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Periodical volume 20. Oktober 1915

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1915

Sitzung am 2< . Oktober 1915 1 l 1
Stadtrat Dr. Gottstein: Meine Herren! I n  Be Die Deckung dieses Vorrats ist schon erfolgt, so daß 
antwortung der Anfrage des Herrn Stadtv. Wöllmer etwaige Notstände durch Mangel an Fuhrwerk, wie sie 
und in Ergänzung der Ausführungen des Herrn Bür­ in der Frostperiode des vorigen Jahres bemerkbar 
germeisters möchte ich die tatsächlichen Unterlagen, die waren, ausgeschlossen sind.
von Ihnen verlangt Morden sind, geben; ich w ill mich Was die Fische betrifft, so wird unser Frschmarkt 
aber Hei der Anführung von Zahlenmaterial so weit bei dem großen Bedarf an Ersatzstoffen fü r Fleisch sehr 
einschränken, als es möglich ist, da eine Ausschußbe- ausgiebig von der Bevölkerung aufgesucht; w ir haben 
ratung beamragt worden ist, in der ja Gelegenheit ge­ im Monat etwa 7000 bis 800Ö Kunden zu befriedigen. 
geben sein wird, weitergehende Angaben zu machen. W ir verkaufen frische Seefische selbst verständlich zu 
Meine Herren, w ir haben nicht unbeträchtliche etwas teureren Preisen als in  normalen Zeiten. Vor 
Vorräte an Reis und Hülsenfvüchten, dazu auch von allen Dingen haben w ir uns große Mengen an Herin­
Konserven, die sich wegen des Fettgehalts zur Abgäbe gen beschafft, deren Absatz außerordentlich rege ist. 
an Volksspeiseanstalten besonders eignen, im Läufe des W ir haben reichhaltige Vorräte, und wenn w ir in  die 
vorigen Jahres verhältnismäßig vorteilhaft angekauft. Lage kommen, sie zu erweitern, beabsichtigen ivir, das 
S ie lagern im Hansaspeicher und werden ans ihre Güte zu tun; die Beziehungen hierfür sind angeknüpft.
ständig überwacht. Da durch die Bestimmungen vom Was das Fleisch betrifft, so werden vielleicht doch 
A p ril dieses Jahres die Beschlagnahme dieser Nah­ einige Zahlen interessieren. W ir haben seit M itte 
rungsmittel erfolgt ist, sind w ir nicht in der Lage, jetzi Jun i ungefähr ein D ritte l unserer Bestände verkauft 
schon m it dem Verkauf zu beginnen. W ir haben aller­ —  das sind rund 4000 Zentner Dauerwaren, Speck 
dings die Abgabe geringer Mengen an bedürftig ge­ usw. — , und zwar zu Preisen, die w ir im Einver­
wordene Anstalten, wie Lazarette, Speiseanstalten nehmen m it der Deputation festgesetzt haben und die 
usw., schon vorgenommen und beabsichtigen, damit erheblich niedriger waren als die Preise in den Läden. 
fortzufahren. W ir müssen auch, wenn die Abgabe, die Die abgesetzten Bestände haben einen Erlös von etwa 
nur noch wenige Wochen aussteht und für die w ir die 700 000 J l eSracht. Wenn w ir diese Waren zum 
nötigen Einrichtungen schon eingeleitet haben, begin­ Durchschnittspreis der Läden abgegeben hätten, wäre 
nen wird, eine einheitliche Festsetzung der Preise für ihr Verkaufspreis etwa 1 130 000 J l gewesen,
ganz Groß-Berlin haben. Andernfalls setzen w ir uns 
der Gefahr au, daß unsere Bestände, wenn w ir zu (Hört! hört!)
niedrige Preise fordern, nach den Nachbarorten ab­
strömen. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß so daß w ir bei einem Erlös von 700 000 J l der Be­
unsere einleitenden Maßnahmen zur Erzielung ein­ völkerung einen Vorteil von etwa runld 400000 Jl 
heitlicher Preissätze für ganz Groß-Berlin von Erfolg gewährt halten.
begleitet sein werden.
Ich möchte ergänzend hinzufügen, daß w ir auch (Bravo!)
-einige 100 Zentner Graupen haben, von denen das 
gleiche gilt, was ich Ihnen eben gesagt habe. Pon Meine Herren, w ir verkennen gar nicht, daß die 
Pflanzenfetten halben w ir uns einen Vorrat von Form, in der w ir die Waren abgegeben haben, einige 
■50 000 Pfund gesichert, der bereits an die Bevölke­ Schwierigkeiten und organisatorische Mängel hat. W ir 
rung abgegeben Hunde. Gegenwärtig sind neue E in­ haben schon lange vor den Anregungen, die heute ge­
käufe nicht möglich. Ebenso ist es trotz aller Versuche geben worden sind, nach allen Seiten erwogen und be­
unmöglich gewesen, uns von Oel größere Vorräte zu sprochen, ob eine andere Organisation zweckmäßig und 
verschaffen; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß da und denkbar wäre. W ir sind nach reiflicher Ueiberlegung 
dort noch kleinere Mengen zu erlangen sein werden. und eingehenden Besprechungen, über die w ir bereit 
Zum Ersatz des Fettes haben wir auch größere Ab­ sind im Ausschuß nähere Auskunft zu geben —  selbst­
schlüsse in Marmelade gemacht, ebenso in Obst, das verständlich sind w ir jeder andern Anregung auch zu­
jetzt an den Markt kommt, und der Kriegsausschuß gänglich — , dazu gekommen, von anderen Maßnahmen 
für Volksernährung wird uns bei der Herstellung von abzusehen, weil bei der Darsache, daß gegenwärtig die 
Marmeladen und bei der Abgabe zum Selbstkosten» Zahl der Beanspruch«- der Waren die Zahl derjenigen, 
Preis an die Bevölkerung behilflich sein. W ir haben die w ir versorgen, um das Drei- bis Vierfache über­
auch hier reckt beträchtliche Mengen im Vergleich zu steigt, jade Organisation durch den Magistrat, etwa 
denjenigen des Vorjahres angekauft. durch Verschiebung der Verteilung an andere Stellen, 
Was das Gemüse betrifft, so überwachen w ir auf­ die Vermehrung der Verkaufsstellen usw., die Schwie­
merksam die Preisverhältnisse und behalten uns vor, rigkeiten erhöhen und das Problem auch nicht lösen 
wie w ir bas schon einmal getan haben, jedesmal dann, würden. W ir haben zurzeit 30 Verkaufsstellen —  ich 
wenn ungerechtfertigte Steigerungen in die Erschei­ w ill darauf nicht zu weit eingehen — . deren Vermeh­
nung treten sollten, unsererseits Waren anzukaufen, rung die Zahl der VersorgungsMürftigen in keiner 
was uns gar nicht schwer ist, und sie in größerer Weise vermindert. Der Andrang würde sich nur auf 
Menge unmittelbar an die Bevölkerung zu erheblich eine größere Anzahl von Verkaufsstellen öder bei einer 
niedrigeren Preisen abzugeben. Verminderung in anderer Form verschieben. Auch das 
Für Kartoffeln ist neuerdings eine .Reichskar­ Markensystem würde den Verkauf erschoeren.
toffelstelle eingerichtet ltwioen, an der w ir auch be­ B is  vor wenigen Wochen vollzog sich die Abfer­
teiligt sind. Inw ieweit es durch die Reichskanoffel- tigung der Kunden durchaus glatt, bis auf einige klei­
fftelle möglich sein wird, die Versorgung der Bevölke­ nere Mißstände. Erst seit drei bis vier Wochen ist 
rung in  die Hand zu nehmen, steht dahin. Jedenfalls der Andrang kolossal angeschwollen. Das ist uns nicht 
haben w ir freihändig denjenigen Bedarf, der für die unbekannt geblieben, und w ir haben rechtzeitig die 
Frostperiode zur Deckung des Konsums der Bevölke­ Hilfe der Polizei, die in ihren Kräften jetzt auch be­
rung erforderlich ist — und das ist eine ganz erheb­ schränkt ist, in Anspruch genommen. A u f Grund einer 
liche Menge — , schon jetzt fest eingekauft, und w ir sind Besprechung ist in dieser Woche ein anderes Verfahren 
im Begriff, sie in den Speichern, die uns die Bahn­ eingeführt worden, das nunmehr Ordnung geschaffen 
verwaltung zur Verfügung gestellt hat, einzulagern. hat. W ir verhehlen uns aber keineswegs, daß es, wie
        
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