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Periodical volume 15. April 1919

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1919

Sitzung am 15. Avril 1919
und auch heute schon ist er bereit, minderbemittelten W ir sind gewiß der Meinung, daß der 9. November 
Schülern und Schülerinnen unentgeltlich Unterricht in dem klaren, auch sonst schon in unseren Schulen 
zu erteilen, wenn der Magistrat nicht in der Lage immer gepflegten Sinne erörtert werden muß, daß 
ist, geeignetes Personal zu beschaffen. W ir bitten, die Kinder über alle Vorgänge, ob der Vergangen­
unserem Antrag zuzustimmen. Es braucht nicht von heit oder Gegenwart, so unterrichtet werden müssen, 
heut aus morgen zu sein, daß der Magistrat an die daß sie ein geschichtliches Verständnis darüber ge­
Erweiterung der Badeanstalt herantritt: aber jeden­ winnen. W ir können uns aber diesem Antrag auf 
falls treten w ir dafür ein, daß allen Schülern und keinen Fall anschließen.
Schülerinnen die Wohltaten des Schwimmunterrichts 
zuteil werden. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
i
Stadtv. Otto: Meine Damen und Herren! Vielleicht könnte das so geschehen, daß dann an dem­
Ich möchte nur einige Worte zu der Erklärung sagen, selben 9. November als Feiertag andere Feiertage 
die Herr Kollege Blum im Namen seiner Freunde gefeiert würden, die u n s e r e m  Empfinden und 
beantragt hat. Diese Erklärung besagt, daß die u n s e r e r  Anschauung entsprächen.
Stadtverordnetenversammlung beschließen wolle, den 
Magistrat zu ersuchen, Vorkehrungen zu treffen, daß Stadtv. Frank: Ich möchte namens meiner
in unteren, mittleren und höheren Schulen in Zu­ Freunde erklären, daß w ir uns im allgemeinen tvohl 
kunft der Geschichtsunterricht so erteilt wird, daß auf dem Standpunkt des Kollegen Otto befinden. 
Schüler und Schülerinnen in geeigneter Weise auf W ir haben nichts dagegen, wenn in den Schulen 
die Bedeutung des großen Umschwungs im Staats­ moderne Geschichte gelehrt wird und über die Be­
wesen hingewiesen werden, um später als freie und deutung der fortschrittlichen Ereignisie, die der
republikanisch gesinnte Bürger an Rechten und 9. November mit sich gebracht hat, Aufklärung er­
Pflichten des Gesamtwesens teilzunehmen. Ich be­ folgt, möchten aber auch dabei besonders beachtet 
zweifle —  und ich befinde mich ia da in Ueberein­ wissen, daß auch auf unsere Jugend hinzuwirken ist 
stimmung mit den kurzen Ausführungen des Herrn in gleichem Sinne wie in Frankreich, wo seit
Stadtschulrats — , daß unser Magistrat in der Lage 40 Jahren Geschichte gelehrt und die dortige Jugend 
ist, Vorkehrungen der gewünschten A rt irgendwie zu darauf vorbereitet wurde, das große, ihnen schein­
treffen: das wird immerhin nach der heutigen Lage bar getane Unrecht wieder gutzumachen, um zu
der Gesetzgebung Sache der Zentralbehörde, also des Gegebener Zeit in der Lage zu sein, mit allen M itteln
Ministeriums sein. Elsaß-Lothringen wiederzuholen, daß darauf ein­
Trotzdem erkennen meine Freunde an, daß sie gewirkt werde, daß sie sich später einmal bewußt 
sich in einigen Bemerkungen zu der grundsätzlichen wird, in welcher Weise die Sozialdemokraten an­
Auffassung, die in dieser Entschließung zum Aus­ derer uns feindlicher Länder den Freiheitsgedanken 
druck gebracht ist, äußern müssen, und da betonen w ir der deutschen Sozialdemokratie aufgefaßt haben.
mit allem Nachdruck, daß auch w ir uns zur republi­
kanischen Staatsform bekennen und daß w ir wün­ (Lachen bei den Sozialdemokraten.)
schen, daß unsere heranwachsende Jugend in das Ver­
ständnis dieser neuen Staatsform eingeführt wird. Denn die Sozialdemokraten der anderen Länder 
haben doch in bezug auf Brüderlichkeit bis setzt für 
(Bravo! bei den sozialdemokratischen Parteien.) uns nichts übriggehabt; das dürften wohl unsere 
Arbeiter lange begriffen haben. Das, was w ir 
Daß dieses Verständnis, meine Damen und Herren, unter Sozialdemokratie und sozialem Geist ver­
nicht von heute auf morgen zu gewinnen ist, werden stehen, das haben sich die Arbeiter der anderen 
Sie alle zugeben, und daß dieses Verständnis nie­ Länder, namentlich in Frankreich und England, 
mals in einer einseitigen, parteipolitischen Dar­ wesentlich anders gedacht: sie haben zu Ansang des 
stellung der Geschichte gewonnen werden kann. wer­ Krieges sofort ihren Hauptsührer Jaurc-s ermordet, 
den Sie ebenfalls zugeben. Man wird alio der Ge­ weil dieser gegen den Krieg war. I n  diesem Sinne 
schichte der Vergangenheit in  streng historischem bitte ich dann auch auf die Schuljugend im Ge­
Sinne auch in Zukunft in unseren Schulen den be­ schichtsunterricht einzuwirken, damit sie sich das uns 
rechtigten Platz einräumen müssen, ohne damit jetzt angetane Unrecht einprägt und sich in  Zukunft 
irgendwelche Schwierigkeiten für das Verständnis der einmal das wiederholt, was uns jetzt zwangsweise 
neuen Zeit zu schaffen. I n  diesem Sinne fallen w ir abgenommen wird, getreu dem französischen Schul- 
Ihre  Erklärung aus und in diesem Sinne stimmen wahlspruch: „Nie davon reden, aber immer dran
w ir ihr zu. denken."
(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Dr. Löwenstein: Im  Namen meiner
Freunde habe ich unsere Zustimmung zu der E r­
Stadtv. Dr, Luther: Ich möchte namens meiner klärung der Mehrheitssozialdemokraten auszu-- 
Freunde eine kurze Erklärung dazu geben. W ir sprechen und habe nur noch hinzuzufügen, daß w ir 
stehen selbstverständlich auch auf dem Standpunkt, nicht nur wünschen, daß im Geschichtsunterricht der. 
daß die Bedeutung des 9. November als eines histo­ 9. November und seine Bedeutung den Kindern- 
rischen Datums der Gegenwart in der Schule be­ klargemacht und der heranwachsenden Jugend in das 
handelt wird, lehnen es aber unsererseits energisch Gedächtnis eingeprägt wird, sondern daß ein großer 
ab, damit gleichzeitig das Bekenntnis abzulegen, daß Teil unseres heutigen Geschichtsunterrichts, der sich. 
w ir uns auf den npublikanischen Boden stellen. mit Kriegsgeschichte und dynastischer Geschichte be­
saßt, durchaus zu verschwinden hat und anstatt, 
(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) desien die gewaltigen Faktoren, die in  der weltge-
        
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