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Periodical volume 25. März 1914

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1914

Sitzung vom lö. März 1914 139
Es war einmal eine Stadt von 50 000 Einwoh­ dauer Berg in dieser Weise eingeschränkt würden, hat 
nern, die einen ziemlich stark entwickelten Verkehr wohl niemand erwartet. W ir freuen uns, daß am Kai­
hatte. Die Verhältnisse waren ziemlich konsolidiert. serdamm auch die Benutzung der Rohrpost möglich sein 
Die Stadt war nahezu ausgebaut. Es wurden Briefe wird, was früher am Spandauer Berg, vielleicht wegen 
geschrieben, es wurden Telegramme abgesandt, Pakete der Steigung, nicht möglich war. W ir wollen gern 
geschickt und auch in Empfang genommen. Man harte anerkennen, daß dadurch eine Verbesserung der ge­
dort auch ein Postamt, mit dem man so im allge­ samten postalischen Verhältnisse eintritt. Aber, meine 
meinen zufrieden war. Natürlich waren auch Klagen Herren, bedenken Sie weiter: der ganze Briefträger­
darüber zu äußern. Kein Mensch ist ja in der Welt dienst ist vom Postamt Spandauer Berg weggenom­
zufrieden. Es ging aber so einigermaßen. Da- baute men und nach dem Kaiserdamm verlegt. Infolgedessen 
man eine andere Stadt in der Nahe, eine neue Stadt, bekommt der in der Nähe des alten Postamts Span­
die viel schöner werden sollte, in der viel größere, brei­ dauer Berg Wohnende die erste Post frühmorgens 
tere Straßen angelegt werden sollten, wo noch bessere manchmal erst 5 Minuten vor 9, also zu einer Zeit, 
Menschen hinziehen sollten. Als diese neue Stadt, die wo die meisten arbeitenden Menschen weg sind; man 
auch vielleicht für 50 000 Einwohner einmal reichen bekommt also die erste Post nicht mehr in die Hände; 
wird, eine Einwohnerzahl von etwa 5000 hatte, sagte des Sonntags ist die Sache noch viel schlimmer.
man sich: diese Leute wollen doch auch einmal Briefe 
schreiben, auch einmal Pakete absenden und Tele­ (Hört! hört!)
gramme schicken. Das sahen die Leute in der alten Ich glaube, der Magistrat hätte allen Anlaß, im 
Stadt ein, und sie traten an die maßgebenden I n ­ Interesse der Bürgerschaft, die in dem alten Stadt­
stanzen heran, man möchte doch den Leuten in der teile wohnt, die zum Teil auch aus sehr guten Steuer­
neuen Stadt ebenfalls ein Postamt gründen, wenn zahlern besteht, ganz energisch darauf hinzuwirken, daß 
auch nur ein kleines, das den Verhältnissen entspre­ die Verkehrsverhältnisse geändert, und zwar in jedem 
chen würde. Das geschah auch, aber etwas anders! Falle zugunsten des alten Postamts geändert werden. 
Man glaubte an maßgebender Stelle, daß der Zuzug Mag das neue Postamt die Befugnisse, die es bekom­
zu dieser neuen Stadt, die sich recht langsam entwickelte, men hat, behalten. Darauf sind wir in keiner Weise 
viel bester werden würde, wenn gleich ein großes Post­ neidisch. Unter allen Umständen müssen aber die 
amt dort angelegt würde. Man dachte, dann würden postalischen Verhältnisse in ejyem so ausgebauten 
die Leute kommen, würden Häuser bauen, würden die Stadtteile wie in Westend anders werben-; Was soll 
bis dahin ganz leeren Straßen anfüllen, und der Ver­ denn aus der weiteren Entwicklung von Nordwestend 
kehr würde sich heben. Das war nicht ganz so. Der werden, wenn dieser Stadtteil so benachteiligt wird! 
Verkehr hob sich nicht so schnell. Aber man dachte: es Was soll aus dem Viertel am Friedrich-Karl-Platz 
wird schon kommen — , und legte gleich in die neu werden, wenn die Verhältnisse so ungünstig weiter 
gebaute Stadt ein großes Postamt, wobei man wie­ bleiben! Ein großer Teil der Villenkolonie ist dadurch 
der dachte: die alte Stadt kann sich ja mit einem auch in eine unangenehme Lage gekommen. Hinter der 
kleinen Postamt behelfen; da wohnen die alten guten Villenkolonie an der Spandauer Chaussee hat man 
Bürger, die gewohnt sind, daß die Stadt für sie ein­ ja neuerdings große Häuser gebaut; deren Bewohner 
tritt, die aber auch gewohnt sind, einmal einen Puff haben zum neuen Postamt schon erheblich weiter zu 
zu bekommen, das schadet ihnen nicht, die werden schon gehen.
zufrieden sein. Man sagte auch zu den Leuten in der Also ich bitte — ich glaube, im Einverständnis 
alten Stadt: ihr könnt ja, wenn ihr telegraphieren mit allen Antragstellern —, daß der Magistrat sich 
wollt, nach einer andern Stadt gehen! I n  einer dieser Sache ganz energisch annimmt.
Stunde Entfernung liegt noch eine andere Stadt: dort 
könnt ihr ganz gut telegraphieren, wenn 'ih r einmal (Zustimmung.)
des Nachts telegraphieren wollt.
Meine Herren, dieses Märchen trifft so recht auf Ich hoffe, auch wenn wir keine besondere Ver­
unsere Verhältnisse zu. Der alte bebaute Stadtteil kehrsdeputation haben, daß trotzdem die Tiefbau- und 
Westend, der Spandauer Ortsteil, hatte ein Postamt, Verkehrsdevutation die nötigen Schritte unternehmen 
das einigermaßen ausgebaut war, wenn es auch nicht wird und daß diese auch Erfolg haben werden.
unsere Ansprüche voll befriedigte. Da legte man an Vorsteher Dr. Frentzel: Das Wort ist nicht weiter 
der Soorstraße, Ecke Kaiserdamm, ein neues Postamt verlangt. Ich bitte diejenigen Herren, die dem An­
an und beschränkte mit einem Male die Befugniste trag der Herren Dr. Stadthagen, Crüger usw. zustim­
Kg- alten Postamts, das Jahrzehnte bestanden und men wollen, die Hand zu erheben.
dem Verkehr lange nicht genügt hatte, aufs äußerste. 
Des Sonntags ist das alte Postamt überhaupt ge- (Geschieht.)
schlosten, da kann man nicht Pakete hinbringen; des 
Abends nach 8 Uhr kann man nicht mehr telegra­ Das ist die große Mehrheit; der Antrag ist ange­nommen.
phieren. Da findet man denn ein Plakat an diesem 
Postamt, in dessen nächster Nähe sich unser Kranken­ Meine Herren, der Hypothekenausschuß beschäftigt 
haus mit seinem großen Betrieb, ferner die Kaserne uns sehr viel. W ir haben in einer der letzten Sitzun­gen den Kollegen Dr. Byk bineingewählt, da der Kol­
vom Königin-Elisabeth-Regiment befindet, das 
lautet: wer nach 8 Uhr abends telegraphieren will, soll lege Granitza' auszutreten wünschte. Jetzt will der Kollege Dr. Byk wieder austrcten, und Herr .Kollege 
nur nach der Goethestraße gehen. Meine Herren, man Granitza wird als sein Ersatzmann in Vorschlag ge­
denke sich: oben von Westend soll man nach der bracht. — Sie sind damit einverstanden; Herr Gra­
Goethestraße gehen! nitza ist wieder Mitglied des Ausschusses geworden.
Ich glaube, w ir gönnen und wünschen alle, daß 
das Postamt an der Soorstraße blühen und daß sich Gegen die ausgelegten Vorschläge des Wahlaus- 
auch der Verkehr dort entwickeln möge. Daß aber sckmsses sind Einwendungen nicht erhoben. Ich schließe die öffentliche Sitzung.
gleichzeitig mit der Einrichtung dieses neuen JSoft- 
amts die Befugnisse des alten Postamts am Span­ (Schluß 7 Uhr 35 Minuten.)
        
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