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Periodical volume 6. März 1913

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1913

140 Sitzung vom 6. März 1913
offen: ist es so etwas Unbilliges, zu verlangen, daß Herr Kollege Wöllmer sagt: was spielen die 
der einfache Bürger, auch wenn er wenig bemittelt ist, 7000 dl für eine Rolle; die bedeuten bei dem 
für einen Liter Milch, den der Säugling doch höch­ Millionenetat gar nichts. Gewiß, eine Summe von 
stens pro Tag gebraucht, eine kleine Summe bezahlt? 7000 dl spielt bei diesem E tat keine Rolle; aber cha­
Würde er z. B. nur 10 Pfg. für den Liter zahlen, so rakteristisch für S ie  ist es, daß S ie  gerade hier den 
würde die S tad t noch 22 P f. Schaden dabei haben. Hebel ansetzen und Abstriche vornehmen wollen. ■ Es 
M an wird doch gewiß verlangen können, daß der ist charakteristisch für I h r  mangelndes soziales Ver­
Vater für die Erhaltung seines Kindes diese Lei­ ständnis, daß S ie überhaupt den M ut haben, bei den 
stung auf st* nimmt. Ausgaben zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 
Meine Herren, wir sind der Ansicht, daß es zu kürzen. Herr Kollege Wöllmer meinte, als Haus­
durchaus notwendig ist, hier durch eine solche Her­ väter der S tad t müssten wir Vorsorge treffen, wir 
absetzung der Ausgaben gleichzeitig zum Ausdruck dürften da nicht einzig und allein soziale Aufgaben 
zu bringen, daß die soziale Fürsorge nicht die Sorge erfüllen. Es gibt Hausväter, die sehr sparsam sind 
für die Erhaltung, das Pflichtgefühl des einzelnen und damit den Interessen ihrer Familien am besten 
ausschließen soll. Es ist nicht richtig, wenn man dienen; es gibt aber auch Hausväter, die geizig, spar­
den einfachen Bürger, den Arbeiter daran gewöhnt, sam an falscher Stelle sind und damit die Interessen 
daß lediglich die Allgemeinheit dafür zu sorgen hat, ihrer Familie vernachlässigen. Als Hausvater, der 
Sparsamkeit am falschen Platze übt, hat sich eben 
(Sehr richtig!) Herr Kollege Wöllmer enthüllt. Gerade hier ist der 
unangebrachteste Ort, zu sparen.
sondern es muß nach unserer Weltanschauung das E s wird Ih n en  ja nicht unbekannt sein, daß die 
Pflichtgefühl des einzelnen, des Vaters, der M utter, Bestrebungen zur Bekämpfung der Säuglingssterb­
für den Säugling selbst zu sorgen, durchaus erhal­ lichkeit in den weitesten Kreisen der Bevölkerung ein­
ten werden. Wenn wir 38 000 dl im Jahre ledig­ gesetzt haben; es wird Ihnen  nicht unbekannt sein, 
lich für die Abgabe von Säuglingsmilch ausgeben, daß selbst solche Gemeinden, die sonst nichts auf so­
so, meine ich, haben wir in vollem Maße unsere zialem Gebiete tun, wenigstens versuchen, der Säug­
Schuldigkeit getan. Ich verstehe nicht, wie inan an­ lingssterblichkeit Einhalt zu gebieten. Wenn wir auf 
gesichts eines E tats von 176 000 J l für Säuglings­ diesem Gebiete die Bremse ansetzen, wenn wir hier 
fürsorge und angesichts der Ausgaben für die gesamte dem Magistrat sagen, er dürfe nur bis zu einer be­
Volksgesundheitspflege in Charlottenburg im Ver­ stimmten Grenze gehen, so schädigen wir unsere S tad t 
gleich mit anderen Kommunen den Vorwurf man­ auf das allerempfindlichste.
gelnden sozialen Empfindens machen kann, wie es Ich glaube auch nicht, daß wir die 7000 dl, die 
wenigstens dem Sinne nach Herr Kollege Dr. wir streichen, sparen werden; es ist sehr wahrscheinlich, 
Borchardt tat. Diesen Vorwurf muß ich für meine daß diese 7000 J l an anderer Stelle später in den 
Fraktion auf das entschiedenste zurückweisen. Das Ausgaben wiederkehren, weil der Krankenetat, der 
ist ein Vorwurf, der gerade angesichts der Haltung Armenetat vielleicht um das Doppelte und Dreifache 
der liberalen Fraktion gegenüber den sozialen Auf­ seiner jetzigen Summe erhöht werden muß. D as 
gaben seit Jahren als höchst ungerecht zu bezeich­ bitte ich die Herren zu bedenken. Und wenn S ie  sich 
nen ist. Ih re  Haltung noch einmal überlegen, dann müssen 
S ie  zu der Erkenntnis kommen: es ist falsch, hier 
(Bravo! bei den Liberalen.) Abstriche vorzunehmen, und dann werden S ic  mir 
uns dem Magistrat diese Summe bewilligen müssen.
S tadtv. Hirsch: Meine Herren! Ich mache H err Kollege W öllmer sagt, daß die soziale F ü r ­
Herrn Kollegen Wöllmer und allen denen* die auf sorge nicht die Verpflichtung der V äter ausschließen 
demselben Standpunkt wie er stehen, nicht nur dem solle, für ihre eigenen K inder zu sorgen. Gewiß, 
Sinne nach, sondern expressis verbis den Vorwurf H err Kollege W öllmer, darin  stimme ich Ih n e n  un ­
niangelnden sozialen Pflichtgefühls. um wunden zu, und gerade die A rbeiter, die zu unserer 
P a rte i gehören, sind ja von Anfang an durch ihre 
(Stadtv. Wöllmer: Sehr billig!) O rganisation dazu erzogen, daß sie in erster L inie 
selbst ihre Pflicht tun  und sich nicht auf die Hilfe 
- -  Sehr billig? Warten S ie  ab! —  Herr Kollege anderer verlassen. W enn H err Kollege W öllmer sich 
Wöllmer meinte, auf sozialem Gebiete müßten wir einm al in die P ra r i s  hineinbegibt, wird er finden, 
unsere Aufgaben in Einklang bringen mit den Ge­ daß es gerade die organisierten A rbeiter sind, die sich 
samtinteressen der S tad t. Ganz recht, das ist unsere weigern, auch n u r die geringste Unterstützung von der 
Meinung auch. Wenn wir das aber wollen, dann S ta d t  anzunehmen, die es ablehnen, wenn ihnen 
dürfen wir nicht die Bremse da anlegen, wo es Herr Kindermilch uncntgeltlichangeboten wird. E s  handelt 
Kollege Wöllmer verlangt hat, sondern dann müssen sich also nicht um die Schichten, die h inter u n s  
wir im Gegenteil auf sozialem Gebiete immer vor­ tehen, sondern um andere Schichten, und w ir Mün­
wärts schreiten. Denn wenn auch in Charlottenburg chen auch, daß jeder V ater von der Notwendigkeit 
schon vieles geschehen ist und wenn ich unumwunden durchdrungen wäre, selbst für seine K inder zu sorgen. 
zugebe, daß bei uns mähr geschehen ist, als in den Aber einm al müssen w ir m it der Tatsache rechnen, 
meisten anderen Kommunen. daß es leider noch V äter gibt, die nicht von diesem 
Gefühl durchdrungen sind, und dazu kommt die große 
(Stadtv. Wöllmer: Hört, hört!) Z ahl der V äter, die nicht imstande sind, in ausre i­
chender Weise für die E rnährung ihrer K inder zu 
- -  Jawohl, Herr Kollege Wöllmer, sehr oft gegen sorgen.
Ih ren  Willen —, so kann man doch nicht sagen, daß (S e h r  richtig!)
wir bereits an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit 
angekommen sind und unsere Pflicht in vollem Maße Ich sehe da ganz von den vielen Kindern ab, die 
erfüllt haben. keinen V ater mehr haben.
        
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