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Periodical volume 10. Mai 1916

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1916

106 Sitzung am 10. M ai 1010
weit Produkte  innerhalb dieses Wirtschaftsge­ Diese G ründe  sind es unserer Ueberzeugung 
biets nicht reichlich erzeugt werden, die uns nach vor allem, die jene S i tu a t io n  verschulden, in 
auch von außerhalb nicht mehr oder in  unzu­ der wir u n s  sehen, und wenn ich auch dem H errn  
reichendem M aß e  zugeführt werden, es ein Oberbürgermeister darin  folge, daß ich diese G ründe  
K am pf oller gegen olle sein würde, wenn es heute nicht darauf prüfe, ob ein Verschulden vorliegt, 
die K om m unen ols ihre Aufgabe betrachten worin  gegebenenfalls das Verschulden besteht, wie 
würden, sich m it  Rücksichtslosigkeit auf diese das Verschulden zu beseitigen ist ■—  Erwägungen, 
Erzeugnisse zu stürzen, um  sie ihrer Bevöl­ die ja außerhalb unseres Einflußbereiches liegen — , 
kerung zu sichern. Deswegen m uß nach so scheint es m ir  doch notwendig, daß w ir  an  die 
meinem D afürhalten  in  allen den Fällen, wo Spitze unserer heute zu fassenden Entschließung die 
die P roduktion  des Landes knapp ist, das F orderung  stellen, daß in diesen Verhältnissen vom 
Reich eingreifen, um durch geeignete A nord ­ Reiche au s  W andel geschaffen wird.
nungen die mangelnde Produktion  gleich­ M eine  Herren, wenn w ir  das  tu n  —  und das 
mäßig und gerecht zur Verteilung zu bringen, ist der erste P unk t  des A ntrages, den ich verlesen 
die Preise zu regeln und so den Versorgungs­ habe — , so handeln w ir  nicht n u r  im Interesse  der 
verbänden, die nicht selber produzieren können, G roß-B erl incr  Bevölkerung, sondern w ir  handeln im 
diejenigen M engen sicherzustellen, die no t­ wirklichen nationalen Interesse. D en n  auf den gro 
wendig sind, nm die dringendsten Ansprüche ßen S täd ten ,  besonders auf Berl in , ruhen die Augen 
der Bevölkerung zu befriedigen. des A uslandes, und jede kleine Unruhe, die sich da 
D e r  H err  Bürgermeister führte dann aus, das; bemerkbar macht, wird im Auslande, vor allem im 
dasjenige, w as er somit für erforderlich hielt, durch feindlichen Auslande, aufgebauscht und a ls  ein 
gewisse M aßnahm en  im  höchsten G rade  erschwert und S y m p to m  innerer R evolu tion  dargestellt. Deshalb 
gefährdet würde, und bemerkte in bezug hierauf: ist es auch eine wirkliche nationale  Forderung , daß 
W as  hinsichtlich der Abgrenzung einzelner die Reichsregierung alles tut, um durch eine gerechte 
Wirtschaftsgebiete innerhalb des Reiches w äh­ Verteilung der, wie auch ich glaube, in genügendem 
rend des Krieges geleistet worden ist, das  wird M aße  vorhandenen Lebensmittel Unruhen in großen 
später wahrscheinlich ein erhebliches Kopf­ S täd ten  zu vermeiden.
schütteln hervorrufen. W ir  haben seinerzeit Ich  komme n u n  zu den Einzelm aßnahm en der 
nach vielen Kämpfen und M ü hen  glücklich den S ta d t .  Solche E inzelm aßnahm en werden —  das 
deutschen Zollverein begründet und müssen es wissen w ir  —  keinen auch n u r  teilweisen Ersatz für 
erleben, daß heute fast jeder Korpsbezirk zu durchgreifende M aßnahm en  des Reiches zu bilden 
einem besonderen S ta a te  durch A usfuhrver­ vermögen. D i e  s c h ä r  f.ft e K o n t r o l l e ,  d a s  
bote usw. ausgestaltet wird. v i e l s e i t i g s t e  K a r t e n s y s t e m  w e r d e n  n u r  S t  ü  ck w e r  k s e i n ,  w e n n d i e W  a r e 
M eine  Herren, die Gründe, die für die Schwie­ n i c h t  d a  i s t ,  und w ir überschätzen deshalb in 
rigkeiten von M ag is tra t  und S tad tverordne tenver­ keiner Weise die Abhilfemittel, die w ir  benützen 
sammlung a ls  allein stichhaltig erachtet wurden, sind können. Aber w ir  müssen u n s  dam it abfinden, daß 
seitdem nicht weggefallen, sondern sie haben sich er­ durchgreifende M aß nahm en  zur Behebung der jetzi­
heblich vermehrt. W ir  wissen, daß sich jetzt nicht n u r  gen Schwierigkeiten bisher vom Reiche, abgesehen 
Korpsbezirke, sondern sogar Landratskreise von ein­ von der Brotversorgung, nicht getroffen worden 
ander abschließen, und unsere Landeskarte bietet so sind, und w ir dürfen M aßnahm en, die w ir  an sich 
in  bezug auf die wirtschaftlichen M aßnahm en  ein für zweckmäßig halten, nicht deswegen aufschieben, 
buntscheckiges B ild  dar, zu dem glücklicherweise die weil w ir sagen: Wichtigeres hat das Reich zu leisten. 
E inmütigkeit aller Deutschen auf dem Schlachtfelde I n  diesem S in n e  schließen w ir  u n s  dem Bestreben 
in einem ganz gewaltigen Gegensatze steht. an, Abhilfemittel zu suchen, die alsbald von S t a d t  
wegen ohne Rücksicht auf die M aßnahm en  des 
W as  allein die Fleischversorgung anlangt, so Reiches angewendet werden sollen.
kann derjenige, der heute vom Osten unseres Reiches D er  erste P u n k t  der Anträge der sozialdemokrati­
eine Reise nach dem S ü d e n  macht, die allermerk- schen Fraktion und der biei übrigen Fraktionen be­
würdiasten Erfahrungen in  seinem Tagebuche zusam­ trifft die E i n s  ü h r ii n  fl v o n  F l e i s c h k a r t  e n 
menstellen. D a  haben w ir  dicht nebeneinander die für Charlottenburg. D e r  H err  Oberbürgermeister 
Bundesstaaten B aden und Hessen, von denen Baden bat bereits dargelegt, daß dieser Fleischkarte nicht mit 
die Fleischkarte hat, Hessen keine. I n  P re u ß e n  selbst übertriebenen Hoffnungen entgegengesehen werden 
aber ist es noch viel vielgestaltiger. D a  haben w ir darf. M eine  Herren, w ir  sind durch die vorzügliche 
zunächst e inm al eine Menge von Kommunen, in Wirkung der Brotkarte verwöhnt worden; aber w ir 
denen es keine Fleischkarte gibt; dann haben w ir vergessen doch leicht, daß es etwas anderes ist, den 
Kommunen, in  denen es eine Fleischkarte gibt. Diese Verbrauch einer W are  zu regeln, deren Erzeugung sich 
Fleischkarten sind auch noch verschieden, verschieden nach ganz bestimmten Naturgesetzen einmal im J a h re  
in bezug auf die Menge, auf die sie lau ten  —  in zu bestimmter Ze it  vollzieht, etwas anderes dagegen, 
einer S t a d t  sind es 500 g  für die Person  und Woche, den Verbrauch von W aren zu regeln, deren Erzeu­
in  der andern 250 g  usw. — , verschieden auch h in ­ gung nach Zeitpunkt und M enge zum mindesten teil­
sichtlich des ganzen Systems, auf dem sie beruhen. weise im Belieben des Besitzers steht und deren Ab­
Aber noch mehr, meine Herren! I n  zahlreichen satz nicht ohne weiteres vereinheitlicht und von S ta a t s -  
O rten  des Deutschen Reiches müssen sich heute die wcgen geleitet werden kann. I n  diesem Zusammen 
von diesen O rten  Abreisenden einer Durchsuchung hange möchte ich mich auch dem H errn  Oberbürger­
auf M itnahm e  von N ahrung sm it te ln  unterwerfen, meister darin  anschließen, daß ich ebenso wenig wie er 
die an die Revisionen erinnert, denen sich deutsche die Notlage oder —  Notlage ist nicht der richtige 
Reisende bei der Ikeberschreitung der Grenzen von Ausdruck —  die Mißständc auf dem Gebiete der 
Alexandrowo und V entim ig lia  einst haben u n te r­ Fleischvevsorgung lediglich auf ein böswilliges Z u ­
werfen müßen. rückhalten des Viehs durch die Landwirtschaft zurück-
        
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