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Periodical volume 25. Juni 1913

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1913

Sitzung vom 15. Juni 1913 305
Ich erwiderte darauf, daß ich diese ganzen Ausein­ Ich weiß nicht, wen Sie mit -dieser Bezeichnung ge­
andersetzungen nicht verstände; eine Lehrerin müsse meint haben. Wenn aber nach dem Gange Ihrer 
doch danach beurteilt werden, ob sie in ihrem Fache sonstigen Ausführungen anzunehmen ist, daß Sie 
tüchtig ist, und wenn das erwiesen ist und sie hat ihre hiermit Stadtverordnete gemeint haben, so muß ich 
Kraft im Dienste der Schule abgenutzt, so muß sie Sie darauf aufmerksam machen, daß Stadtverordnete 
im Bedürfnisfalle eben unterstützt werden, ob sie an nicht verbohrt sind und Sie deswegen nicht das Recht 
einer jüdischen oder an einer katholischen oder an haben, hier diesen Vorwurf auszusprechen.
einer gemischtkonfessionellen Schule gewesen ist; das 
ist doch ganz gleich. Man fragt doch nicht bei anderen (Stadtv. Vogel: Das sollte kein Vorwurf sein! — 
Beamten nach der Religion. Fragen Sie denn einen Große Heiterkeit.)
Arzt danach, welcher Religion er ist? Ich bin wohl 
nicht der einzige, der danach nicht fragt; so vernünf­ Herr Kollege Vogel, ich nehme von dieser Ihrer Be­
tig, glaube ich, werden Sie Wohl alle sein. merkung in der Annahme dankbar Kenntnis, daß 
Ihnen jede Absicht einer Beleidigung ferngelegen hat.
(Heiterkeit.)
(Stadtv. Vogel: Jawohl!)
Bei den übrigen Beamten ist es ebenso; aber der 
Lehrerstand ist unter der Fuchtel der Regierung durch 
eine Unzahl von Regulativen und durch alle mög­ Stadtv. Hirsch: Meine Herren! Ich verstehe es, 
lichen anderen Machinationen.gewissermaßen gedrückt daß diejenigen Herren, die sich lediglich vom Gefühl 
und gefesselt. Und nun wollen das die Konfessionen leiten lasten und deren religiöses Empfinden durch 
nachmachen! Da heißt es: die jüdische Religion wird die Vorlage verletzt ist, zur Ablehnung der Vorlage 
zurückgesetzt und dagegen müssen wir uns wenden; kommen werden. Ich bin aber der Meinung, daß 
wir haben ja genug jüdische Stadtverordnete, die das man sich bei einer solchen Vorlage nicht vom Gefühl, 
verhindern müssen; sondern von der Vernunft leiten lasten muß.
(Heiterkeit.) (Sehr richtig!)
die müssen hier auftreten, und zwar gründlich. Ich Wenn man das tut, kann man unmöglich — voraus­
bin ganz erstaunt und versteinert darüber gewesen, gesetzt, daß man überhaupt eine Unterstützung von 
daß Leute, die sonst ganz vernünftig reden, Lehrpersonen an Privatschulen will — zu einer Ab­
(Große Heiterkeit.) lehnung der Magistratsvorlage kommen.Sie haben hier sehr viel von Gerechtigkeitsgefühl 
so verbohrt sein können. gesprochen; aber ich glaube, gerade diejenigen Herren, 
die das Wort Gerechtigkeit fortwährend im Munde 
(Erneute große Heiterkeit.) gehabt haben, sind im Begriff, durch die Ablehnung 
Es ist das ganz unbegreiflich. Jeder vernünftige der Magistratsvorlage die allergrößte Ungerechtigkeit 
Mensch sagt, daß die Religion überhaupt nichts in der zu begehen. Wir haben uns über diese Frage schon 
Schule zu suchen hat. I n  jedem großen Kulturstaat, wiederholt unterhalten. Mein Freund Borchardt 
z. B. in Frankreich, wird Religion in der Schule nicht hat in der Sitzung vom 8. Mai 1912 unseren Stand­
gelehrt; aber bei uns verfügen so und so viel Regu­ punkt ausführlich dargelegt, und ich glaube, daß ich 
lative über den Religionsunterricht in der Schule das, was mein Freund Borchardt gesagt hat, ganz 
und die Herren mosaischer Konfession nehmen sich das kurz dahin zusammenfassen kann: wir sind Gegner 
zum Vorbild und wollen die Schule auch Noch in ihren der Privatschulen, wir wünschen, daß die Privat­
Dienst stellen. schulen überhaupt beseitigt werden; aber wir haben 
Wie gesagt, wir geben darauf gar nichts, wir mit der Tatsache zu rechnen, daß in Charlottenburg 
möchten am liebsten die Religion ganz aus der Schule nun einmal Privatschulen bestehen.
verdrängen. Die Religion ist Privatsache, und wer 
seinen Kindern Religionsunterricht geben lasten will, (Zuruf: Nötig sind!)
der kann es machen, wie er will. Aber da wir das 
im Augenblick nicht nach unseren Wünschen gestalten — Ob sie nötig sind, ist eine andere Frage; wir haben 
können, so wollen wir wenigstens zwischen den mit der Tatsache zu rechnen, daß sie bestehen.
Lehrerinnen irgendwelcher Konfessionen, auch ohne Würde es sich darum handeln, Privatschulen zu 
Rücksicht darauf, welcher Konfession der Leiter ist, unterstützen, die lediglich konfessionell sind, dann 
keinen Unterschied machen. Die Charlottenburger würden wir selbstverständlich geschlossen gegen eine 
Stadtverordnetenversammlung hat sich durch diese solche Maßnahme stimmen. Aber die Magistrats­
Diskussion sowohl im Ausschuß wie heute hier im vorlage wünscht ja doch nicht die Unterstützung der 
Plenum wirklich kein glänzendes Zeugnis ausgestellt. konfessionellen Schulen
Vorsteher Dr. Frenhel:, Herr Kollege Vogel, mir (Zuruf: Indirekt!)
ist berichtet worden, Sie hätten ausgeführt, daß 
Leute, die sonst ganz vernünftig seien, verbohrt ge­ — auch nicht indirekt —, sondern sie wünscht, daß 
handelt hätten. alle Lehrkräfte gleichmäßig unterstützt werden, gleich­
viel, ob sie an konfessionellen Schulen oder an 
(Stadtv. Vogel: Na ja! — Große Heiterkeit.) anderen unterrichtet haben.
— Herr Kollege Vogel, ich bitte, mich ausreden zu Nun bat Herr Kollege Landsberger gesagt: auf 
lasten. den, der jahrelang an einer solchen Schule tätig ist, färbt einmaOder Geist ab und zweitens macht er sich 
(Stadtv. Vogel: Ja, ja!) strafbar. — Tie haben das Wort nicht gebraucht, aber
        
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