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Periodical volume 28. Mai 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

Sitzung am 28. Mai 1Ö1Ö
Bürger nicht in dieser A rt und Weise aufs Spiel Der Antrag lautet:
gesetzt wird. —  Bekomme ich keine Antwort?
T ie Stadtverordnetenversammlung wolle 
Oberbürgermeister Dr. Scholz: Ich habe leider beschließen, den Magistrat zu ersuchen, mit 
überhört, daß der verehrte Herr Vorredner eipe An­ dem Berliner Magistrat wegen der erforder­
frage an mich gerichtet hatte. Ich kann darauf nur lichen Schritte zur Einrichtung eines Psleg- 
erklären, das; w ir gern bereit sind, den Antrag an amtes für sittlich gefährdete Mädchen und 
die Baupolizei, die w ir bekanirtlich nicht besitzen, Frauen in Verbindung zu treten.
weirerzugeben. Antragstellerin Frl. Reinold: Der Antrag, den 
(Stobtn. W ic k le  r: Nicht besitzen?) w ir Ihnen heute vorlegen, ist aus der Not der Zeit 
hervorgegangen, aus einer Not, die über Deutsch­
—  Nein! land nach vier schweren Jahren des Krieges ge- kominen ist, eines .Krieges, ^der nicht nur den 
Männern, sondern auch den Frauen und Kindern 
Stqdtv. M Alev: Ich habe gerade aus diesem Schaden an Leib und Leben gebracht hat. I n  besorg­
Gebiete gewisse Nachforschungen angestellt, weit ich niserregender Weise hat die Verwahrlosung der weib­
ebenfalls der Ansicht zuneigte, das; Charlottenburg lichen! Jugend während des Krieges und darüber 
keine eigene Baupolizei Hütte, sondern dem Berliner hinaus zugenommen, noch begünstigt durch die große 
Polizeipräsidium angegliedert wäre, und da ist m ir Arbeitslosigkeit, die feit einigen Monaten eingesetzt 
von Berlin die Nachricht zugegangen, das; Char­ hat. Diesen gefährdeten Frauen und Mädchen zu 
lottenburg seine eigene Baupolizei besäße. helfen, sie zu 'schützen vor dem Hinabgleiten in die 
Prostitution, ist Pflicht der Mlgemeiicheit. W ir 
Oberbürgermeister Dr. Scholz: Der Herr Vor­ schützen dadurch nicht alpin die Frauen, sondern 
redner ir r t, diese Auskunft kann nur auf einem I r r ­ unser ganzes Volk, da die unheimliche Zunahme der 
tum beruhen. Die Baupolizei ist staatlich und noch Geschlechtskrankheiten in engster Verbindung damit 
nicht in unseren Besitz übergegangen. W ir sind aber, steht.
wie gesagt, bereit, den Antrag weiterzugeben, da I n  voller .Erkennung der Gefahren, die unserem 
w ir seine innere Berechtigung nicht bestreiten. Volle von dieser unheimlichsten aller Seuchen 
drohen, hat W  Rcichsregierung am 11. Dezem­
(Stadtv. Wi ck l er :  Dann muß ich sagen, daß ich ber 1918 auf dein Verordnungswejge ein Notgesctz 
vom Berliner Polizeipräsidium unrichtig zur Bekämpfung der GeschlechtÄrantheiten erlassen. 
berichtet- bin.) Es ist anzunehmen, daß eine weit größere Anzahl 
von Frauen jetzt auf Grund dieses Gesetzes fc»er 
Stadtbaurat Secling: Das Berliner Polizei­ Sittenpolizei zugeführt w ird. (E s  triäre eine große 
präsidium hat ganz richtig berichtet; es existiert eine Ungerechtigkeit, wenn man alle diese Frauen d#:r 
besondere Charlottenburger Baupolizeiabteilunq, sittenpolizeflichen Kontrolle unterstellte. Es ist da­
aber beim hiesigen Polizeipräsidium. her Pflicht, die Polizeikontlrolle durch sanitäre und 
fürsorgerifche Maßnahmen zu ersetzen, die geeignet 
(D a  Antrag der Stadtv. Tost und Gen. wird sind, die an feiner Geschlechtskrankheit leidenden 
hierauf angenommen.) Frauen zu hindern, ihre Krankheit -weiter zu ver­
breiten und ihnen die Möglichkeit zuir Rückkehr in 
Vorstchcr-Stellv. Dr. Frentzel: Ich w ill noch einen anständigen Broterwerb zu geben.
mitteilen, das; - unter den für den Ausschuß zu D ie Fürsorgeerziehung kann bei diesen Gefähr­
Punkt 18 der Tagesordnung vorgeschlagenen M it ­ deten nur selten eintreten. Einerseits erfaßt sie nur 
gliedern eine Aenderung eingetreten ist, und zwar die Mädchen bis zum 18. Lebensjahre, andererseits 
t r i t t  für Herrn Künzel Herr M üllxr ein. bedeutet sie ein so tiefes Eingreifen in  das P riva t­
leben des einzelnen, daß man sich hierzu nur als 
(Die Versammlung ist 'damit einverstanden.) letztes M itte l entschließen wird. I n  den meisten 
Fällen wird es genügen, diese Mädchen für kurze 
Zeit in ein Mädchenschutzhaus aufzunehmen, bis eine 
Ferner ist ein Antrag eingegangen, der folgen­ geeignete Lehr- oder Arbeitsstätte für sie gefunden 
dermaßen lautet: ist, oder sie ins Elternhaus zurückgehen zu lassen 
und die gesetzlich empfohlene Schutzaufsicht bei ihnen 
Der Magistrat wird ersucht, die Gas- auszuüben.
speerstunden wegen der erheblichen Schädigung 
der gewerbetreibenden Bürgerschaft so schnell E r erscheint als eiste selbstverständliche Pflicht 
als möglich aufzuheben. der Gemeinden, nicht nur bestehende Fürwrgeein- richtungen zu unterstützen, sondern selbständige 
Pflcp-eämter einzurichten, «nt der Verwahrlosung 
Der Antrag ist unterzeichnet von den Herren der weiblichen Jugend und der Verbreitung der Ge­
Frank. Grüßer, Müller, Perl und Panschow. Er schlechtskrankheiten -entgegenzuwirken. Ich möchte 
w ird in der üblichen Weise behandelt werden. hier von vornherein feststellen, daß nur durch ein 
inniges Zusammenarbeiten der Fürsorgevereine 
W ir kommen zu Punkt 21: aller Richtwagen m it dem »Pflcgeaint eiste erfolg­
reiche Arbeit geleistet werden kann. Ebenso muß 
Antrag der Stadtv. Frl. Neinold und Gen. betr. die Arbeit der Fürsorgeschwestdr, die am hiesigen 
Pflcgeaint für sittlich gefährdete Mädchen. — Druck­ Polizeipräsidium seit ungefähr zwei Jahren im 
sache 130. Dienste der inneren Mission tätig ist, wie dp seit
        
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