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Periodical volume 17. September 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

Sitzung am 17, September 1919
heit der Schwestern aus Vandsburg möchte ich ihm gen, habe jedoch feine Auskunft bekommen können; 
von vornherein zugeben, daß w ir selbstverständlich aber auf dem Berlin-Schöneberger Arbeitsamt habe 
feine Schwestern von außerhalb heranziehen würben, ich die Auskunft erhalten, daß der freien Vereinigung 
wenn cs uns gelänge, sie hier zu finden. Darin für Krankenpflege 500 bis 600 arbeitslose freie 
stimmen w ir vollkommen überein. Wenn das in der Schwestern zur Verfügung stehen, daß das Arbeits­
Vorlage steht, so ist das leider ein Beweis dafür, daß amt sich verpflichte, 50 bestqualifizierte Schwestern 
wir hiesige Kräfte nicht gewinnen konnten. sofort zur Verfügung zu stellen, wenn nur der Antrag 
Ich möchte mich also dahin resümieren: eine gestellt wird. Also da scheint mir doch das Bedürf­
Notwendigkeit, die Vorlage einem Ausschuß zu über­ nis, fremde, Bandsburger Schwestern heranzuziehen, 
weisen, haben die Ausführungen des Herrn Vorred­ nicht vorzuliegen.
ners nicht ergäben. Sollten Sie trotzdem die Aus­ Aber noch eins, meine Herren! Am 1. Oktober 
schußberatung wünschen, so »triifbe sie nur dazu dienen wird das Säuglingsheim in Charlottenburg in der 
können, einen Gegenstand, den man vielleicht als Rüsternallee aufgehoben. Dort sind Schwestern, die 
einen konnexen bezeichnen kann, nämlich gewisse Be­ lange vorbereitet sind, die kurz vor dem Abschluß 
schwerden innerhalb des Bürgerhauses, zur Sprache ihrer Prüfung stehen. Diese werden auch arbeitslos. 
zu bringen. An der Notwendigkeit der Vorlage haben Der Magistrat steht diesem Säuglingsheim sehr nahe; 
die Ausführungen des Herrn Vorredners, glaube ich, er könnte diese Schwestern mindestens heranziehen.
nichts ändern können. Daß die Bandsburger Schwestern auch sonst Ge­
fahren in sich bergen, hat sich auch in Charlottenburg 
Stadtv. Dr. Löwenstein: Noch Kenntnisnahme gezeigt. I n  dem Krankenhause Westend hat eine 
der Vorlage des Magistrats und der Erklärung des Schwester -wegen antisemitischer Umtriebe -ihre Stel­
Herrn Oberbürgermeisters können wir trotzdem nicht lung dort aufgegeben und eine andere Schwester, die 
davon Abstand nähmen, zu beantragen, daß die Vor­ sich beworben hatte, hat von der Oberschwester dort 
lage in einem Ausschuß weiter beraten werde. Wir ausdrücklich den Bescheid bekommen, daß sie als jü­
sind aus denselben Gründen wie der Herr Kollege dische Schwester doch nicht so recht in den Rahmen 
Horlitz, aber auch noch aus vielen arideren Gründen hineinpaffe.
von der Notwendigkeit überzeugt, daß w ir diese Vor­ (Hört! hört!)
lage zunächst in einem Ausschuß beraten müssen.
Es erscheint uns wichtig, erwägenswert und Ich konnte leider das Material, das mir heute mor­
prüfenswert, ob es nicht möglich sein wird, gerade gen erst zugegangen ist, nicht vorher zur Untersuchung 
aus den Kreisen der Wärterinnen, die sich, soweit mir dem Magistrat unterbreiten, sonst hätte ich das getan. 
bekannt ist, doch nicht so schlecht bewährt haben, einige Etne Erfahrung scheint mir aber daraus mit Not­
zu Pflegerinnen auszubilden. W ir sind besonders wendigkeit hervorzugehen, die man auch sonst macht, 
deswegen dafür, weil diese Wärterinnen, gerade weil daß gerade jene exklusiven Schwestern durch religiöse 
sie den proletarischen Kreisen entstammen, doch den Voreingenommenheit — ich spreche nicht über' die 
stechen, älteren Leuten dieser Gesellschaftsklasse in Pflegequalität dieser Schwestern, die ist so und so 
ihren Gefühlen und Gedankengängen viel näher beurteilt worden — in den Geist, den w ir hier in 
stehen als etwa Schwestern, die aus einem ganz an­ Charlottenburg wünschen, nicht hineinpaffen. Aus 
dern Kreise und anderen Ständen kommen. Wenn allen diesen Gründen scheint es mir dringlich zu sein, 
der Magistrat nun das Bedenken hat und dies hier daß w ir die Sache noch einmal im Ausschüsse beraten 
auch äußert, 'daß ein gutes Einvernehmen zwischen und die Vorlage entsprechend abändern. Meine 
den Pflegerinnen und den Schwestern nicht zu er­ Freunde werden jedenfalls die Bewilligung davon ab­
zielen sei, so sind das Erfahrungen, die auch während hängig machen, ob nach diesem Gesichtspunkte ver­
des Krieges vielfach gemacht worden sind und die, fahren wird.
wie mir bekannt ist, auch von ärztlichen Leitern sehr- Stadtv. Dr. Luther: Meine Herren! Es scheint 
häufig in  den Vordergrund geschoben worden sind. allerdings den Bestimmungen des Demobilmachungs­
Aber auch dort wurde beltont, daß eigentlich die ousschusses zu widersprechen, wenn Schwestern aus 
Schwierigkeit nicht bei dem unteren Personal — es Vandsburg hergeholt werden. Aber als einer, der 
war hier männliches Personal —, sondern vor allen die Dinge ganz genau kennt, kann ich Ihnen ver­
Dingen bei den Schwestern liegt. Gerade diese aus sichern, -daß das Bürgerhaus austerordentlich gut tut, 
den Ordenskreisen und aus den exklusiven Mutter­ wenn es jetzt in der Not, wie es Westend immer getan 
häusern stammenden Schwestern haben sehr häufig -hat, Schwestern aus Vandsburg holt. Die Schwestern 
nicht das soziale Gefühl der Kameradschaftlichkeit im aus Vandsburg sind ausgezeichnete Pflegerinnen und 
Zusammenwirken, sie spielen sich sehr häufig, weil sie haben sich im Rahmen der Schwesternschaft in West­
zum Teil auch durch die Aerzte verwöhnt werden, als end in jeder Beziehung während des letzten Jahr­
Herren der Wärterinnen auf.- und dadurch entsteht' zehnts bewährt. Es ist ganz falsch zu glauben, wie 
dieses unerquickliche Verhältnis. Es ist durchaus not­ es auch der Herr Vorredner getan hat, daß die 
wendig, daß nachgeprüft wird, ob nicht die Möglich­ Schwesternschaften aus einer geschlossenen Gemein­
keit besteht, solche Wärterinnen heranzuziehen.' schaft kein soziales Verständnis hätten. Das gerade 
Aber das ist für uns noch nicht das Wesentliche. Gegenteil ist der Fall. Die Schwesternschaften, die 
Viel wesentlicher ist, daß man zu diesem Zivccke die auf religiöser Grundlage erzogen werden, sind in der 
Bandsburger Schwestern heranziehen will. Der Ma­ ganzen Geschichte des Krankenhauswesens vorbildlich 
gistrat hat uns schon in einer Deputationsfitzung ver­ gewesen,
sprochen, daß er die Bandsburger Sckstmstern mög­ (Sehr richtig! bei -der Bürgerlichen Fraktion)
lichst ausschalten w ill. Es ist absolut nicht denkbar, 
daß cs hier in Berlin nicht genug freie Schwestern vorbildlich das ganze 19. Jahrhundert hindurch in 
gibt. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen: ihrem feinen sozialen Verständnis. Es ist für jeden 
ich 'habe mich hier im Arbeitsamt versucht zu erkundi- Eingeweihten, der seit Jahrzehnten in Kranken-
        
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