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Periodical volume 14. Oktober 1914

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1914

Sitzung vom 1 L Oktober 1914 -271
Bald nach Ausbruch des Krieges haben sich Auch das, was Herr Stadtv. Dr. Landsberger 
zahlreiche Damen an die Herrschaften in den Stadt­ weiter wünscht, ist, wenn auch nicht von Anfang an, 
vierteln der besser situierten Einwohner gewandt so mindestens nach Verlauf der ersten Woche erfüllt 
und darum gebeten. Kinder der ärmeren Bevölke- worden, nämlich eine sorgfältige Benachrichtigung 
rungsklassen zur Speisung zu übernehmen. Soviel der Unterstützungskommissionen in jedem einzelnen 
ich weiß, hat sich eine große Zahl von Herrschaften Falle, wo eine Schulkinderspeisung stattfindet. Wenn 
dazu bereit erklärt. Ich  habe nun noch in  der aller­ das nicht zu seiner Kenntnis gekommen ist —  er 
letzten Zeit mit Erstaunen gehört, daß hiervon — schüttelt mir dem Kopfe — , so liegt das vielleicht an 
wenigstens bei den mir bekannten Familien — nicht der Kommission und nicht an der Zentralstelle: denn 
Gebrauch gemacht worden ist. Ich habe das damit ich bin in der Lage, nachzuweisen, daß jeder einzelne 
zu motivieren geglaubt, daß nicht genügend Kinder Fall gebucht ist, daß eine sorgfältig geführte Karto­
vorhanden sind, die den Herrschaften überwiesen thek vorliegt und jeder einzelne Fall genau unter­
werden könnten, wenigstens nicht genügend Chai sucht worden ist.
lottenburger Kinder, und daß aus weiteren Eni Ich kann zusammenfassend sagen: alle die 
fernungen Groß-Berlins Kinder nicht hierher ge­ Forderungen, die Herr Sradtv. Dr. Landsberger
bracht werden sollten. aufgestellt hat, sind schon erfüllt worden, denn 
Wie ich nun der Vorlage entnehme, sind aber selbstverständlich erkannten auch wir sie als notwen­
mehr als ausreichend selbst Charlottenburger Kinder dig an; es ist daran auch schon von Ansang an ge­
vorhanden, die aus öffentlichen Mitteln gespeist wer­ dacht worden.
den. Deshalb wäre es mir doch interessant, zu er­ Jnbezug auf das, was Herr Stadtv. Dr. Byk 
fahren, warum diese Kinder den Familien, die sich ausgeführt hat, bitte ich, zu bedenken, daß die 
im August dazu angeboten hatten, noch nicht zuge­ Ueberweisung an Freitische in einzelnen Familien 
führt worden sind und, wenn schon die Kinder die­ zuweilen örtliche und sonstige Schwierigkeiten 
sen Familien nicht überwiesen wurden, warum dann machte. Da, wo die Berücksichtigung der Aner­
diese nicht darum angegangen sind, doch ein Ent­ bietungen zur Speisung in der Wohnung möglich 
gelt für den nicht geleisteten Freitisch zu geben. war, ist sic durchgeführt worden. Vielfach scheiterte 
Meiner Ueberzeugung nach würden alle diese Fami­ aber die Ueberweisung an den schon in der Tages­
lien nicht nur 16 H pro Tag entrichten, sondern presse hervorgehobenen Umstünden, daß nämlich die 
das Mehrfache, vielleicht auch eine Mark. Das würde Wege zu weit, daß die Speisungszeiten ungünstig lagen, 
ja das Aequivalent für das sein, was sie für das daß die Familienmitglieder nicht getrennt werden 
Mittagbrot, den Vesperkaffee und das Abendessen konnten usw. Wo es aber möglich war, die freund­
ausgeben. lichen Anerbietungen zu berücksichtigen, ist dem auch 
Ich glaube also, daß es doch wichtig ist, die entsprochen worden. Die Zahl der Fälle ist jedoch 
Wohltätigkeit, zu der sich die Familien verstanden nicht so groß geworden wie die Zahl der Aner­
haben, auch auszunutzen. Es ist ja dabei auch zu bietungen. Dafür haben dann Geldablösungen 
bedenken, daß die Familien, wenn sie mit der Spei­ stattgefunden.
sung in Anspruch genommen werden, in vielen 
Fällen auch Interesse für das betreffende Kind ge­ Stadtv. Vogel: Meine Herren! Wenn auch
winnen und nicht nur diesem, sondern vielleicht der die Vorlage in mehrfacher Beziehung eine Ergän­
ganzen Familie manche Annehmlichkeit zuteil wer­ zung der bestehenden Einrichtung bringt, so möchte 
den lassen könnten, die setzt unterbleibt. ich doch noch auf eine notwendige Erweiterung auf­
merksam machen, die hier nicht erwähnt worden ist, 
Stadtrat Dr. Gottstein: Meine Herren! Nach die allerdings von Herrn Stadtrat Dr. Gottstein 
den Ausführungen des Herrn Stadtv. Dr. Lands­ schon anderwärts erörtert worden ist, aber der Voll­
berger könnte die Öffentlichkeit annehmen, daß die ständigkeit halber auch hier erwähnt werden muß, 
Zustimmung zu dieser Vorlage nur in Anbetracht nämlich auf die Ausdehnung der Kinderspeisung 
des guten Zweckes erfolgt sei und daß eine ganze auf die städtischen Kindergärten. Es ist von Schul­
Reihe von Bedenken hätte zurückgestellt werden ärzten verschiedentlich darauf hingewiesen worden, 
müssen, die eigentlich eine Berücksichtigung hätten daß eine Reihe von Kindern an Unterernährung 
verlangen können, aber im Hinblick auf die augen­ leidet und das hauptsächlich mit die Ursache dafür 
blicklichen Kriegszustände eine mildere Beurteilung ist, daß die Kinder in der Entwicklung zurückgeblie­
zuließen. Aber schon in der Vorlage ist ausdrücklich ben sind. Deshalb bekommen sie auch in den Kin­
hervorgehoben worden, daß eine Reihe der von dem dergärten schon zum Frühstück Milch und Brötchen. 
Herrn Stadtv. I)r. Landsberger betonten Punkte ihre Aber das ist auch nach Ansicht der Schulärzte viel­
Berücksichtigung gefunden haben. I n  der Depu­ fach nicht genügend, und ich glaube, Herr Stadtrat 
tation ist die Zahl der Fälle einzeln aufgeführt wor­ Dr. Gottstein ist ganz damit einverstanden, daß die­
den, die von der oder jener Stelle überwiesen wor­ sen Kindern, die vielfach schon iin schulpflichtigen 
den sind. I n  der Vorlage steht ausdrücklich, daß Alter sind, auch noch die Mittagsspeisung gewährt 
die Schulkinderspeisung durch die Zuweisungen der werden muß, ivenn das nach dem Urteil der Schul­
Kommissionen eine Erweiterung erfahren hat, daß ärzte nötig ist. Es sind in den Kindergärten 
sie also nicht mehr ausschließlich Schulsachle geblieben allerdings auch noch jüngere Kinder, unter sechs 
ist, wie das früher galt. Ich kann versichern, daß in Jahren, die körperlich und geistig zurückgeblieben 
der Zentralstelle, dem Jugendheim, jeder einzelne sind und von denen man nicht erwarten kann, daß 
Fall individuell m it großer Mühe und Sorgfalt ge­ sie schulfähig sind. Auch für diese wäre eine Teil­
prüft wird, und mit dem Augenblick, wo es wün­ nahme an den- Speisungen dringend nötig. Wenn 
schenswert erschien, die Speisung in der Familie die Eltern dann der Sorge für die Mittagskost ent­
vorzunehmen, wurde das auch sofort durchgeführt. hoben sind, können sie auch die anderen Mahlzeiten, 
I n  der Vorlage ist ja auch ausdrücklich gesagt wor­ Frühstück und Abendbrot, etwas reichlicher bemessen, 
den, daß der Zusammenhang der Familie gewahrt und wenn das geschieht, wird es eine doppelte Wohl­
werden sollte. tat für die Kinder sein. Wie gesagt, Herr Stadtrat
        
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