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Periodical volume 22. Dezember 1915

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1915

Sitzung um 22. Dezember 1915 153
slsier seinerzeit den A ntrag  auf Dringlichkeit in it Rück­ abgeschlossen, daß überhaupt nichts nach außen 
sicht auf die A usführungen des H errn  O berbürger­ dränge? J a ,  die Zensurbehörde ist peinlichst darauf 
meisters, in  denen er u n s sagte, daß V erhandlungen bedacht, alles zu vermeiden, w as irgendwie daraus 
m it der Reichsregierung und sonstigen Behörden hindeuten könnte, daß hier ein M an g el an Lebens­
schweben, die jedenfalls in  der B utterfrage in  aller­ m itte ln  vorhanden ist. H ier aber w ird in breitester 
nächster Z e it eine wesentliche A enderung herbeiführen Ö ffentlichkeit gezeigt, daß es der F a ll  ist; jeder A u s­
dürften, wieder zurückgezogen. länder, der hier durchkommt, muß jo sehen: H im ­
W as ist nun  in  der B utterfrage während dieser mel, w as ist denn in G ro ß -B erlin  los, das ist ja 
14 Tage geschehen? Absolut gar nichts! E s  w ird schrecklich, vor jedem B utterladen  stehen H underte 
hier in  diesem S a a le  niem and anwesend sein, der von Menschen! H ier vor diesem Hause können S ie  
nicht die kolossalen M enschenansammlungen vor den es bei dem B n tterladen  von Ladewig tagtäglich m it 
einzelnen Burterverkaufsstellen gesehen hätte; es w er­ ansehen, und die H erren des M ag istra ts  werden es 
den wenige hier im  S a a le  sein, die schon m orgens um  wahrscheinlich von ihrem  A m tszim m er aus oft genug 
5 U hr die M enschenansammlungen beobachtet haben, beobachtet haben.
die vor den Schlächterläden stattfinden. Auch dort I n  neuerer Z e it ist auch gesagt worden, daß dem­
stehen m orgens um  5 U hr schon H underte von M e n ­ nächst eine A enderung in  bezug auf die Lebensm itte l­
schen, die lediglich ein bischen Fleisch oder F e tt  kaufen verteilung ein treten sollte. D a  ist m ir n u n  zu O hren 
wollen. M eine H erren, wenn die deutsche H eeres­ gekommen, daß m an beispielsweise bei der R e isv erte i­
verw altung so jam m ervoll gearbeitet hätte wie die lung schon von vornherein die Verkaufsstellen des K on­
Reichsregierung hier im  Jn la n d e , dann stünde es sum vereins, dieser kolossal großen Genoffenschaft, 
um  u n s  hier sehr faul, sage ich Ih n e n ! einfach ausgeschaltet hat, und ein M ag istra tsvertre ter 
soll dazu gesagt haben: der K onsum verein müsse 
(S e h r gut! bei den Sozialdem okraten.) erst seine S ta tu te n  ändern, da er lediglich a n  M i t ­
glieder verkauft, lin d  dieser S tan d p u n k t w ird ver­
D ie Zustände, die sich hier bei u n s  im  Lande treten. trotzdem die S ta d t  B erlin  dasselbe schon im m er 
gezeigt haben, kommen nicht an die Ö ffentlichkeit; getan hat.
die Presse w ird infolge der Zensur nach jeder Rich­ M eine H erren, ich weiß auch nicht, w arum  sich 
tung  h in  unterdrückt. E s  sind hier D inge vorge­ nicht die G em einden von G ro ß -B erlin  e inm al etw as 
kommen, die jeder Beschreibung spotten, und das näher im  Reiche umsehen. E s  gibt einzelne G e­
m uß hier heute einm al zum Ausdruck gebracht w er­ meinden im  Deutschen Reiche, die m it der V erteilung 
den. E s  haben Schlägereien stattgefunden; es sind der Lebensrnittel selbst ganz gute E rfolge erzielt 
Leute ohnmächtig geworden; sie haben sich um  die haben. Beispielsweise ist die S ta d t  S te t t in  in ganz 
B u tte r geprügelt, weil festgestellt wurde, daß ein­ m ustergültiger Weise vorgegangen. S ie  hat Fleisch 
zelne au s  dem P ublikum  wahre Hamstergeschäfte und F ettkarten  ausgestellt, die nach N um m ern und 
machen, daß Leute von anderen Personen, die zah­ G ruppen  geordnet sind,' und auf diesen K arten  ist 
lungsfähig genug sind, beauftragt werden, Einkäufe ausdrücklich vermerkt: die In h a b e r  der K arten  von 
in  Fleisch zu machen, das sich dann diese bem ittelten N um m er so und so, b is  da und da hin, erhalten ihre 
Kreise wie ein H am ster in  ihre V orratskam m ern 
legen. D a s  sind gewöhnlich diejenigen, die den P a ­ Lebensrnittel in  der Verkaufsstelle so und so in  der 
tr io tism u s  in  Erbpacht genomm en haben, jetzt aber und der Z eit. Also der betreffende K onsum ent ist n u r darau f angewiesen, sich genau nach seiner G ruppe und 
n u r auf ih r eigenes W ohl zum Schaden der m inder­ N um m er zu richten und um die betreffende Z eit dort­
bem ittelten Bevölkerung bedacht sind. hin zu gehen. I n  dieser Weise ist die Sache dort ge­
regelt. H ier in  G ro ß -B erlin  hat beispielsweise die 
(W iderspruch und Z urufe.) S ta d t  Köpenick seit einigen Tagen B utterkartcn  ein 
—  D a s  geschieht aber so. geführt. H ier in  E barlo ttenburg  ha t sich b isher nichts gerührt. Ich  lese heute im  B erlin er T ageblatt, daß 
H err O berbürgerm eister W erm uth gesagt h a t: m it
(S ta d tv . Dr. L i e p m a n n : W oran  unterscheiden der B utterkarte  ist nichts, das geht nicht. M eine 
S ie  dennn d a s? ) Herren, führen S ie  sie doch überhaupt erst einm al 
—  D en B ew eis dafür werde ich Jb n e n  antreten! ein, und wen» S ie  sehen, die Sache geht nicht, dann 
D ie m inderbem ittelte Bevölkerung ist infolge der schmeißen S ie  sie über den H aufen, und dann m uß 
Teuerungsverhältnisse überhaupt gar nicht in  der etw as anderes gemacht werden. D enn der Schlen­
Lage, fü r sich größere V orräte  zu beschaffen. drian , der augenblicklich in bezug auf die Lebens­m ittelversorgung herrscht, kann so nicht weitergehen.
(W iderspruch.) E s  w ird m ir h ier eben noch ein Zettel m it einer N otiz hingelegt —  ich hätte es beinahe vergessen, 
M eine H erren, das ftin yn t nun einm al; S ie  wissen w ill es aber jetzt noch erwähnen — , die auf folgendes 
es n u r nicht. S ie  sitzen hier im  G lashause und dü r­ hinweist. E s  werden beispielsweise S o ld a ten  von 
fen nicht m it S te in en  werfen. G erade die Leute, die Leuten au s  besseren S tän d en , wie m ir ausdrücklich 
do rth in  gehen und ham stern, sind Leute von Ih re m  aesagt worden ist, beauftragt, B u tte r fü r sie zu kau­
Holze! fen. die den S o ld a ten  auch un te r irgend einem V or- 
wande, den sie angeben, verabfolgt w ird.
(S e h r  richtig! bei den Sozialdem okraten.) E s  sind trostlose Zustände, wenn die A ngehöri­
gen der bester bem ittelten Kreise fiir sich alles ein­
M eine .fferren. bedenken S ie  aber noch fm irr-  heimsen, und die arm e Bevölkerung daru n ter dann 
bi.« etw as W enn so kolossale A nsam m lungen vor au f das bitterste leiden m uß. D er M an n , der m or­
unseren Lebensm ittelverkaufsstellen stattfinden, g lau­ gens früh zur A rbeit gehen m uß, n im m t schon 
ben S ie  denn nicht, daß auch das A usland  das er­ wochenlang trockene S tu lle n  m it; er kann sie nicht 
fährt; meinen S ie  denn, w ir seien so von der W elt lediglich m it W urst beschmieren.
        
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