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Periodical volume 20. Oktober 1915

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1915

Sitzung am 2 i. Oktober 1915 113
reiis sehr ernsthaft gearbeitet -hat; die Ausführungen Was kann nun die Gemeinde tun, hat sie alles 
des Herrn Bürgermeisters namentlich haben den Ge­ getan, und ist -das in der Weise geschehen, wie es etwa 
dankengang, von dem w ir hier ausgegangen sind, durch­ notwendig wäre? W ir wollen hier wirklich keine klein­
aus bestätigt. Er hat dargelegt, wie w ir das ja auch liche Kritik üben, wir wollen gern zugeben, daß mit 
schon wissen, daß es nicht die Schuld der einzelnen Ge­ Hingebung und im ganzen auch auf dem richtigen 
meinde, sondern die Schuld einerseits der allgemeinen Wege gearbeitet worden ist. Aber, meine Herren, es 
Umstände und zum zweiten der besonderen Maßnah­ ist noch manches zu erwägen, was sich anderwärts be­
men oder Nichtmaßnahmen, die heute getroffen sind, währt hat und was auch bei uns ins Auge gefaßt 
ist, die diese schwere Bedrängnis herbeigeführt haben. werden sollte. Es ist hier im weiteren Kreise nicht 
Die Folgen der Kriegsnot müssen w ir heute auf uns möglich, alle diese Fragen eingehender zu erörtern. 
nehmen, und soweit es sich um notwendige Beschrän­ Doch sei einiges erwähnt. Speziell die Aufgabe der 
kungen handelt, von denen der Herr Bürgermeister M  i l c hv e r  s o r g u n g ist heute so brennend ge­
sprach, wird auch jeder bereit sein, sich ihnen zu unter­ worden, das; die Fragen einer für die Dauer bestimm­
werfen. Der Aushungerungsplan unserer Feinde wird ten Organisation hinter dem augenblicklichen Bedürf­
so lange zu nichte werden, als wir noch Brot und Kar­ nis zurücktreten. Immerhin hat Straßburg i. Elf. 
toffeln höben. Aber, meine Herren, es handelt sich eine Milchversorgung während der Kriegszeit einge­
nicht um notwendige Beschränkungen, sondern es ist richtet, die sich bisher durchaus bewährt hat, und ich 
die Ueberzeugung, daß allerwegen nach Recht und w ill doch darauf hinweisen. W ir haben gerade auf 
Billigkeit verfahren wird, von der der Herr Bürger­ Grund der 'Kriegserfahrungen eine Menge von Ein­
meister gesprochen hat, in den weitesten Volkskreisen richtungen schaffen müssen, die durch ihren inneren Ge­
heute nicht vorhanden, und sie kann nicht vorhanden halt beweisen, daß sie nicht allein auf den Krieg be­
sein. schränkt werden können, die in sich die Entwicklungs­
möglichkeiten zu einer dauernden Organisation tragen. 
I n  diesem Sinne sollte man auch heute, gerade jetzt, 
(Sehr richtig!) wo so viele Erfahrungen gesammelt werden, wo so 
viele neue Verbindungen angeknüpft werden müssen, 
die Frage ins Auge fassen, wie man in Zukunft auf 
Denn es fird in so einseitiger Weise durch die Organe Gebieten, wo das Bedürfnis so dringend ist wie auf 
der Produzenten, die doch bisher in ganz besonderem dem der Milch- und der Brotversorgung, dauernde 
Maße den Patriotismus für sich in Anspruch genom­ Einrichtungen schaffen kann, durch die dem allgemeinen 
men hoben, eigene Interessen gewahrt worden, es ist Bedürfnisse genügt wird.
mit einer Rücksichtslosigkeit über die dringlichsten 
Lebensinteressen breiter Volksmassen hinweggegangen I n  anderen Gemeinden hat man S ch l a ch ( m i ­sten vorgenommen. Z. B. hat die Stadt Freiburg 
worden, ohne daß die Regierung, besonders die preu­ i. Br. über 200 Milchkühe in eigenen Stallungen 
ßische Regierung im Landwirtschastsministerium, dem zu stehen. Sie hat eine ganze Zeit hindurch allwöchent­
entgegengetreten ist, daß in den weitesten Volkskreisen lich ein Schlachttier geliefert, um auf diese Weise 
die Ueberzeugung besteht, daß heute selbst unter den wenigstens den Bedürfnissen der Speiseanstalt zu ge­
besonders schweren Umständen, unter denen das ganze nügen. Also die Möglichkeit, da und dort weiter zu 
Volk leidet, sich in den maßgebenden Kreisen nicht die gehen, weitere Maßnahmen zu ergreifen, als das bis­
Interessen der Gesamtheit, sondern die Interessen be­ her geschehen ist, besteht.
stimmter Kreise durchsetzen, die über besonderen Ein­
fluß und besondere Beziehungen verfügen.
(Sehr wahr!)
(Sehr richtig!)
W ir dürfen auch weiter nicht vergessen, daß die 
Einrichtungen, die wir hier hüben, in mannigfacher 
Diesen Interessen gegenüber ist es um so notwendiger, Hinsicht verbesserungsbedürftig sind. Ich denke da an 
daß die Vertretungen unserer Großstädte, die heute unsern städtischen F i s c h v e r k a u f ,  der nach meiner 
ia doch -schon einen so erheblichen Teil unserer Gesamt- Erfahrung bisher nicht imstande gewesen ist, den all­
bevö'lkerung einschließen, mit viel größerer Schärfe und gemeinen Fischpreis herabzudrücken; ich renke an die 
viel größerer Rücksichtslosigkeit vorgehen. Einrichtung des sogenannten gemeinnützigen G e - 
Meine Herren, Sie haben ja in früherer Feil m ü f e v e r k a u f  s am Wilhelmsplatz, der geschlossen 
schon viele Beschlüsse zu fassen gehabt, um der Not worden ist, weil er tatsächlich seinen Zwecken in keiner 
entgegenzuwirken. Es sind Teuerungszulagen gegeben Weise entsprochen hat. So wäre noch manches anzu­
worden, sie sind auch erhöht worden, man hat der be­ führen, was sich aber wohl am besten bis zu den Be­
dürftigen Bevölkerung mannigfache Vergünstigungen ratungen des Ausschusses zurückstellen läßt.
gewährt. Aber das alles kommt mir vor, als wollte Weiterhin ist es, glaube ich, heute dringend not­
man auf einem lahmen Pferde mit einem Renner um wendig, daß auf manchen Gebieten die Versorgung 
die Wette reiten; man bleibt immer zurück. Das, was mit anderen Lebensmitteln energisch in die Hand ge­
man hier beschließen kann, wird jederzeit durch die nommen wird. Es wäre früher vielleicht möglich 
ungeheuerlichen Steigerungen zunichte gemacht, und gewesen, mehr zu tun. W ir haben gehör!, daß der 
darum ist es, wie gesagt, notwendig, daß über den Vorrat an städtischem Pflanzenfett verbraucht ist. 
Rühmen der einzelnen Gemeinde hinaus durch um­ Ich weiß aber, daß es private Vereinigungen gibt, 
fassende Maßregeln, wie sie ja nun vielleicht angebahnt z. B. den Hausarztverein, der heute noch in der Lage 
sind, von denen w ir aber immer noch keine Ergebnisse ist, seinen Mitgliedern ein ziemlich erhebliches Quan­
erlebt hüben, tatsächlich die Interessen des gesamten tum solcher Pflanzenbutter zu liefern, und zwar zu 
Volkes, das heute so große Opfer bringen muß, wirk­ einem Preise, der die Kosten deckt und doch weit 
lich auch zur Geltung gebracht werden. hinter dem zurückbleibt, der heute im Privathandel
        
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