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Periodical volume 19. August 1914

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1914

252 Außerordentliche Sitzung vom 19. August 1914
wir stehen ja mit Wohltätigkeitsanstalten in Verbin­ — ja, Herr Kollege Rothholz, Sie auch — und 
dung. Ich würde es aufs tiefste bedauern, wenn in die haben, wie man so sagt, ihm Knüppel zwischen 
der jetzigen Zeit die Kommunen oder die mit ihnen in die Beine geworfen. So ist auch hier nichts geschehen. 
Verbindung stehenden großen Anstalten, wie das Note Es haben eine Menge Sitzungen, Fraktionssitzungen 
Kreuz ufw., die Industrie und den Handel übergehen und Plenarsitzungen, stattgefunden — nichts ist ge­
und Einrichtungen schaffen würden, um derartige Ar­ schehen. Da sage ich auch: es ist der Fluch der bösen 
tikel vielleicht ein paar Pfennige billiger, aber viel­ Untätigkeit, daß wir keine Arbeitslosenversicherung 
leicht auch viel schlechter anzufertigen. Ich möchte haben, jetzt, wo wir sie dringend brauchen. Unsere 
davor dringend warnen und bitten, die Industrie, die Pflicht ist es, durch ehrliche Arbeit das Versäumte nach­
auf die einzelnen Artikel eingearbeitet ist, mit Auf­ zuholen. M it gutem Willen läßt sich vieles machen.
trägen zu versehen und dadurch auch der Arbeitslosig­
keit zu steuern. Denn was erreichen Sie sonst? Die Von der Badeanstalt heißt es in der Charlotten­
Betriebe müssen eingearbeitete Arbeiter entlasten, und burger „Neuen Zeit": „Die Ausschachtungsarbeiten
auf der andern Seite werden ungelernte Kräfte hexan­ können gleich ausgeführt werden, aber zu den weite­
gezogen. ren Arbeiten fehlen technische Kräfte". Es wäre doch 
ein Armutszeugnis, das sich die Stadt Charlotten­
(Sehr richtig!) burg ausstellte, wenn sie nicht technische Kräfte für 
den Bau der Badeanstalt hätte. Gearbeitet kann schon 
Dann möchte ich noch hervorheben, daß die frei­ werden, wenn man nur will. Man muß nur nicht 
willige Liebestätigkeit, die nach allen Richtungen hin alles unter dem Fluch der Untätigkeit liegen lassen, 
als außerordentlich dankenswert anzuerkennen ist, hier sondern muß beizeiten nach Kräften tätig sein. W ir 
und da schon Formen angenommen hat, die die Ar­ sollen sowohl das Pfandleihamt wie auch die Arbeits­
beitslosigkeit zu vermehren, nicht ihr zu steuern ge­ losenversicherung schleunigst in Angriff nehmen.
eignet sind. Die Hemdennäherei und Strümpfestricke­
rei durch unentgeltliche Hilfskräfte, durch unsere Sinder 
in den Schulen ist ein falscher Weg.
Stadtv. Dr. Liepmann: Dem Herrn Vorsteher 
(Lebhafte Zustimmung.) weiß ich Dank für seinen guten Willen, daß er jetzt nicht streng die Hausordnung handhaben will. Ich 
glaube aber, daß ich für meine Ausführungen hin­
Solche Maßnahmen sollten von den maßgebenden sichtlich einer Pfandleihanstalt ein besonderes Ent­
Stellen ergehen, die den Bedarf, die Verwertung der 
Materialien in der heutigen schweren Zeit zu über­ gegenkommen nicht in Anspruch zu nehmen brauchte, denn in der Vorlage steht ausdrücklich unter Nummer 2, 
sehen vermögen. daß Darlehen bei anderweiten hinreichenden Sicher­
heiten gegeben werden sollen. Zu diesen Sicherheiten 
(Sehr richtig!) gehören nun aber auch Pfänder, die in einer der­
artigen Anstalt genommen werden können und sollen. 
Meine Herren, das sind die Punkte, die ich hier Meine Ausführungen sollten nur darauf hinzielen, daß 
kurz erwähnen wollte. Ich hoffe, daß wir, wenn wir der Ausschuß die Möglichkeit der Hergabe von Dar­
nach allen diesen Richtungen vorgehen, wenigstens bis lehen nicht nur gegen Verpfändung von Kostbarkeiten 
zu einem gewissen Grade, soweit wir es als Kommune und Wertsachen bestimmt, sondern auch gegen Pfänder 
können, der Not der Arbeitslosigkeit steuern werden. des gewöhnlichen Hausrats, die der kleine Mann in 
seiner Familie hat. Es ist richtig, was der Herr 
(Bravo!) Bürgermeister gesagt hat, daß schon seit langer Zeit die Gründung einer derartigen Anstalt angeregt wor­
den ist, insbesondere vom Kollegen Vogel und Ge­
Stadtv. Vogel: Meine Herren! Der Herr nossen, und daß schwere Bedenken gegen die Schaffung 
Bürgermeister hat vorhin darauf hingewiesen, daß die eines städtischen Leihamtes bestanden. Ich muß ge­
Bürgschaft durch zwei Bürgen nicht die alleinige Vor­ stehen, daß ich mich früher diesen Bedenken ange­
aussetzung für die Hingabe eines Darlehens sein soll. schlossen habe und daß ich gegen eine solche Vorlage 
Er hat aber nicht sagen können, daß der Vorschlag des in Friedenszeiten gestimmt hätte. Aber die Zeiten 
Herrn Dr. Lieptnan, Darlehen gegen ein Pfand zu tnd eben andere geworden. I n  Friedenszeiten, in 
geben, unrichtig ist. Allerdings hat er erklärt, daß eine gewöhnlichen Kreditzeiten, konnte man die Tarlehns- 
solche Einrichtung, die wir schon vor 10 Jahren be­ sucher an das Königliche Leihamt in Berlin ver­
antragt haben, nicht aus dem Handgelenk geschaffen weisen. Jetzt bei der großen Not, die in der Bürger- 
werden kann. Daß die dringende Notwendigkeit dazu chaft herrscht, ist, wie ich gehört habe, das Königliche 
vorliegt, wird wohl nicht bestritten werden können. Leihamt nicht mehr in der Lage, alle Darlehnsgesuche 
Daß wir jetzt nicht aus dem Handgelenk ein solches abzufertigen und in rascher Weise Hilfe zu bringen. 
Pfandleihamt errichten können, das ist — ich w ill den Deswegen kann, glaube ich, der Gedanke sehr wohl in 
Satz einmal umkehren —  nicht der Fluch der bösen unserm Ausschuß erörtert werden, und er muß in 
Tat, sondern der Fluch der bösen Untätigkeit. Es ist unserm Ausschuß erörtert werden. Denn wenn wir 
eben inzwischen nichts geschehen, und nun, wo es nötig Hilfe bringen wollen, wenn wir die Vorlage, sei es 
ist, ist man nicht so weit. in der jetzigen oder durch einen Nachtrag ergänzten 
Ebenso ist es mit der Arbeitslosenversicherung. Form, erledigen wollen, dann muß es rasch geschehen. 
Der Magistrat, insbesondere Herr Dr. Spiegel, hat Wenn wir nicht rasch damit kommen, sondern, wie der 
sich die größte Mühe gegeben, man hat uns eine Vor­ Herr Bürgermeister meint, erst nach langen Vorstudien, 
lage über die Errichtung einer Arbeitslosenversicherung dann würden w ir vielleicht erst vorgehen, wenn die 
gemacht. Aber da sind dann kluge Herren gekommen, außergewöhnliche Not nicht mehr vorhanden ist. Ich 
bitte deshalb, des Wortes eingedenk zu sein: Doppelt 
(Heiterkeit) gibt, wer rasch gibt!
        
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