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Periodical volume 10. Mai 1916

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1916

Sitzung am 10. M ai 1910 97
f a r tm , die wahrscheinlich n u r  S perrkarten  sein kön­ D as  hat die P o lize i auch endlich eingesehen: sie 
nen, annehm en werden; das w ird Sache des M a g i­ hat das Kriegswucherdezernal eingerichtet, von dem 
strats oder der D epu tation  sein. Aber um das eine w ir freilich noch nicht wissen können, wie es funk­
möchte ich S ic  bitten, daß S ie  sich grundsätzlich auf tion iert, von dem w ir aber erw arten wollen, daß 
den S tandpunkt, der Fleischkarte stellen und in  diesem eine Reihe von schlimmen M ißständen durch seine 
Punkte  unserm A ntrage zustimmen. Ich  b in  über­ Wirksamkeit beseitigt werden. D ie polizeiliche K on­
zeugt, daß sich der M agistra t, wenn ein einm ütiges trolle, die bis jetzt bestand, hat sich durchaus nicht be­
V otum  der S tadtverördnotenversam m lung vorliegt, w ährt, ja, m an kann sagen, daß sie eigentlich F iasko 
dem nicht widersetzen kann, sondern daß er dann  un ­ gemacht hat.
verzüglich an die A usführung des A n trags geht. 
Erreichen läß t sich schon etw as durch solche K arten. M eine H erren, w as haben w ir erleb t? W enn 
Ic h  erinnere daran , daß z. B .-d ie  Konsumgenossen­ die Zeitungsberichte w ahr sind, dann wurden —  ich 
schaft bereits jetzt K arten  m it N um m ern eingeführt glaube, es w ar in  der G rolm annstraße bei dem 
hat, und zwar fü r alle Lebensm ittel, die knapp sind. Schlächter, wo so große V orräte  entdeckt w urden —  
E s  werden alle Lebensm ittel, die knapp sind, ra tio ­ auf A nordnung der P o lizei die wertvollen W aren 
niert, und der Verkehr wickelt sich dort gut ab. V iel­ in Riesenm engen an  die Bevölkerung verkauft; Speck 
leicht ist es möglich, aus der B asis, die dort bereits in M engen^von 5 bis 10 P fu n d . I n  einer Z eit, 
besteht, weiter zu bauen. wo weite Schichten der Bevölkerung sich kaum er­
M eine H erren, w ir fordern dann weiter die E  r  - innern , wie Speck aussieht, kommt irgend ein P o ­
r i ch t u  n  g s t ä d t i s c h e r  V  e r  k a  u f s  ste l l e n .  lizeibeam ter und ordnet an : h ier ist Speck vorhan­
Ic h  habe bereits vorher gesagt, daß ich durchaus den, nun  so viel verkaufen, wie da ist. D a s  ist ge­
nicht behaupten w ill, daß  sich alle H än d ler, auch radezu unverantw ortlich und zeigt, daß die Polizei- 
nicht alle Fleischer, so un lautere  M anipu lationen  beamten, die dort tä tig  gewesen sind, fü r die Sache, 
haben zu Schulden kommen lassen, wie sie von eini­ um  die es sich hier handelt, absolut kein V erständnis 
gen ihrer Berufskollegen berichtet werden. Aber in haben.
diesem F a lle  h ilft es einm al nichts: hier m uß der 
Unschuldige m it dem Schuldigen leiden,^und selbst (S e h r  richtig!)
diejenigen, die grundsätzlich auf dem S tan dpun k t 
stehen, daß der freie H andel auf keinen F a ll  ausge­ Ich  glaube, daß auch die K ontrolle, die jetzt von 
schaltet werden darf, möchte ich bitten, sich einm al in den Polizeibeam ten vor den Läden ausgeübt wird, 
diesem F a ll  über ihre P rin z ip ien  hinwegzusetzen und absolut nichts w ert ist. D ie  Polizeibeam ten  stehen 
sich zu sagen, das es sich hier um  eine K riegsnotw en- dabei, höeren die R edensarten  der F ra u e n  an, machen 
digkeit handelt, wobei das Interesse des Einzelnen vielleicht auch selbst einige und halten die O rdnung  
h in te r das In teresse der G esam theit zurück­ auf der S tra ß e  aufrecht. A ber von dem, w as im 
treten m uß. I n n e rn  der Läden vor sich geht, wissen sie nichts.
M eine H erren, w ir werden durch städtische 
Fleischverkaufsstellen zweierlei erreichen: einm al, daß (S e h r  richtig!)
sich der H andel n u r  in reeller Weise vollzieht, und 
zweitens, daß die P reise gesenkt werden. M ir  liegt Namentlich haben sie keine A hnung davon, und 
h ier der Bericht der städtischen Fleischhalle von W il­ können auch keine A hnung davon haben, wieviel etwa 
m ersdorf vor. E s  ist sehr interessant, aus dem B e­ von dem Fleisch —  um  bei den Schlächtern zu blei­
richt festzustellen, daß die Durchschnittsvcrkaufspreise ben — , das von der S ta d t  geliefert w ar, zu W urst 
in  der städtischen Fleischhalle zu W ilm ersdorf erheb­ verarbeitet ist und dann in  einigen Wochen a ls  au s­
lich niedriger gewesen sind a ls  die P reise, die zu glei­ w ärtige W urst zu Wucherpreisen a n  die Bevölkerung 
ches Z e it im  freien H andel bezahlt lvurden. S o  verkauft w ird.
z. B . kostete im  Dezember vorigen J a h re s  im  freien 
H andel das K ilo Rindfleisch in W ilm ersdorf 3,16 JL (S e h r  richtig!)
während es in  der städtischen Fleischhalle n u r 2,59 Jl 
kostete. Schweinefleisch fällt hier weg, weil dafür W enn w ir eine K ontrolle ausüben, dann ist es n o t­
ja Höchstpreise festgesetzt w aren. Beim  Kalbfleisch wendig, sie nicht auf den Verkauf zu beschränken, son­
w aren die P reise 3,75 Jl. bezw. 2,95 Jl, also ein dern sie m uß auch auf die F abrika tion  der W urst 
sehr wesentlicher Unterschied, und bei Hammelfleisch ausgedehnt werden. N u r so werden w ir verhindern, 
3,85 bezw. 2,81 Jl, d. h. eine D ifferenz von über daß die Bevölkerung übers O hr gehauen w ird.
1 Jl pro Kilo. N un  frag t es sich, durch wen die K ontrolle a u s ­
M eine H erren, S ie  werden m ir zugeben, daß geführt werden soll. W ir sagen in  unserm A ntrag , 
diese Zahlen den besten B ew eis dafür erbringen, daß die M itg lieder der städtischen Körperschaften das 
w ie notw endig es ist, von S ta d t  wegen derartige K ontrollrecht bekommen sollen. W ir sind u n s be­
Verkaufsstellen einzurichten. w ußt, daß das n u r im E inverständnis m it der P o ­
N u n  könnte ja  eingewendet werden, daß w ir litzer möglich ist. M e r  ich stehe da auf dem S ta n d ­
die geigneten K räfte nicht hätten. M eine H erren, punkt des H errn  Kollegen O tto : ich kann m ir nicht 
die geeigneten K räfte sind vorhanden. W ir w ürden denken, daß sich die P o lize i in  einer so wichtigen 
die reellen H ändler bewegen, statt im freien H andel Sache etwa an  juristische F ragen  klammert und sagt: 
n u n  gewissermaßen a ls  B eauftragte der S ta d t  zu nein, ih r seid nicht zuständig, d a s  ist unsere Sache. 
fungieren, und ich glaube, daß sie sich dabei nicht I m  Gegenteil, wenn die P o lize i ihre Aufgabe richtig 
schlechter stehen a ls  heute, wo ja sowieso Tausende von erfaßt, dann  kann sie es n u r m it F reuden  begrüßen, 
Heimen Geschäftsleuten in  ihrer Existenz ru in ie rt wenn ihr au s  den Reihen der B ürger freiw illige Hel- 
sind. er zur V erfügung gestellt werden. Ueber den K reis 
D ritte n s  haben w ir dann eine s c h ä r f e r e  der M itg lieder der städtischen Körperschaften h inaus 
K o n t r o l l e  notwendig. müssen selbstverständlich auch sonstige geeignete P e r ­
(Z u ru f: D a s  ist die Hauptsache!) sonen, Fachleute und vor allen D ingen F rau en , zur
        
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