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Periodical volume 25. Juni 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

366 Sitzung am 25. Juni 1919
Anfrage der Ltadtv. Dr. Broh und Wen. betr. M i l ­ Preise in der letzten Zeit gestiegen sind. E r Hat von 
derung der Lebensmittelpreise. der ungünstigen Rückwirkung gesprochen, die diese 
Steigerung wieder auf die Lohnverhältnisse Hat. Ich 
Fragesteller Ttadw. .Stlief: Meine Tomen und möchte doch nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, daß 
Herren! Durch die neuerdings eingetretene Preis­ die (Steigerung der sLebensmittelpreise zum nicht 
steigerung verschiedener Lebensmittel hat sich in der unerheblichen Teile durch die schon hervorgehobene 
Bevölkerung eine gewisse Erregung bemerkbar ge­ Lohnerhöhung hervorgerufen ist.
macht. Diese ist jo groß gewesen, daß gestern ein Im  übrigen hat der Herr Vorredner ein Ge­
Demonstrationszug von grauen vor das Rathaus rücht erwähnt, daß der Kartoffelpreis auf 40 F 
gezogen ist, um m it den maßgebenden Stellen Rück­ erhöht sein soll. Davon ist m ir nichts bekannt. W ir 
sprache wegen M ilderung der Lebensmittelpreise zu haben den Preis nach langen Erörterungen auf 
nehmen. Während man auf der einen r-eite die 25 H festgesetzt m it der Absicht, ihn aus dieser Höhe 
Arbeiter auffordert, in keine Lohnstreiks einzutreten, zu halten, während uns die Kartoffeln, die w ir 
werden aus der anderen Seite die Lebensmittelpreise augenblicklich verteilen, in der Mehrzahl etwa 40 F 
erhöht. Das bedingt doch ohne weiteres, daß die pro Pfund kosten, also 40 dl pro Zentner. Es sind 
Arbeiter Lohnforderungen stellen müssen. Es war das englische Kartoffeln, die uns die englische Ne­
das Gerücht verbreitet, daß der Kartoffelpreis auf gierung überwiesen hat, die w ir zum Teil haben ab­
40 H pro Pfund heraufgesetzt werden sollte, daß nehmen müssen, eS sind holländZsche^chänische und 
R ind und Hammelfleisch, das w ir von Holland be­ schwedische Kartoffeln. Für diele Kartoffeln stellt 
kommen, zum Preise von 9,60 M . verkauft werden sich der Preis frei hier aus etwa 40 dt der Zentner. 
soll. Selbstverständlich können die Minderbemittel­ W ir verkaufen ihn zu 23,50 dl, setzen also sehr er­
ten diese Preise nicht erschwingen, und sie kommen heblich daran zu. W ir haben daS übernommen, weil 
in ihrer Lebenshaltung zurück. Deshalb wäre cs w ir der Ueberzeugung waren, daß die Bevölkerung 
Pflicht des Magistrats, dafür einzutreten, daß die durch eine weitere Erhöhung der Preise über ihr 
Lebensmittelpreise für die Minderbemittelten herao- Können hinaus belastet werden würde. W ir waren 
gesetzt werden. Es sind m it Beginn des morgigen im übrigen der Meinung, daß es-zweckmäßig wäre 
Tages für Gemüse Höchstpreise festgesetzt worden. — und das deckt sich etwa m it den Tendenzen, die 
Allerdings sind die Preise auch noch so hoch, daß es der Herr Vorredner schon berührt Hat — , die 
nicht jedem möglich ist, sich Gemüse zu kaufen Es Preise möglichst stabil fü r längere Zeit zu halten. 
ist sehr bedauerlich, daß sich auch Vertreter verschie­ Deshalb haben w ir den Preis von 25 ,> gewählt, 
dener Magistrate m it den Erzeugern für Erhöhung und diesen Preis wollen w ir längere Zeit aufrecht­
der Preise eingesetzt haben. F ü r den Erzeuger ist erhalten, um, wenn die Kartoffeln nachher billiger 
das Wetter immer ungünstig, ob es schneit, regnet, werden, den Schaden, den w ir jetzt tragen müssen, 
stürmt oder die Sonne scheint; für seine Ernte ist wieder hereinzubringen. Dann vermeiden w ir dieses 
es stets ungünstig. E r versteht es. in der Erzcuger- Hinauf- und Heruntergehen der Preise, bei dem w ir 
preiskommifsion seine Interessen jo zu vertreten, daß ganz dieselben Wirkungen Haben«wie bei dem schlech­
ihm immer recht gegeben ivird. Aus meiner jahre­ ten oder guten Wetter. Das Heraufgehen der Preise 
langen Tätigkeit im Fachausschüsse weiß ich das. w ird immer weitere Lohnsteigerungen hervorrufen, 
Die Interessen, der Erzeuger werden immer am das Heruntergehen selten eine Herabsetzung der 
stärksten vertreten. Daß ihnen, wie ich vorhin schon Löhne.
sagte, von Magistratsvertretern darin recht gegeben Was das Fleisch anlangt, so ist die Angabe 
wird, ist sehr zu bedauern. richtig, daß das holländische Fleisch, das w ir in die­
Ihn aus unsere eigentliche Anfrage zurückzu­ ser Woche ausgeben, 9,60 d l das Pfund kostet. 
kommen, möchten w ir den Magistrat ersuchen, dahin Meine Damen und Herren, das Fleisch, das w ir in 
zu wirken, daß irgendwie ein Weg gesunden wird, einer der nächsten Wochen ausgeben müssen, wird 
um der minderbemittelten Bevölkerung einen Zu­ noch teurer sein. Darüber möchte ich hier schon kei­
schuß zum Einkauf von Lebensrnitteln zu geben. nen Zweifel lassen. W ir  haben in der vorvorigen 
Tatsächlich sind sie nicht in der Lage, z. B. das teure Woche holländisches Schweinefleisch zu einem Preise 
Fleisch und Obst zu kaufen. Die selbstverständliche von etwas über 11 d l ausgegeben. Durch die un­
Folge wird sein, daß die Schleichhandelspreise in die günstige Veränderung der Valuta w ird das Fleisch 
Höhe gehen. Bisher konnte man Rindfleisch im bei der nächsten Verteilung auf etwas über 13 dl 
Schleichhandel fü r 7 bis 8 J( das Pfund kaufen. das Pfund kommen.
Wenn es heute von Stadt wegen m it 9,60 dl ver­
kauft werden soll, dann ivird der Schleichhandel die (Bewegung.)
Gelegenheit wahrnehmen, seine Preise heraufzusetzen. 
Es ist unbedingt notwendig, daß m it den Preisen Daß uns diese Preisfestsetzung nicht leicht geworden 
für holländisches Fleisch abgebaut werden muß. F re i­ ist, davon können Sie überzeugt sein. Das werden 
lich setzt der Magistrat diesen Preis nicht fest, son­ Sie aus dem, was ich bereits gesagt habe, entnom­
dern er ist bedingt durch unsere Valuta. Aber es men haben. W ir haben uns reiflich in unseren Groß- 
müßte in einer solchen Gemeinde, wie es Eharlotten- Berliner Sitzungen überlegt, auf welche Weise w ir 
burg ist, unbedingt ein Weg gefunden werden, um die hieraus für die allgemeine Bevölkerung sich er­
das anzustreben, was ich hier ausgeführt habe. Es gebende Notlage beseitigen können. Diese Notlage 
geht so nicht weiter, die Mißstimmuna der Bevölke­ w ird —  darauf möchte ich auch nochmals hinweisen 
rung wird immer größer. Wenn w ir Ruhe und —  keineswegs eine ganz vorübergehende sein. Tenn 
Frieden haben wollen, müssen w ir etwas tun, um wenn auch daS holländische Fleisch in absehbarer 
der Bevölkerung billige Lebensrnittel zu verschaffen. Zeit —  w ir denken am 1. August — aufhören w ird, 
so misten w ir doch heute schon, daß die Viehpreise 
«tadtrat Augustin: Meine Damen und Herren! für das Inlandvieh um etwa die Hälfte erhöht wor­
Der Herr Vorredner hat hervorgehoben, daß die den sind. Also w ir wissen, daß auch das In land-
        
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