Path:
Periodical volume 11. März 1914

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1914

Sitzung voni 11. März 1914 127
—  Jawohl, so har der Kollege Scharnberg zuerst Arbeiten, die wir bisher nicht als NotstandsarbeilM 
gesagt. betrachtet haben, zu Notstandsarbeiten stempeln. Das 
Weiter, meine Herren, liegt in der ganzen Ten­ kommt allerdings darauf hinaus — insofern muß ich 
denz ;ber Ausführungen der Herren von der sozial­ dem Herrn Stadtv. Dr. Stadthagen recht geben 
demokratischen Fraktion meines Erachtens eine daß dann ein gewisses geringeres Maß von Arbeit den 
U e b e r  s p a n n u n g  de s T  a r i f g e d a n k e n s. Arbeitslosen zur Verfügung steht. Das würde auch 
Ich bin immer ein warmer Freund des Tarifgedan- ich im Interesse der Arbeitslosen bedauern. Darin 
kens gewesen nnb bin cs noch. Man tut aber t er gebe ich dem Herrn Bürgermeister jedoch unbedingt 
Idee von Tarifverträgen nichts Gutes, wenn man recht: um eine Tariffrage handelt es sich hier gar 
eine Ueberspamiung -dadurch herbeizuführen sucht, daß nicht.
man auch bei Notstandsarbeiten verlangt, daß in 
diesen Fällen die Löhne nach dem Tarif gezahlt Stadtv. Hirsch: Meine Herren! Es handelt sich 
werden. doch um eine Tarifstage. W ir haben nicht einfach 
Ich habe absichtlich das hier ausgeführt, weil ich die Frage zu untersuchen, ob die Arbeiten, die ver­
der Urheber dieser besonderen Arbeiten, die hier ver­ langt wurden, reine Notstandsarbeiten waren oder 
anlaßt worden sind, gewesen bin. Ich habe mich nicht, sondern nach dem Gange, den die Debatte ge­
daher für verpflichtet gehalten, darauf einzugehen. nommen hat, haben w ir uns auch zu fragen, ob nicht 
Ich glaube, es ist auch nötig, jene Auffassung der doch der Fall -vorliegt, daß von irgendeiner Seite, 
Herren von der äußersten Linken hier zurückzuweisen. vielleicht aus Mißverständnis —  ich w ill das dem 
Herrn Bürgermeister zugeben — , den Arbeitern 
Bürgermeister Dr. Maier: Meine Herren! Ich verschwiegen ist, das; es sich um Notstandsarbeiten 
glaube, tatsächlich besteht weder zwischen dem Ma­ handelt. Die Tatsache ist nicht bestritten, kann auch 
gistrat und den Ausführungen des Herrn Stadtv. nicht bestritten werden, daß -von dem städtischen A r­
Hirsch noch zwischen den Ausführungen des Herrn beitsnachweise 10 gelernte Steinsetzer verlangt wur­
Städtv. Hirsch und denen des Herrn Stadtv. Stadt- den. Dem städtischen Arbeitsnachweis ist nicht ge­
hagen irgendein Unterschied. sagt worden: schickt uns 10 Arbeiter zur Verrichtung 
von Notstandsarbeiten. Wäre das gesagt worden und 
(Stadtv. H i r s ch: Was?!) wären dann 10 beliebige Arbeiter geschickt worden, dann 
hätten wir nicht nötig, uns heute über die Sache zu 
Der Stadtv. Dr. Stadthag eu hat genau so wie der unterhalten. Es ist aber tatsächlich — ich weiß nicht,
Stadtv. Hirsch gesagt, daß reine Notsdandsarbeiten woher das Mißverständnis rührt  - dem städtischen
natürlich nicht nach Tariflöhnen entlohnt werden Arbeitsnachweis, wie der Herr -Stadtbaurat zugegeben 
können. Etwas anderes hat auch Herr Stadtv. hat, gesagt wovden: schickt uns 10 gelernte Stein­
Hirsch nicht gesagt. setzer. Nun ist es doch ganz selbstverständlich, daß, 
wenn 10 gelernte Arbeiter verlangt werden, die A r­
(Stadtv. H i r s c h :  Doch!) beiter auch den tarifmäßigen Lohn beanspruchen.
Das ist der Standpunkt, den w ir im Magistrat ver­ (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
treten. W ir behaupten: es -ist eine Notstandsarbeit. 
Der Stadtv. Hirsch bestreitet es. Da w ir auf dem Es ist m ir unbegreiflich, wie der Herr Kollege Stadt- 
Standpunkt stehen: es war eine Notstandsarbeit — , hagen sich hier hinstellen und dagegen protestieren 
so kann natürlich gar keine andere Konsequenz ge­ kann, daß w ir sagen: man -darf einem Arbeiter nicht 
zogen werden als die, die w ir gezogen haben und zumuten, für 58 H die Stunde zu arbeiten.
die der Herr Stadtv. Dr. Stadthagen ausdrücklich 
gebilligt hat. (Stadtv. Dr. S t a d t h a g e n : Einem Arbeits­
Ich wiederhole, meine Herren, die ganze Sache losen, der Notstandsarbeit leistet!)
entbehrt jeder prinzipiellen Bedeutung. Es hat 
deshalb doch wirklich keinen Zweck, daß w ir im Herr Kollege Sradthageu, jawohl, auch einem 
Plenum der Stadtverordnetenversammlung die tat­ Arbeitslosen. Wenn Arbeiter in Betracht kommen, 
sächlich erledigte Frage, ob die Arbeiten Notstands­ die einem Berufe angehören, wo der tarifmäßige 
arbeiten waren, zu beantworten versuchen. Lohn 30 oder 45 H die Stunde beträgt, dann ist 
es natürlich keine Zumutung, wenn man ihnen 
(Sehr richtig! und Bravo!) 58 ■$ bietet. Wenn es sich aber um Arbeiter han­
delt, die einen Tariflohn von 85 H zu verlangen 
Stadtv. Wöllmer: Meine Herren, auch nur haben, dann ist es eine sehr starke Zumutung, ihnen 
einige Worte! W ir haben früher unter Notstandsar­ 58 ,5 anzubieten. Der Herr Stadtv. Dr. Stadt­
beiten nur diejenigen Arbeiten verstanden, die sich hagen ruft m ir zu: das waren Arbeitslose. Meine 
lediglich auf das Reinigen von Straßen bezogen, Herren, arbeitslos sind die Arbeiter immer, die vom 
die sonst nicht gereinigt werden, oder auf das Um­ Arbeitsnachweis geschickt werden. Die Arbeiter, -die 
graben von Komposthaufen, also Arbeiten, die nicht in Arbeit stehen, melden sich nicht beim Arbeitsnach­
unbedingt notwendig waren. Der Kempunkt der weis. Die Konsequenz der Anschauung des Herrn 
Frage ist, wie ganz richtig ausgeführt wurde: gelten Kollegen Stadthagen wäre die, daß jeder Arbeiter 
diese Pflasterarbeiten -auch als Notstandsarbeit oder jede ihm angebotene Arbeit zu jedem beliebigen 
nicht. Der Magistrat erklärt sie für eine Notstands- Lohne -annehmen muß.
arbeit, d. h. für eine Arbeit, die nicht unbedingt Und da sagt der Herr Bürgermeister, es bestehe 
nötig war. Wenn nun aber ein starker Widerspruch zwischen -der Anschauung des Kollegen -Stadthagen 
aus denjenigen Reihen unserer Versammlung ent­ und mir kein Unterschied! Herr Bürgermeister, ich 
steht, die behaupten, in erster Linie die Arbeiter zu nehme nicht an, daß -Sie mich beleidigen wollen;
vertreten, dann muß der Magistrat freilich die 
Frage von neuem prüfen: sollen w ir auch andere (Heiterkeit)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.