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Periodical volume 26. Februar 1914

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1914

94  Sitzung vom 2 . Februar 1914
—  B irre, wollen S ie  so freundlich sein, einmal noch höher sein. W enn w ir das aber voraussehen, 
unsere S ta s iftif durchzulesen. I n  W ilm ersdorf wer­ dann ist es eine verkehrte E ta tsaufste llung, eine 
den H äuser m it kleinen W ohnungen, die fü r die E talsaufstellung, die w ir nicht verantw orten können, 
Armenbevölkerung in  Betracht kommen, überhaupt wenn w ird trotzdem die 100 000 dl absetzen. Ich  
nicht gebaut. T o r t  wohnen die VIrmen, soweit sie kann S ie  n u r nochmals dringend b itten , die P o ­
öffentlich unterstützt werden, in  alten Baracken, in  sition wieder herzustellen.
denen naturgem äß die M ietspreise billiger sind a ls 
in  neuen H äusern, während bei u n s die offizielle L tad tv . M eyer: M eine H erren! D er Beschluß 
S ta tis tik , die von der A rm enverw altung heraus­ des Etatsausschusses, im A rm enetat bei den baren 
gegeben ist, nachweist, daß die A rm en gezwungen Unterstützungen 100 000 dl abzustreichen, hat im  
sind, für W ohnungsm ieten höhere P reise  anzuwen­ Kreise m einer F reunde zu lebhaften Erw ägungen 
den, a ls  solche Personen, die keine A rm enun ter­ A nlaß  gegeben. W ir erkennen m it der M ehrheit 
stützung bekommen, fü r die gleiche W ohnung zu des Etatsausschusies an, daß die Grundsätze einer 
zahlen haben. D er Unterschied in  den M ie tp re ise n  rationellen Finanzgebarung auch auf dem GcOiete 
erklärt auch den großen Unterschied, der in  den A u s­ des A rm eneta ts A nwendung finden müssen. E s  darf 
gaben zwischen C harlottenburg und Neukölln besteht. n iem als außer Acht gelassen werden, daß die A uf­
I n  Neukölln kommt auf den Kopf der Bevölkerung gaben der öffentlichen Armenpflege sich von den A uf­
an laufenden Unterstützungen n u r 10,90 dl, also gaben der charitaiiven Fürsorge wesentlich u n te r­
erheblich weniger a ls  bei un s. D a s  ist in  den V er­ scheiden. D ie öffentliche Armenpflege dient dem 
hältnissen begründet. W ir werden das nicht ändern staatlichen Interesse und n u r ihm, und darf infolge­
können, solange w ir nicht dafür sorgen, daß die U r­ dessen nicht über das M aß  des N otwendigen h in au s 
sachen der A rm ut aus der W elt geschafft werden, und Unterstützungen gewähren, während sich die chari- 
dazu sind w ir einstweilen noch nicht imstande. tative Fürsorge an den M itmenschen a ls  solchen 
N u n  hat der E tatsausschuß eine R esolution be­ wendet und über die notwendigste H ilfe h inaus ihm  
an trag t, die den M ag istra t ersucht, auf die A rm en­ nach Möglichkeit H eilung bringen will und soll. 
kommissionsvorsteher dahin einzuwirken, daß die zu Dieser S tandpunkt m uß um  so nachdrücklicher fest­
gewährenden B arunterstützungen nicht über das M aß  gehalten werden, a ls  es auch keineswegs im S in n e  
dessen hinausgehen, w as zur Hebung einer dringen­ einer gesunden S oz ialpo litik  liegen würde, städtische 
den N otlage erforderlich ist. Diese R esolution be­ Alm osenem pfänger heranzubilden, ganz abgesehen 
deutet ein M iß trau en sv o tu m  gegen die H erren A r- von dem Gesichtspunkt, daß w ir der A llgem einheit 
menkommissionsvorsteher, das die H erren w ahr­ der Bürgerschaft gegenüber verpflichtet sind, eine 
haftig nicht verdient haben. W er die Tätigkeit der P o litik  zu treiben, die nicht gerade einen A nreiz fü r 
Arm enkom m isiionsvorsteher aus eigener Anschauung den Zuzug arm er Bevölkerung bietet.
kennt, wer da weiß, wie sorgfältig sie jeden einzelnen Trotzdem, meine H erren, sind w ir nicht in  der 
F a ll  untersuchen, der kann unmöglich einer der­ Lage, dem Absttichbeschlusse des E ta ts a u s ­
artigen  R esolution zustimmen. D a s  w ird natürlich schusies zustimmen. Nach den Erklärungen, 
im m er vorkommen, daß der eine oder andere die der H err O berbürgerm eister nam ens des 
A rm enkom m isiionsvorsteher diesem oder jenem zu M ag istra ts  abgegeben hat, können w ir die Z u ­
viel gibt, nicht etwa, weil er den F a ll  nicht geprüft stim m ung s a c h l i c h  nicht verantw orten. D ie  
hat, sondern weil er selbst getäuscht w ird : denn gegen Zustim m ung w ürde h ierm it zu einer bloßen D em on­
B etrug  ist kein Mensch geschützt. Aber soll ich des­ stration herabsinken, die aber m einer F rak tio n  fern 
wegen, weil der eine oder andere sich m al zu viel er­ liegt. W ir wollen, wie ich sagte, daß a u c h  in  der 
schlichen hat, dem wirklich B edürftigen noch weniger Armenpflege s p a r s a m  gewirtschaftet w ird : w ir
geben, a ls  zur Hebung der N otlage dringend erfor­ wollen aber am allerwenigsten, daß in  der A rm en­
derlich ist?  Und m ehr bekommen die A rm en heute verw altung k n a p p  gewirtschaftet w ird, und es 
auch schon nicht: es w ird jeder einzelne F a ll  genau fehlt an  jedem Beweise, daß bisher in  der A rm en­
geprüft, und ich glaube nicht, daß es Ih n e n  möglich pflege eine zu verschwenderische W irtschaft stattge­
ist. m ir ein halbes Dutzend F älle  aus ganz C har­ funden hat. A us diesen G ründen ist die große 
lo ttenburg nachzuweisen, in  denen jem and a ls  ein­ M ehrheit m einer F rak tio n  entschlossen, f ü r den 
m alige oder laufende Unterstützung m ehr bekommen A ntrag , den H err Kollege Hirsch eingebracht 
hat, a ls zur Hebung der dringenden Notlage erfor­ hat, zu stim m en; w ir hätten ihn, wenn er nicht von 
derlich ist. W enn S ie  die R esolution annehm en, der sozialdemokratischen F rak tion  eingebracht worden 
w ürden S ie  zugeben, daß unsere A rm enkom m isiions­ wäre, unsererseits gestellt.
vorsteher heute zu viel geben, daß sie über das h in ­
ausgehen, w as d a s  Gesetz vorschreibt, und das wäre M eine H erren, ich komme jetzt zu der Reso­
ein V orw urf gegen die Arm enkommisiionsvorsteher, lu tion  des Etatsausschusies. W enn w ir diese Reso­
den sie w ahrhaftig nicht verdient haben. Ich  kann lu tion  trotz dem, w as ich soeben ausgeführt habe, 
S ie  also im  In teresse  unserer Ehrenbeam ten, die annehm en, so ergibt sich aus dem Gesagten, daß 
wirklich eine hervorragend tüchtige A rbeit fü r die diese R esolution in  m einen Augen nicht etwa in  dem 
S ta d t  leisten, n u r  dringend bitten, der R esolution Wunsche nach einer System änderung gipfelt. W ir  
nicht zuzustimmen. bezweifeln auch nicht —  und darin  stimme ich den A usführungen des H errn  Kollegen Hirsch vollständig 
W eiter möchte ich S ie  um  A nnahm e unseres zu — , daß die Ehrenbeam ten der Ä rm enverw altung 
A ntrages ersuchen. M eine H erren, w as hat es für bei der G ew ährung von Unterstützungen schon b is­
einen Zweck, wenn S ie  heute den B etrag  um  100 000 her durchaus pflichtmäßig gehandelt haben. Aber 
M ark  kürzen und S ie  w ürden über kurz oder lang wegen des Anwachsens der Arm enlasten in  C har­
eine M agistratsvo rlage bekommen, w orin  der M a ­ lottenburg von J a h r  zu J a h r ,  wegen des V erhält­
g istrat ersucht, die 100 000 dl nachzubewilligen? nisses, in dem unsere Armenlasten zu denjenigen der 
Wahrscheinlich würde dann  die Nachbewilligung anderen V ororte  stehen —  die Zahlen des H errn
        
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