein soziales Ge-
        
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