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Periodical volume 15. April 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

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Sitzung am 15. April 1919
anstall geeignet sein wird, ist mir etwas zweifelhaft. Ter Antrag lautet:
Aber die Sache kann jedenfalls geprüft werden; sie 
verdient es. Ich glaube, was der Herr Stadtschul­ Die Stadtverordnetenversammlung wolle 
rat vorhin schon bei der Etatberatung gesagt hat, beschließen, den Magistrat zu ersuchen, ein 
die Benutzung der Militärbadeanstalt imGrunewald, Organ zu schaffen, dem es obliegt, künstlerische 
wäre etwas, was viel mehr hierfür in Frage käme. und wissenschaftliche Veranstaltungen zu ar­
Ich habe mir die Anstalt vor wenigen Tagen noch rangieren, an denen die Arbeiterschaft und 
angesehen und bin davon überzeugt, daß sie nicht speziell die unbemittelte Bevölkerung umsonst 
wesentlich gelitten hat. Es sind einige Ausbesserun­ oder gegen geringes Entgelt teilnehmen kann.
gen notwendig, so bei den Duschen und'noch einigen 
Kleinigkeiten; sonst ist das Schwimmbassin ausge­ Antragsteller Etadtv. Skalier: Meine Damen 
zeichnet und eignet sich für uns ganz vortrefflich. und Herren! Dieser Antrag ist leider schon das dritte 
Ich glaube auch, daß die rein militärischen Zwecke, M al auf die Tagesordnung gesetzt worden, und es ist 
die es bisher verhinderten, daß die Anstalt, wie w ir schade, daß er so spät zur Beratung gelangt. Sic 
wiederholt angeregt haben, von der Stadt über­ kommen dadurch um eine sehr schöne und längere 
nommen wurde, jetzt nicht mehr als so dringend an­ Rede, die ich seit drei Wochen in meinem Busen 
gesehen werden, so daß w ir nicht nur wie bisher ein trage.
Mitbenutzungsrecht von Gnaden des Regiments er­
halten, sondern die ganze Anstalt in städtische Ver­ (Heiterkeit.)
waltung übernehmen könnten. Ich möchte bitten, 
daß der Magistrat dieser »Frage näher tritt, weil Ich will mich bei der vorgerückten Stunde kurz fassen, 
dann ohne wesentliche Vorarbeiten für diesen um so mehr, als die Begründung dafür zum Teil 
Sommer noch die Anstalt für unsere Zwecke aus­ schon bei der Goethebundvorlage hier im Hause ge­
genutzt werden könnte. Daran ist kein Zweifel: die geben worden ist. Damals war ja eigentlich nur die 
Verhältniße unserer städtischen Badeanstalt, die äußerste Rechte dagegen, die angeblich aus Sparsam­
leider infolge der schwierigen Zeitlage nicht weiter keitsgründen die 2000 M  für die Volksbildungs­
ausgebaut werden konnte, sind derart, daß sic nicht pflege nicht bewilligen wollte, während die äußerste 
im allergeringsten den Ansprüchen, die unsere Be­ Linke nur deswegen dagegen war, weil ihr nicht ge­
völkerung an diese Anstalt zu stellen berechtigt ist, nügend durch die Vorlage geboten wurde.
genügt. Unser Antrag ist in der jetzigen Zeit natürlich doppelt begründet, weil durch die Einführung des 
Stabtrat Dr. Gottstein: Achtstundenarbeitstages die gesamte Bevölkerung viel Der Magistrat erkennt mehr Gelegenheit hat, sich auch nach der Arbeitszeit 
die Gründe, die die drei Vorredner angeführt haben, künstlerisch und wissenschaftlich fortzubilden, als bis 
durchaus als zutr-enend an. Aher der Herr Schulrat 
bat aemde heute schon'ausgeführt, wie schwierig die her. Wie die Situation liegt, läßt sich vielleicht am besten durch eine kleine Episode illustrieren, die 
Verhältnisse in Cbarlottenbura Timen. Er hat bin- neulich mein Parteigenosse Seiners, der Vorsitzende 
».»gefügt, daß die Aussicht besteht, daß uns das Sta­ der Preußischen Landesversammlung, m ir erzählte. 
dion ?ur Vermumm erstellt wird. I n  welchem Um­ Er berichtete, wie er als Arbeiter in Hannover durch 
fange. steht noch nickt genau fest. Ein zweites einen Freund dazu gekommen war, an einer Vor­
Vroiekt schwebt ebenfalls noch: ob und wann es zur lesung allgemeiner Natur teilzunehmen, ohne zu 
Erledigung kommt, bin ich noch nicht in der Lage zu wissen, daß er eigentlich nicht dazu berechtigt war. 
sagen. Das ging so wochenlang. Die Vorlesung wurde von 
Was Herr Stadtv. Dr. Fcilckientelb angeregt bat. den Studenten immer weniger besucht, und es fiel 
ist inzwischen in die Tat umgesetzt worden. Das natürlich aus, dasi er ein so reges Interesse an den 
Elisabeth-Regiment bat es zwar abaelebni, die von Vorträgen mitbrachte, so daß der Dozent auch die 
ihm errichtete Badeanstest an uns käuflich zu über­ Frage ventilierte, ob auch alle Zuhörer die notwen­
tragen, bat uns aber die Mitbenutzung wie in den digen Kollegiengelder bezahlt hätten. Herr Leinen 
sichren vor dem Kriege gestattet. Die Mitteilung stellte sich zuerst etwas taub und kam wieder. Als 
ist gerade heute uns zugegangen. er eines Tages von dem Dekan in sein Zimmer ge­
Diese beiden Einrichtungen werden uns alio rufen wurde und erklären mußte, daß er als Arbeiter 
diesen Sommer zur Verfügung stehen. Ich will ganz unberechtigt an diesen Vorlesungen teilnehme, 
hoffen, daß das dritte Projekt in abiehbarer Zeit zur wurde ihm bekanntgegeben, daß dies nicht zulässig 
Ausführung kommen kann. sei. und Leinen zog ganz beschämt aus der Uni­
versitär heraus. Er schloß seine Erzählung: Als ich 
Etadtv. Klick: Ich möchte nur noch einmal zu Hause war, da bin ich mir klar geworden, daß ich 
unterstreichen, was wir schon bei der Etatberatung den deutschen Staat an Bildung bestohlen hatte. — 
ausgeführt haben, daß auch meine Freunde wünschen, So liegen die Verhältniße tatsächlich heute. Die­
daß der Bau einer Badeanstalt im Freien möglichste jenigen, die nicht an sich schon eine beßere Schul­
Forderung durch den Magistrat erfährt. bildung genossen haben, weil sie von Haus aus bester 
situiert sind und dann die Möglichkeit haben, vieles 
(Der Antrag der Stadtv. Pein und Gen. wird sich später noch an Wissen anzueignen, was ihnen die 
von der Versammlung einstimmig angenommen.) Schule nickt geboten hat. stehen meistens hilflos da 
und haben die Unterstützung doppelt notwendig. 
Borsteher-Etellv. Dr. Frcntzel: Punkt 16 der Wenn Sie bedenken, daß trotz schlechter Schulbildung 
Tagesordnung: eine gieße Anzahl intelligenter Arbeiter heute 
überall zu finden ist, so werden Sie ohne weiteres an­
Antrag der Etadtv. Gebert und Gen. betr. künst­ erkennen, daß es wohl am Platze ist, wenn alle Mög­
lerische und wissenschaftliche Bolksveranstaltungen. — lichkeiten, die sich bieten, ergriffen werden, um die 
Drucksache 63. Bildung in weitere Kreise zu tragen.
        
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