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Periodical volume 14. November 1917

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1917

196 Zitzniig am 14 . November 1917
Anttagsteltct Ltadtv. Dr. Borchardt: jMeine bereit zu sein. Die Menge der Arbeiter wiederum, 
Herren! Die Verordnung wegen des t-chnee- die in die Fabrik gehen, sind um ‘ h? Uhr morgens 
jchippens har in der Bevölkerung eine außerordent­ auch nicht in der Lage, Schnee zu schippen, denn tun 
liche Beunruhigung ausgelöst, und das ist auch er­ diese Zeit müssen sie meist schon in der Fabrik un­
klärlich, wenn inan sich den Inha lt dieser Verordnung treren oder wenigstens bei den Berliner Entfernun­
ve gegenwärtig!. Nach dieser Verordnung soll dein gen unterwegs sein.
Hauswirr resp. den, Vertreter des Hauswirts eine Eine Durchführung der Verordnung in dem 
diskretionäre Vollmacht darüber gegeben werden, Laß Sinne, daß nun wirklich die Masse der Bevölkerung 
die Mieter im Alter von 14 bis 60 Jahren zur Be­ zur Schneebeseitigung herangezogen wird, scheint m ir 
seitigung des Schnees auf dem Fahrdamm heran­ völlig unmöglich, ganz abgesehen von allen sonstigen 
gezogen werden, und zwar, falls^ein Schneesall bei Härten, die in dieser Verordnung liegen. M an w ill 
Tage eintritt, sofort, falls der Schneesall bei Nacht es der schwer arbeitenden Bevölkerung zumuten, zum 
eintritt, spätestens frühmorgens um r >̂7 Uhr. ES Schneeschippen einzutreten, ohne auch nur im  min­
wich also dem .Hauswirt resp. dem Vertreter des desten dafür zu sorgen, daß sie genügend m it Kleidung 
HauswirlS, d. H. in der überwiegenden Anzahl von und Schuhwerk versehen ist, was doch gerade bei 
fa llen  dem Portier, eine vollkommen diskretionäre dieser Arbeit außerordentlich notwendig ist. Daß ge­
Vollmacht über die Arbeitszeit und über die Arbeits­ rade gutes Schuhwerk heute noch im Besitz der großen 
las t der Mieter gegeben. Wie die Herren, die eine Masse der Bevölkerung ist, das wird wohl niemand 
solche Verordnung ausgeheckt haben, sich ihre Durch­ v s t a t t .  cn, und wer heute noch einigermaßen m it Schuh­
führung denken, ist m ir vollständig unklar. Daß werk versehen ist, dessen Schuhwerk dürfte, wenn diese 
der .Hauswirr oder bcr Portier irgendwie imstande Arbeit an ihn herantritt, auch bereits abgenutzt sein, 
ist, über die Arbeitszeit der Mieter des Hanfes, ohne daß er imstande ist, für vollwertigen Ersatz zu 
orientiert zu fein, das Kommandieren zum Schnee­ sorgen. Also die Durchführung einer solchen Verord­
schippen der Arbeitszeit und den Arbeitskräften der nung scheint m ir vollkommen unmöglich. Die Ver­
Bewohner des Hauses anzupassen, ist ja absolut aus- ordnung selbst wird zu denen gehören, die chen aus 
geschlossen. Man vergegenwärtige sich doch nur, wie dem Papier stehen. W ir sind ja m it einer ganzen 
die Tacke gemacht werden kann oder gemacht werden Reihe von Verordnungen vom grünen Tisch in der 
soll. Kriegszeit bedacht worden, deren Ausführung eben 
Es ist ja ganz klar, daß ärztliche Atteste über nicht erfolgt, weil sie nicht erfolgen kann. Aber ich 
körperliche Unfähigkeit zu dieser Arbeit von ihr be­ glaube, noch kaum jemals ist eine Verordnung so 
freien werden. Es ist auch ohne weiteres klar, daß. wenig durchführbar gewesen, wie die hier vorliegende. 
die begüterten Kreise sehr leicht solche ärztlichen Es kann daher dem Ansehen der Verwaltungen, die 
Atteste beibringen können und beibringen werden. solche Verordnungen erlassen, nicht förderlich sein, 
Es ist aus anderen Gründen auch durchaus klar, daß wenn sie aufrechterhalten werden.
begüterte Leute von den Portiers nicht zu dieser Dagegen wird der Versuch der Durchführung 
Arbeitsleistung werden kommandiert werden können. in den weitesten Kreisen zu außerordentlicher Erbitte­
rung führen. Ich w ill gar nicht von der Möglichkeit 
(Zuruf: Na, na!) der Schikanierungen reden. Die Hauswirte sind sicher 
keine Engel, die Vertreter der Hauswirte, die P or­
Nicht dagegen werden die Nicht begüterten in der Lage tiers, ebenfalls nicht, und cs ist leicht möglich, daß der 
sein, sich ohne weiteres ärztliche Arteste zu verschaffen, Versuch der Durchführung einer sulchen Verordnung 
auch wertn sie körperlich durchaus nicht fähig sind, der­ zu außerordentlichen Schikanen seitens einzelner führt. 
artige schwere A re tit zu leisten, weil ja eben ärztliche Ich w ill bloß aus die Häuser hinweisen, deren Be­
Atteste auch wieder m it größeren Kosten verbunden sitzer westlichen Geschlechts sind. Ich habe alle Hoch­
sind. Außerdem wird doch, wenn die Verordnung achtung vor dem weiblichen Geschlecht! aber gerade in 
irgendwelchen! Erfolg haben soll, darauf gerechnet, bezug auf Kleinlichkeit ist uns die weibliche Hälfte 
daß gerade die nichtbegüterte, die schwer arbeitende des Menschengeschlechts nach meinen Erfahrungen doch 
Masse der Bevölkerung zu dieser Arbeit m it heran­ etwas über, und es ist leicht möglich, daß gerade da, 
gezogen w ird. Wie aber der arbeitenden Bevölkerung wo die Vertretung des Hauswirts eine Portiersrau 
zugemutet werden kann, weint sie den Tag über be­ hat oder wo der Hauswart selbst weiblichen Geschlechts 
reits schwer gearbeitet hat, sich auf Kommando des ist, in höherem Maße Schikanterungen Platz greisen 
Portiers oder des Hauswirts noch einmal für eine als in den anderen normalen Fällen. Wie gesagt, 
schwere körperliche Arbeit zur Befristung zu stellen, ich w ill auf diese Schikanierungen, die ja nur neben­
das ist m ir auch unerfindlich. Zwar die Zumutung bei m it unterlaufen können und werden, auch nur 
sehen wir, aber von der Durchführung kaun ich mir nebenbei auf ein untergeordnetes Moment hinge­
eine rechre Vorstellung nicht, Wochen. Die Leute, die wiesen haben. Das Hauptmoment ist, daß der Doste 
tagsüber, wenn der Schnee fällt, in den Fabriken be­ Versuch, 'diese Verordnung loyal durchzuführen, not­
schäftigt sind, sind eben nicht da, wenn der Herr wendigerweise zu den unerhörtesten Mißgriffen führen 
Hauswirt oder sein Verwalter, der Portier, komman- muß und daher auch zu einer Erbitterung und Ver­
oierr, daß sie zur Arbeit antreten sollen, und auch bitterung.
andere Leute, die nicht gerade in den Fabriken ar­ Es fehlt in dieser Verordnung jede Anweisung, 
beiten, die aber doch auch ihrem Berufe nachgehen, wie diejenigen, die die Verordnung erlassen haben, sich 
sind nicht da, wenn am Tage der Schnee fällt und ihre Ausführung denken. Man w ill, wie es scheint, 
der Portier sie zur Arbeit aufruft. Is t  der Schnee alles der Praxis überlassen. Nun, da wird schon etwas 
in der Nacht gefallen, so sind die Leute um Uhr Schönes herauskommen! I n  den Abendblättern habe 
ebenfalls nicht zur Stelle und können nicht zur Stelle ich soeben gelesen, daß morgen in der Berliner S tadt­
lein. Alle diejenigen, deren Tagesarbeit sie dazu verordnetenversammlung ein Antrag verhandelt wird, 
zwingt, auch noch spät am Abend zu arbeiten, find der von der dortigen größten Fraktion eingebracht ist. 
gleichfalls nicht in der Lage, frühmorgens um 1&7 Uhr worin der Magistrat ersucht wird,, beim Obers»m-
        
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