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Periodical volume 10. Mai 1916

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1916

Siyung am 0. M ai 1916 111
eine große Menge tum Material über diese Frage und zwar damals mit der Motivierung: das Kind 
zugeschickt erhalten. Ich bin nur in der Lage, aus soll frisch zur Schule kommen, das Kind soll als 
diesem Material ein ganz kleines Teilchen heraus­ Kind leben, das Kind soll von seinem Leben etwas 
zunehmen. Aber dieses kleine Teil ist doch schon haben. Und die Pädagogen haben erklärt, daß Kin­
recht denkwürdig. M ir wird z. B. non einer Abtei­ der, die morgens irgendeine Tätigkeit ausüben, 
lung eines hiesigen Fürsorgevereins folgendes be­ nicht in der Lage sind, dem Schulunterricht zu fol­
richtet: gen. lind nun kommen wir hier in einer ohnehin 
„Eine alte Musiklehrerin, die seit Fahren schon schweren Zeit dazu, daß die Kinder von 3 Uhr- 
unser Schützling ist, bat vor einiger „Feit mit morgens bis um 7 Uhr um Fleisch oder Butter 
Ausstellung einer Bescheinigung für den Be­ stehen müssen. Das sind doch Zustande, die ver­
zug von Vi Pfund Fleisch, da sie seit Wochen mieden werden müssen und die zu vermeiden sind. 
keins ^erhalten konnte und sich sehr schwach Hier handelt es sich tatsächlich bloß um Organisa­
fühlte. Sie hat dies dann endlich unter den tionsfragen.
größten Schwierigkeiten erhalten, nachdem sie Als wir früher hier mal über die Butterkarten
bei mehreren Verteilungen unberücksichtigt sprachen, ist von vielen Seiten behauptet worden,
blieb. Der Einkauf war dann so zustande ge­ ihre Einführung wäre nicht möglich. In  einzelnen 
kommen, das; ein sehr alter Mann aus dem Städten hat mans ie eingeführt. Da ist sehr viel
Hanse morgens mit einem Älappstuhl vor dem geändert worden. Als Beweis, wie einfach eine
Fleischerladen in der wartenden Menge Platz Aenderung wäre, sei folgendes angeführt: Nachdem 
nahm, nach einigen Stunden von seiner Frau heute vor einem hiesigen Butterladen die Leute Vier- 
abgelöst wurde, bis endlich das alte Fräulein Stunden gestanden hatten, erschien ein Polizeileut­
selbst, die inzwischen einige Unterrichtsstunden nant und schickte ein Drittel der Leute weg, weil er in­
gegeben hatte, auch diese ablöste. zwischen festgestellt hatte, daß für diese Leute keine 
Fn einem anderen Falle hat eine uns sehr Butter mehr vorhanden war. Da standen die mei­
gut bekannte ordentliche Kriegerfrau die ganze sten der fortgeschickten Leute aber schon 1 y> Stunden 
Nacht durch vor dem Fleischerladen gewartet, laug. War solch verständiges Eingreifen nicht 
um endlich, nachdem sie seit Ladenschluß ge früher möglich?
standen, gegen 8 Uhr morgens ein halbes Ich bin der Ansicht: wenn die städtischen Fleisch- 
Pfund Fett'zu erhalten. Um 3 Uhr morgens Verkaufsläden nicht in der Lage sind, in einer be­
stakt um 5 Uhr, wie vereinbart, löste sie der stimmten kurzen Zeit die Käufer abzufertigen, so 
schulpflichtige älteste Sohn ach damit die Mut müssen eben mehr städtische Verkaufsstellen einge­
ter ein paar Stunden schlafen konnte. richtet werden.
Häufig wurden während der letzten Wochen 
Schulversäumnisse und Unpünktlichkeiten von (Sehr richtig!)
Kindern gemeldet. Die Entschuldigungen lau­
teten stets: die Kinder mußten um Butter, Es geht jedenfalls nicht an, daß dieser Zustand wei­
Fleisch oder dergleichen stehen. ter dauert, und ich darf wohl die feste Ueberzeugung 
Weiter wird mir von einer anderen Stelle ge­ haben, daß unser Magistrat, der ja gezeigt hat, daß er für die großen Gesichtspunkte der städtischen Le­
schrieben: bensmittelversorgung durchaus zugänglich ist, sich auch 
Das Mädchenheim der Vereinigung der diesen kleinen Dingen nun etwas schneller und etwas 
Wohltätigkeitsbestrebungen (Unterkunft für mehr zuwenden wird. Ich bin der festen Ueberzeu­
T arbeitslose jugendliche Mädchen) bekommt gung, daß wesentliche Aenderungen hier nur Sache 
seit Ende Februar kein Fett, kein Fleisch und des guten Willens sind. Weiter nichts. Nachdem 
keine Margarine mehr. Es ist vorgekommen, nun leider die Polizeibehörden nach der Richtung 
daß die Mädchen stundenlang au den städti­ hin nichts Genügendes getan haben und, wie es 
schen Verkaufsstellen warteten und schließlich scheint, das Oberkommando in den Marken, an das 
fortgehen mußten, ohne etwas zu erhalten. ich mich schon persönlich in der Sache gewendet habe, 
Viele Kinder, mit denen die Jugendfürsorge nichts Eingreifendes tun will, sollten wir wenigstens 
sich zu beschäftigen har, haben täglich stunden­ für unser engeres Stadtgebiet mit Hilfe des Magi­
lang aus der Straße vor Lebensmittelgeschäften strats geordnete Zustände zu schaffen versuchen.
zu warten. Die Eltern erklären auch, daß sie 
um solcher Gründe willen die Kinder nicht zur . (Bravo!)
Schule oder in das Jugendheim schicken
können. Vorsteher Dr. Frentzel: Es ist ein Antrag aus 
Meine Herren, das sind doch schließlich Zustände, Schluß der Debatte gestellt worden. Aus der 
die geradezu nicht mehr erlaubt sind. Es ist also Rednerliste stehen noch die Herren Erdmannsdörffer, 
setzt tatsächlich so weit gekommen, daß ei in große Dr. Landsberger, Gebert, Katzenstein, Zielenziger und 
Reihe von Charlottenburger Kindern vor Schulbe­ Dr. Ehck. Ich bitte diejenigen Herren, Sie für den 
ginn stundenlang vor den Fleischerläden, und zwar Schluß der Debatte eintreten wollen, die Hand zu 
an den städtischen Verkaufsstellen, stehen, und daß erheben.
sic dann, wenn sie zur Schule müssen, von den El­
tern, von dem Vater oder der Mutter, abgelöst wer­ (Geschieht.)
den. Ja, meine Herren, ich möchte doch einmal dar­
auf aufmerksam machen, wie wir uns alle für beit Das ist die große Mehrheit; der Schluß der De­
Mnderschutz in der Industrie und Landwirtschaft batte ist eingetreten.
ins Zeug gelegt haben, Es hat nunmehr nach unserer Gepflogenheit noch 
je ein Vertreter der Anfragesteller und der Antrag­
(Sehr gut!) steller das Schlußwort.
        
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