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Periodical volume 26. Juni 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

3.76 Sitzung am 26. Juli 1919
Jugend, wir schäbigen die Kräfte der in der Arbeit stark ausgemahlenes Brot ißt, und daß bei dem 
gehenden Personen. M ir  haben verschiedene Aerzte augenblicklichen Zustande auch unter Umständen Ge- 
immer wieder bestätigt, daß der Hauptwunsch auf dem iundheitsschädioungen eintreten können, das will ich 
Gebiet der Ernährung der ist, dost endlich die Aus­ dem» Herrn Vorredner durchaus zugeben. Aber, 
mahlung des Brotgetreides herabgesetzt wird. Ich meine verehrten Damen und Herren, das wissen alle 
spreche nicht pro domo, ich selbst vertrage das Brot Leute sowieso, und das weiß der Herr Reichsernäh­
sehr gut, werde aber dauernd von anderen Leuten rungsminister besser, als wir das hier wissen. Ich 
gefragt: wie liegt die Sache, kann nicht endlich glaube, daß, wenn irgendwie die Möglichkeit dazu 
Schluß gemacht werden. besteht — und diese Möglichkeit, das hat der Herr 
Dann ein Weiteres! W ir wissen, daß in vielen Vorredner selbst anerkannt, können wir hier nicht 
Gegenden, die nicht Groß-Berlin und Hamburg beurteilen •—, dann der Herr Reichsernährungsmini­
heißen, ein anoeres Brot hergestellt wird, ein großer ster ohne weiteres von selbst zu dieser Maßregel über­
Teil der Bevölkerung also unter dieser Schädigung gehen wird. Deshalb kann ich eigentlich die große 
nicht mehr zu leiden hat. Wir wissen weiter, daß Dringlichkeit und Notwendigkeit, die Sache heute in 
auch in Berlin ein Teil der Bevölkerung gar nicht dieser außerordentlichen Stadtverordnetensitzung zur 
unter dieser Sache leidet, sondern sich im Schleich­ Sprache zu bringen, nicht anerkennen. Trotzdem aber 
handel gutes Mehl besorgt und sich davon setzt gutes sind wir bereit, im Schoße des Magistrats die Frage 
Brot backen läßt. zu erwägen und sie eventuell dann — das dürfte die 
Meine Damen und Herren, unter solchen Um­ richtige Instanz sein —  dem Lebensmittelverband 
ständen muß inan hier Schluß machen, da können Groß-Berlin zu unterbreiten. Denn hier eine Son­
wir das sich nicht weiter so fortsetzen sehen. Es deraktion von uns aus aus Grund dieses Beschlusses, 
kommt hinzu, daß durch dieie ganze Sachlage der heute ganz unvorbereitet gefaßt wird, zu unter­
Schleichhandel hervorgerufen, mindestens aber be­ nehmen, scheint mir nicht zweckmäßig zu sein. Ich 
sonders gestärkt wird. Diese Sachlage führt dazu, will also gern zusagen, trotzdem ich die Dringlichkeit 
daß der Schleichhandel mit Korn und Mehl neuer­ und absolute Notwendigkeit dieses Antrages nicht 
dings eine ganz ungeahnte Ausdehnung erhalten hat. durchaus anerkennen kann, daß der Magistrat die 
Frage prüft und sie eventuell dem Lebcnsmittelver- 
(Sehr richtig!) band Groß-Berlin zur Weitergabe übergibt.
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Ein weiterer Gesichtspunkt, der ja von aller­ Antragsteller Stabtb. Dr. Stadthagen: Zu
höchster Bedeutung auch für unsere ganze Ernährung meinem Bedauern habe ich aus Len Worten des 
ist, ist der, daß wir erst dann, wenn w ir wieder gerin­ Herrn Oberbürgermeisters entnommen, daß er nicht 
ger ausmahlen, Kleie gewinnen und damit die Mög­ hinreichend darüber informiert ist, daß in weiten 
lichkeit, unsere Schweinezucht endlich in die Höhe zu Schichten der Bevölkerung der Wunsch auf baldigste 
bringen. Aber nicht nur die Schweinezucht hängt da­ Aenderung der Brotherstellung besteht. Wäre das 
von ab, sondern auch die Erhaltung des. Rindviehbe­ der Fall, dann würde er eben sehen, daß jetzt die 
standes. Tenn aus den verschiedensten Gegenden größte Beschleunigung notwendig ist. Es handelt 
wird berichtet, daß bas Rindvieh unter den jetzigen sich darum, daß der Beschluß möglichst schnell ge­
Verhältnissen mehr und mehr erkrankt. M s ich neu­ faßt wird. Der Rcichsernährungsminister wird ja 
lich aus dem Lande war, konnte ich feststellen, daß auch nur gebeten, auf die möglichst baldige Herab­
fast bei jedem Bauern ein Stück Rindvieh beinkrank setzung hinzuwirken. Im  übrigen glaube ich, daß 
oder io schwach war, daß es sich nicht vom Boden 'ogar ein großer Teil der Bevölkerung, auch der Ar­
erheben konnte, weil die Knochen nicht mehr wider­ beiterbevölkerung, gern, wenn es absolut notwendig 
standsfähig waren. Das liegt zum großen Teil an 'ein sollte, mit einer 10%igen Kürzung der Gesamt­
dem Mangel an Kleie, natürlich auch an dem an brotration einverstanden wäre, wenn er anders aus- 
anderem Kraftfutter. Durch die Herabsetzung der qemahlenes Getreide bekommt. Denn weite Kreise 
Ausmahlungsrate wird Kleie gewonnen, wodurch der Bevölkerung können überhaupt das Brot in dem 
diese Zustände gebessert werden. Es ist die aller­ jetzigen Zustande kaum mehr essen, sie hätten daher 
höchste Zeit, daß auch nach der Richtung schleunigst mehr von e/io Brot aus bester ausgemahlenem Mehl. 
vorgegangen wird. Mindestens wäre dem einzelnen freizustellen, ob er 
Meine Damen und Herren, es ist ja selbstver­ Brot aus 82%igem oder ähnlich ausgemahlenem 
ständlich, daß wir und auch der Magistrat keine Getreide haben will oder aus 94%igem. Wenn er 
volle Uebersicht darüber haben, wie die ganzen Ver­ die Wahl hat, würde sich, glaube ich, fast die ganze 
hältniße liegen. Es ist Sache der Reichsgetreide­ Bevölkerung dafür entscheiden, dieses Brot zu er­
stelle. dazu Stellung zu nehmen, und Sache des halten, genau so, wie es bei dem amerikanischen 
Reichsernührungsministers, darauf hinzuwirken, daß Weizenmehl war, wo fast die ganze Bevölkerung nur 
die Ausmahlung herabgesetzt wird. Ich hoffe aber, das teure Weizenmehl genommen hat und nicht das 
daß der Magistrat mit großer Beschleunigung den billige andere Mehl, das sie auch hätte haben können.
Antrag weitergibt, damit wir noch im August, späte­ Ich glaube also, daß es sehr dringend ist, die 
stens am 1. September eine herabgesetzte Ausmah­ Sache weiterzugeben. Ob es sich gerade empfiehlt, 
lung erleben. Ich glaube, der Herr Reichsernäh­ daß erst der Lebensmittelverband angegangen wird, 
rungsminister würde sich ein großes Verdienst er­ ist mir auch zweifelhaft, denn dadurch wird natürlich 
werben. wenn er die Reichsgetreidestelle veranlassen eine restortsmäßige Verzögerung herbeigeführt, so 
würde, einem solchen Antrage möglichst schnell zu daß, ehe die Anträge erst an das Ministerium 
entsprechen. W er schnel l  g i b t ,  g i b t  ge r a d e  kommen, wahrscheinlich die ganze Angelegenheit nicht 
in diesem F a l l e  doppel t . früher als zum 1. Oktober erledigt wird. Man kann 
ja das eine tun und braucht das andere nicht zu 
Cbcrbirrgcrntjcistcr Dr. Scholz: Meine Damen lasten. Der Magistrat Charlottenburg kann seiner­
und Herren! Daß jeder von uns gern ein weniger seits an das Ernährungsministerium gehen und eine
        
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