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Periodical volume 20. Oktober 1915

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1915

Sitzung am 2< . Oktober 1915 115
Antrag des Stadt». Dr. Liepmann und (Men. betr. frau, mit ihrer Unterstützung anfangen, wenn sich 
Maßnahme» gegen die Lebcnsinitteltcucrung. zeigt, daß sie für ihre Kinder und für sich neue Stiefel 
und Anzüge beschaffen muß und dafür gerade bei Be­
ginn des Winters besonders hohe Aufwendungen 
Antragsteller Stabt». Dr. Liepmann: Meine machen soll.
Herren! Ueber den Antrag der Herren Kollegen 
Hirsch nttd Genossen kann ich mich hier namens meiner (Zuruf: Das bekommt sie extra!)
Fraktion nicht aussprechen, weil er uns bei der Vor­
beratung noch nicht vorgelegen hat. Persönlich möchte Da sie das extra bekommt, würde die Not dieser 
ich nur kurz bemerken, daß ich m it der Tendenz dieses einen Familie, die sich als gerade besonders bedürftig 
Antrages im großen und ganzen einverstanden bin an die öffentlichen Kassen wendet, behoben sein; aber 
und nur in bezug auf einige Einzelheiten Zweifel und die vielen Tausende, die keine Unterstützung von 
Bedenken halbe, Wer die sich auszusprechen im Aus­
schuß ja Gelegenheit fein wird. Stadt wegen erbitten und bekommen, haben durch diese Preiserhöhungen enorm zu leiden.
Was den Anrmg des Herrn Kollegen Wöllmer 
betrifft, so bitte ich, diesen Antrag als den Hauptantrag (Sehr richtig!)
und unseren Antrag als einen Zusatz dazu zu betrach­
ten. Zugleich stelle ich auch im Namen meiner Freunde 
den Antrag auf Ausschußberatung. Meine Herren, wenn wir ein Eingreifen des Staates in die Preisbilvung verlangen, so geschieht das 
W ir stehen vollkommen auf dem Standpunkt, ausnahmsweise angesichts der Besonderheit der Ver­
den Herr Kollege Wöllmer hier zur Begründung seines hältnisse, die in diesem langwierigen Kriege herrschen. 
Antrags dargelegt hat. W ir sind auch der Ueber­ W ir gönnen jedem Stande seinen angemessenen Ver­
zeugung, der der Herr Bürgermeister schon Ausdruck dienst, und w ir wünschen auch prinzipiell möglichst 
gegeben hat, daß seitens unserer Stadtverwaltung wenig behördliche Einmischung in die Preisbildung 
alles geschehen ist, um die Lebensmittelnot und die und in die Verteilung der Güter. Andererseits aber 
Fleischteuerung in unserer Kommune nach Möglich­ glauben wir, daß es kein Stand selbst billigen wird, 
keit zu mildern. W ir sind aber ferner mit dem Herrn wenn seine Angehörigen übermäßige Preise nehmen 
Bürgermeister der Ansicht, daß die notwendigen Vor­ und die andere Bevölkerung dadurch übervorteilen. 
aussetzungen für ein wirkliches Durchgreifen für die W ir sind deshalb der Ansicht, daß solche Fälle aufge­
Kommunen noch nicht gegeben sind, insbesondere bis deckt werden müssen, daß festgestellt wecken muß, wo 
zum Erlaß der Verordnung vom 25. September dieses diese ungehörige Preisbildung anfängt. W ir wollen 
Jahres noch nicht gegeben waren. -W ir sind ferner ferner, soweit es notwendig ist, daß einer solchen unge­
der Ueberzeugung, daß in dieser Beziehung noch mehr hörigen Preisbildung die Möglichkeit der Fortexistenz 
geschehen kann und noch mehr geschehen muß, und durch Festsetzung von Höchstpreisen auch für andere 
zwar mit Beschleunigung geschehen muß. Nur die notwendige Lebensbedarfsartikel wie Lebensmittel 
Reichsregierung kann diese Voraussetzungen schaffen, entzogen wird.
auf denen dann die kleineren wirtschaftlichen Ver­
bände m it Erfolg weiter gegen die Teuerung vorgehen Die Verordnung vom 25. September scheint ja 
können. Die hinsichtlich der Schaffung der Reichs­ nun die Möglichkeit zu geben, daß auch für andere 
prüfungsstelle getroffenen Maßnahmen erscheinen ja Lebensbedarfsartikel die Preisbildung beaufsichtigt und 
vielversprechend; aber die Frage wird wohl mancher eventuell reguliert wird. Sollte das nicht der Fäll 
von uns stellen: k o n n t e  e i n e  d e r a r t i g e  fein, so geht unser Wunsch dahin, daß durch Vorstel­
M a ß r e g e l  ni cht  schon f r ü h e r  e i n g e ­ lungen bei der Reichsregierung die Möglichkeit für ein 
f ü h r t  w e r d e n ;  wä r e n  dadur ch ni cht  derartiges Eingreifen ganz allgemein für alle zum 
v i e l e  F ä l l e  n o n N o t  u n d U n t e r e r n ä h ­ Lebensunterhalt erforderlichen Bedarfsartikel, insbe­
r u n g  zu v e r h i n d e r n  g e w e s e n ? sondere auch für Feuerungsmaterialien geschaffen wird, deren Preise bei dem Herannahen des Winters, da sie 
Unser Antrag, meine Herren, bezieht sich nun dringender gebraucht werden, unverhältnismäßig in die 
nicht gerade auf Lebensmittel, aber auf Bedarfs­ Höhe geschnellt sind.
artikel, . die für einen geordneten Lebensunterhalt 
ebenso notwendig sind wie Lebensmittel, auf die aber Meine Herren, vor allen Dingen sind w ir der 
wenigstens nicht ausdrücklich die Verordnung vom Ansicht, daß das, was geschieht, möglichst Arid ge­schehen MUß. Das laisser fa ire , laisser a lle r, das 
25. September gerichtet ist. Insbesondere möchte ich 
unter diese Artikel alles das zählen, was als Feue­ eine lange Zeit hindurch von unserer Staatsregierung beobachtet wurde, hat in vielen Kreisen nicht nur zu 
rungsmaterial dient, ferner das Leder für die Fuß­ einer Notlage und zur schlechten Ernährung geführt, 
bekleidung und sonstige Bekleidungsartikel, Wölf­ sondern wücke auch, wenn derartige Zustände weiter 
in che n usw. aufrechterhalten würden, eine starke Erregung in der 
Als sich bei Beginn des Krieges ein plötzliches Bevölkerung hervorrufen. Andererseits wird ein Vor­
Aufschnellen der Preise, z. B. beim Leder für die gehen in der von uns gewünschten Richtung nicht nur 
Fußbekleidung, zeigte, haben sich wohl viele Tausende eine ausreichende Ernährung und Lebenshaltung sicher­
insbesondere der weniger bemittelten Klaffe gesagt: stellen, es wird auch die Widerstandskraft und Kampf­
Nun, warten w ir m it Neuanschaffungen, bis erst mal bereitschaft der Angehörigen derjenigen Bevölkerung, 
wieder geordnete Verhältnisse herrschen. Nachdem die daheim geblieben ist, erhöhen und stärken und da­
aber der Krieg so lange andauert, zeigt sich in den durch dazu beitragen, daß durch ein siegreiches Fort­
Familien die direkte Notwendigkeit, doch Neuanschaf­ schreiten und Durchhalten an der Kampffront hoffent­
fungen oder wenigstens Ausbesserungen vorzunehmen, lich ein ehrenvoller und vorteilhafter Frieden in nahe 
und dabei sind hier nun leider Gottes Preiserhöhun­ Zukunft gerückt wird.
gen um das Zwei-, ja um das Dreifache festzustellen. 
Was soll nun eine Frau, meinetwegen eine Krieger- (Bravo!)
        
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