Path:
Periodical volume 14. Mai 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

223
Sitzung ernt 14. Mai 1919
.diesem Augenblick nicht auch unsere Stimme erheben Sie sind hart; aber Diel härter ist das, was jetzt von
mürben, um unsere Meinung zu Len Friedensbedin- Ih rer Seite heraufbeschworen wird, die Tatsache 
gungen zu sagen. nämlich, daß die Nichtunterzeichnung des Friedens­
Auf u n s  blickt heute die ganze Welt; denn vertrages sofortigen Tod, Verderben von Hundert- 
w ir find diejenigen, die immer Recht und Gerechtig­ tausenden und Millionen Menschen heraufbeschwören 
keit als ihre Losung mährend des Krieges aus ihr und ein so großes Elend über Deutschland 
Panier geschrieben hatten. W ir sind deshalb diejeni­ hereinbrechen wird, das dasjenige des Krieges um 
gen, die sich mit Recht verwahren können, wenn jetzt ein Vielfaches übertrifft.
von der Entente nicht Recht und Gerechtigkeit, son­ Man spielt mit dem Gedanken, den Friedens­
dern Gemalt als Maxime ihres Handelns bezeichnet vertrag abzulehnen. Ja. glauben Sie, daß die Maß­
werden. Aber besonders gegenüber betn letzten nahmen, die jetzt von der Regierung getroffen worden 
Wort des Herrn Oberbürgermeisters must ich doch er­ sind, dazu dienen, eine Milderung der Friedens­
klären, Last w ir allen den Bestrebungen ganz ent­ bedingungen zu erreichen? Glauben Sie denn, daß 
schieden entgegentreten werden, die darauf hinaus­ die Leute, die Sie als Vertreter dorthin gesendet 
laufen, irgendeinen nckuen Krieg, irgendeine neue haben, irgendwelchen Eindruck machen werden? 
Verwicklung mit Waffengewalt hervorzurufen. Wir, Haben Sie nicht gelesen, daß der französische Pro­
die mir die Masse des Proletariats vertreten, die w ir fessor Lavisse ihnen entgegengerufen hat: „Wer sind 
die Friedenssehnsucht des ganzen Volkes kennen, mir Sie denn, meine Herren!? M it  anderen Leuten 
halten es für die größte Gefahr, dke es in diesem hätte es eine Verständigung geben können, aber m it 
Augenblick gibt, da st nicht, wie mir es immer betont Ihnen niemals."
haben, ein Appell an die Vernunft, ein Appell an die Ich must auch darauf hinweisen: das, was letz­
ruhige Einsicht gerichtet wird, sondern hast wiederum ten Endes die territoriales Bedingungen heruab­
die Gedankengänge hervorgezaubert werden sollen gerufen hat, ist die wiedererstandene Furcht vor dem 
und hervorgezaubert werden, die das graste Unglück deutschen M ilitarismus,
über Deutschland heraufbeschworen haben. Nicht von 
-Hast und nicht von Rache, nicht von Vergeltung und (Sehr richtig! bei den unabhängigen Sozial­
Gewalt dürfen w ir sprechen, sondern w ir müssen sa­ demokraten)
gen: das, was ihr uns aufzwingen wollt, ist eine 
Forderung, die das deutsche Volk nicht erfüllen kann. das ist die Tatsache, daß die alten Gewalthaber heute 
W ir müssen an die Einsicht appellieren, an die E in­ unumschränkter in Deutschland herrschen als jemals 
sicht derjenigen, die auch während des Krieges E in­ zuvor.
sicht gezeigt haben. Und wenn w ir hier das Wort 
ergreifen, so nicht, weil uns nur daran liegt, irgend­ (Lachen bei den bürgerlichen Parteien.)
eine angebliche Harmonie zu stören, sondern weil 
w ir es fitr unsere Pflicht hallen, überall dort, wo wir Das hat dazu geführt, daß als leitender Gedanken­
zu Worte kommen können, mit unserer Stimme zn gang bei den Friedensbedingungen die Errichtung 
sagen, wie das deutsche Volk denkt. Denn das, was eines starken Polenreichs ins Auge gefaßt wurde, 
diejenigen jetzt sagen, die während des Krieges rein durch das eben Deutschland auch vom Osten her in 
und unbefleckt dagestanden haben, wiegt tausendmal, Schach gehalten werden soll.
millionenfach schwerer als die Worte derjenigen, die Und diejenigen, die jetzt an unsere Einheit, an 
jekt nur Recht und Gerechtigkeit in ihren Gedanken- die Einmütigkeit des ganzen Volkes appellieren, das 
gängen erwägen, die aber bei Breft-Litowsk, bei Bu­ tttd die, die noch immer ohne Grund m it Belage­
karest, bei der Versenkung der Lusitania. bei dem rungszustand regieren, das Standrecht unberechtigter­
Unterseebootkrieg und allen den anderen Unmensch­ weise und ungesetzlicherweise verhängen, die Tausende 
lichkeiten nichts von Recht und Gerechtigkeit wissen von Menschenleben auf dem Gewissen haben, die das 
wollten. lnmenschlichste leisten an grauenvollen Taten gegen 
die Bevölkerung. Das lehnen w ir ab.
(Sehr richtig! bei den unabhängigen Sozial­ W ir erheben unsere Stimme gegen die Ver­
demokraten.) gewaltigung, die ‘dem deutschen Volke zugemutet 
wird. Aber w ir erwarten die Aenderung der Frie­
Das, verehrte Anwesende, ist unsere Meinung. W ir densbedingungen nicht von der Einsicht der Kapita­
wollen, daß das deutsche Volk einem endgültigen listen der Entente, sondern von der Einsicht der Be­
Friedenszustande entgegengeht. Aber den Weg dazu völkerung. W ir erwarten sie auch von der Einsicht 
erblicken w ir nicht wieder wie früher in dem Appell der deutschen Bevölkerung, die sich nicht wieder in 
an die Gewalt, sondern w ir wollen, daß die Har­ eine nationalistische Stimmung hineinversetzen lasten, 
monie, die früher zwischen dem internationalen Pro­ andern die Ruhe und Vernunft bewahren und durch 
letariat bestanden hat, jetzt wieder neu bekräftigt 'ihr Beispiel dafür sorgen wird, daß sich in der En­
werde, und ein M itte l dazu ist es, wenn w ir in tente. in den Ländern der ganzen Welt das durch­
diesen Auseinandersetzungen die Vorhut übernehmen, setzt, was hier in Deutschland am 9. November be­
wenn w i r sagen, wie die deutsche Bevölkerung denkt. gonnen worden ist: die Revolution in der ganzen Welt!
Denn so hart und unerfüllbar eine ganze Reihe 
von Bestimmungen des Friedensvertrages ist, den (Bravo! bei den unabhängigen Sozialdemokraten.)
Tod der deutschen Bevölkerung, den Tod des deut­
schen Wirtschaftslebens, den Tod der deutschen Na­ Vorsteher Dr Borchardt: Meine Damen und 
tion bedeuten diese Bedingungen nicht. Herren! Ich glaube, ich gebe wohl dem Empfinden 
aller hier, ausgenommen die Freunde des Herrn Vor­
(Lebhafter Widerspruch.) redners, Ausdruck, wenn ich bedaure, daß in  diesem
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.