Path:
Periodical volume 3. Dezember 1913

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1913

436 Sitzung vom 3. Dezember 1913 aus Charlottenburg. Es kam soweit, daß der Unter­ wissen Stam m muß er haben: seine Zimmergesellen, nehmer sich veranlaßt sah, seine Schachtmeister hinaus­ seine Maurer, seine Vorarbeiter und auch geübte Ar­ zusenden in die Lande, um Arbeitskräfte zu besorgen, beiter, die mit diesen und jenen Dingen umzugehen wo sie sie fanden. E s sind auf diese Weise sehr viele verstehen. M an kann nicht verlangen, daß er auch diese Leute aus Galizien gekommen, um dort beschäftigt zu aus dem Arbeitsnachweis bezieht; die bringt er mit. werden. Es wird aber darüber gewacht, daß er nicht mehr mit­ Wenn inan nun nach dem Grunde fragt, weshalb bringt, als notwendig sind; sowie er darüber hinaus dort die Charlottenburger Arbeiter nicht arbeiten, so neue Arbeiter einstellen muß, hat er sie durch den Ar­ kann ich darauf eine zutreffende Antwort nicht erteilen. beitsnachweis zu beziehen. Vor ungefähr acht Tagen haben wir hier in Charlotten- burg am Bahnhof Witzleben eine große Arbeit begonnen, (Ein Antrag des S tad tv . Wilk auf Besprechung bei der an 150 und mehr Arbeiter beschäftigt sind. der Anfrage wird genügend unterstützt.) Hierfür hat der Arbeitsnachweis mehr als zwei Drittel nachgewiesen, die der Unternehmer auch tatsächlich be­ Stadtv. Wilk: Meine Herren! Es ist selbst­ schäftigt hat. Aus diesem Umstande darf vielleicht ge­ verständlich durchaus erwünscht, wenn bei allen städti­ schlossen werden, daß es an der Entfernung des Riesel­ schen Arbeiten nötigenfalls die Charlottenburger Ar­ feldes liegt, wenn hier die Arbeiter nicht bleiben, wobei ich bemerken möchte, daß die Löhne draußen annähernd beiter berücksichtigt werden; es ist über auch ebenso die gleichen sind, draußen jedenfalls nicht geringere notwendig und wünschenswert, nicht so engherzig Löhne gezahlt werden als in Charlottenburg. An den hierbei zu verfahren und lediglich Charlottenburger Lohnverhältnissen kann es also nicht liegen. Die Ar­ zu berücksichtigen, sondern wenn ein Berliner dazu beiter müssen von Charlottenburg nach dem Rieselfeld kommt, soll man ihn auch nicht abweisen, ihn vielmehr einen weiten Weg zurücklegen, den sie, soweit sie sich ebenfalls beschäftigen; denn die Arbeitslosigkeit nicht im Besitze von Fahrrädern befinden, in kurzer herrscht nicht einzig und allein in Charlottenburg, Zeit nicht bewältigen können. Wohl ist ihnen aber sondern sie ist über ganz Groß-Berlin verbreitet. Gelegenheit gegeben, draußen zu übernachten. Beide Aber was so außerordentlich zu bedauern ist, das ist Unternehmer 'haben sogenannte Schlafbaracken her­ der alte Krebsschaden und Uebelstand bei der Tief­ gestellt, in denen — ich habe sie selbst besichtigt — die bauverwaltung, daß ein Unternehmer erst nach Ga­ Arbeiter sehr wohl die Nacht verbringen können. Die lizien und Rußland hinschicken muß, um sich von Arbeiter müssen allerdings 25 Pf. pro Nacht dafür be­ dorther seine Arbeitskräfte zu holen. zahlen. Es mag sein, das ihnen das zu hoch ist; ich Wenn hier hervorgehoben worden ist, daß die möchte es aber nicht glauben. ausländischen Arbeiter allein für derartige Arbeiten Ein anderer Grund wäre der, daß die Arbeiten geeignet seien, so bestreite ich das; das ist ein zum Teil im feuchten Boden hergestellt werden müssen Märchen. D as können S ie keinem großstädtischen und die Leute, die aus Charlottenburg kommen, nicht Arbeiter erzählen, daß er nicht auch zu solchen Ar­ die nötigen wasserdichten Stiefel, also etwa M ilitär­ beiten zu gebrauchen wäre. Die Ursache liegt aber stiefel, besitzen, so daß sie sich scheuen, innerhalb des darin: S ie bezahlen die Leute zu schlecht! S ie haben Wassers zu arbeiten. Auch heute liegen die Verhält­ es zwar bestritten; aber S ie bezahlen sie tatsächlich nisse auf dem Rieselfeld nicht anders. Während wir unter allem Luder! Die Leute können wahrhaftig hier für die Arbeiten am Bahnhof Witzleben durch den mit diesem erbärmlichen Lohn nicht auskommen. Arbeitsnachweis soviel Arbeiter bekommen, wie wir Nun kommt der polnische Arbeiter hierher. Er kennt wollen, ist es dem Arbeitsnachweis nicht möglich, für die Verhältnisse nicht, hat keine blasse Ahnung, wie das Rieselfeld die notwendigen Arbeitskräfte zu be­ schwer es ist, im wirtschaftlichen Kampf seinen M ann schaffen. D as zur Beantwortung des ersten Teils der zu stehen. E r weiß aber auch sehr bald die wunder­ Anfrage. baren Wege zu finden, auf denen er die Wohlfahrts­ einrichtungen der S tad t Charlottenburg in Anspruch Der zweite Teil lautet: nehmen kann, die der großstädtische Arbeiter aus ge­ wissen Rücksichten selbstverständlich zu beschreiten ver­ Is t der Magistrat gewillt, jedenfalls bei Neu­ meidet, und das ist hier die Armenverwaltung. Der vergebung von Arbeiten für die Zeit des wirt­ großstädtische Arbeiter geht erst im allerletzten Augen­ schaftlichen Mißstandes eine entsprechende Klausel blick zur Armenverwaltung, um sich dort eine Unter­ in die Verträge aufzunehmen? stützung zu holen; der polnische, galizische, russische Arbeiter ist aber, sobald er die notwendige Zeit er­ D ie Klausel wird jetzt allen Unternehmern vorgeschrie­ reicht hat, der erste — das weiden alle die Herren, ben; sie heißt so, wie der Herr Vorredner mitgeteilt die in der Armenverwaltung tätig sind, zugeben hat: müssen — , der die Armenverwaltung in Anspruch Der Unternehmer ist verpflichtet, neu einzustel­ nimmt, weil er sich nachher aus dem Wahlrecht den lende Arbeitskräfte durch die Vermittlung des Teufel etwas macht. städtischen Arbeitsnachweises zu beziehen. Weiter, meine Herren, wie traurig muß es um die Leute bestellt sein, wenn der Herr S tadtbaurat Der Herr Vorredner hat bemängelt, daß der Unter­ erklärt hat, sie könnten sich nicht einmal die notwendi­ nehmer nur verpflichtet sei, n e u e i n z u s t e l l e n d e gen Stiesel kaufen. Der Unternehmer, der hier in Arbeitskräfte durch den Arbeitsnachweis zu beziehen. Frage kommt, hat Reichtümer durch die S tad t Char­ Nach meiner Auffassung k a n n e r n u r sol che von lottenburg erworben; der könnte in diesem Fall wirk­ dem Arbeitsnachweis beziehen. Jeder Unternehmer lich den paar Arbeitern die Stiefel kaufen, damit sie besitzt einen Stam m von Arbeitern, der ihm die Kon­ im Schlamm und Schmutz stehen können, wenn es tinuität seines Geschäfts aufrecht erhält. Wenn es notwendig ist. Und wenn er den Arbeitern für das auch nicht die Mehrheit der Arbeiter ist, aber einen ge- bißchen Schlafraum, ftir die elende Baracke, die er
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.