Path:
Periodical volume 25. Juni 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

SU
sitzimg am 25. Juni ltilU
Stadtv. Dr. Rosenfeld: Es ist mit Recht von zu teuer, selbst wenn man alle Faktoren in Betracht 
Herrn Dr. Hertz hervorgehoben worden, hast die zieht, die bei einer kaufmännischen Berechnung be­
Frage, um die es sich hier Handelt, in so engem rücksichtigt werden müssen. Aber wenn man bedenkt, 
Zusammenhang mit den gesetzlichen Maßnahmen des wie diese Einkäufe im Auslande getätigt werden, 
Reiches und des Staates steht, daß w ir hier nur in darf man sich nicht wundern, wenn die Preise im 
einem sehr beschränkten Rahmen die Möglichkeit Inlande uns zu teuer erscheinen. Ein holländischer 
haben, ans diesem Gebiete etwas Selbständiges zu Korrespondent hat neulich erklärt, wie dtese Käufe 
unternehmen. Aus diesem Grunde halte ich es für getätigt werden. Er hat sich über den schwerfälligen 
ziemlich müßig, daß w ir uns hier über die Frage Apparat beklagt, der bei dem Einkauf von Lebens­
der Zwangswirtschaft unterhalten. Ich halte es mitteln Verwendung findet und ist schließlich zu 
deshalb auch für müßig, daß w ir uns darüber unter­ dem Schluß gekommen, daß man die deutschen Kauf­
halten, welche anderen staatlichen Maßnahmen zu leute hinausschicken sollte; dann würde man Butter, 
empfehlen wären. Aber ich möchte doch dem ent­ Eier, Käse usw. zu mäßigen Preisen erstehen können. 
gegentreten, daß w ir etwa grundsätzlich den Vor­ Das wäre auch nach meiner Meinung die beste Lö­
schlag zu verwerfen Hätten, der seinerzeit von dem sung, um der Bevölkerung eine gute Versorgung zu 
Ernährungsminister Schmidt gemacht ist, daß eine ermöglichen. Es wird Ihnen aber vielleicht durch 
Abstufung der Lebensmittelpreise je nach der Steuer- ein anderes Beispiel noch klarer, wenn ich Sic näm­
stufe der Einwohner vorgenommen werden müßte. lich daran erinnere, wie seinerzeit die sogenannten 
Die Frage hat allerdings für große Gemeinden wie Reichsfettheringe nach Deutschland gelangt sind. Da­
unsere ihre großen praktischen Bedenken, weil die mals ist eine Kommission von (S Herren gewählt 
Verwaltungsschwierigkeiten ganz unübersehbar sind worden, auch war ein Tippfräulein dabei und ein 
und zu befürchten ist, daß schließlich nicht viel dabei Rechtsanwalt. Diese sogenannte Kommission ist 
herauskommen wird. Deshalb habe ich mit Freude nach Norwegen gefahren, hat sich dort mehrere Tage 
gehört, daß der Magistrat in der Beziehung einen aufgehalten, 41 Paragraphen aufgesetzt und ist dann 
anderen Weg einzuschlagen versuchen w ill, wenn nach einem kleinen Abstecher wieder in Deutschland 
ich recht verstanden yabe, durch Erhöhung der E r­ angelangt. Später sind auch diese sogenannten 
werbslosenunterstützung an bestimmte, besonders be­ Reichsfetthermge in Deutschland angekommen, und 
dürftige Familien, um ihnen auf diese Weise den die Verwunderung war groß, als man bemerkte, 
Einkauf der besonders teuren Lebensrnittel zu ermög­ daß dieselben so klein und mager, und zwar nicht 
lichen. Dieser Weg scheint mir durchaus gangbar, größer als 5 bis 10 cm, ausgefallen waren. Als 
und ich würde den Magistrat bitten, mit möglichster man sich dann nach Norwegen mit der Bitte wandte, 
Beschleunigung auf diesem Wege zu versuchen, was doch zu erklären, warum die Reichsfettheringe so 
sich irgendwie erreichen läßt. klein und mager ausgefallen seien, gaben die Nor­
weger zur Antwort: Hätten Sie anstatt der Kom­
I n  anderer Beziehung aber bleibt uns hier mission mit dem Tippfräulein und dem Rechtsanwalt 
in der Stadtverordnetenversammlung noch die Mög­ einen einzigen Kaufmann hinübergeschickt, so hätten 
lichkeit, dabei zu wirken, daß sich die Sozialisierungs­ Sie wirkliche Fettheringe bekommen, so aber müssen 
kommission speziell unter dem Gesichtspunkt, eine Sie sich schon mit den Reichsfettheringen begnügen. 
Verbilligung der Lebensrnittel herbeizuführen, soweit Sie können sich auch keineswegs darüber beklagen, 
das im Rahmen der städtischen Anordnung geschehen selbst wenn w ir Ihnen Kieselsteine geschickt hätten; 
kann, möglichst schleunig mit dieser Frage befaßt. denn Sie brauchen sich ja bloß Ihre  41 Para­
Ich habe zu meiner Freude gehört, daß nach der graphen durchzulesen.
Richtung schon Erhebungen im Gange sind, inwie­ Nun beklagen sich die Herren über die teuren 
weit etwa die städtische Broterbackung und auch die Eier. Sie vergessen aber, daß die Steigerung der 
Milchversorgung irgendwelche Aussichten für die Zu­ Löhne diese teuren Preise zum Teil auch m it ver­
kunft geben kann; gerade die Milchversorgung wäre schuldet hat.
ein Gebiet, auf dem versucht werden müßte, durch 
eine Verbilligung in dieser Beziehung einen Aus­ 1
gleich für die wahrscheinlich unvermeidliche Steige­ (Aha! bei den Sozialdemokraten.)
rung der anderen Lebensmittelpreise zu schaffen. 
Deshalb möchte ich den Magistrat bitten, seinerseits — Ich sage nicht, daß diese höheren Löhne diese 
zu tun, was er kann, um die Sozialisierungskom- teuren Preise überhaupt bedingt haben, sondern nur 
mjssion möglichst in einer Arbeit zu unterstützen, zum Teil. Sie müssen auch verstehen, daß die 
die darauf hinausläuft, städlischerseits der all­ Preise nicht einfach deswegen teurer werden, weil 
gemeinen Bevölkerung zugänglich zu machende der Kleinhändler sie erhöhen will, sondern Sie 
Lebensmutes billiger zu beschaffen und auf diesem müssen berücksichtigen, daß dazu auch noch andere 
Gebiet nichts ungetan zu lassen. Faktoren gehören, nämlich der Produzent, der 
Ich glaube, daß im Augenblick auch von uns Grossist, der die Waren einkauft und jetzt die sehr 
nichts besonderes geschehen kann, ivas unmittelbar erhöhten Spesen für seine Reisen, für die Transport­
eine Erleichterung der großen Bevölkerung schafft. kosten und auch für das Verpackungsmaterial aus­
Es wird hier, meine ich, nur eine sehr allmähliche geben muß. Es wird Ihnen vielleicht nicht un­
Besserung dann eintreten können, wenn eine um­ bekannt sein, daß der Grossist etwa 90 F  für das Ei 
fassende Versorgung der Bevölkerung durch die Stadt bezahlen muß, daß dann die übrigen Spesen dazu 
selbst auf einigen Gebieten wenigstens in Angriff kommen, so daß ein E i den Kleinhändler ungefähr 
genommen wird. Auf andere Weise sehe ich keinen 1.10 c/Z kostet. Wenn Sie dann berücksichtigen, 
Ausweg. daß der Kleinhändler 10% Spesen hat, und zwar 
schon allein durch den Bruch und das Verderben der 
< Eier, so können Sie ermessen, daß ich lieber alles 
Stobt». Perl: Meine Damen und Herren! andere sein möchte als gerade Eierhändler. Wenn 
Auch uns scheinen die Preise für die Fleischivaren Lie weiter sagen, daß Sie diese Eier billiger erstehen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.