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Periodical volume 30. Oktober 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

Sitzung vom 30. Oktober 1912 387
Bei UN» ist also die Sache in ruhiger Weise orga­ kommnisse in Be:.:n erinnern, die ja mir der Saa)- 
nisiert und mit Glück durchgeführt worden. Wir lage bei uns insofern zusammenhängen, als wir doch 
sehen ja auch, daß in Berlin jetzl allmählich, nach­ das Fleisch mit Groß-Berlin zusammen beziehen. 
dem die erste Kinderkrankheit überwunden ist, der Das Verhalten der Berliner Schlächter zeugt keines­
Verkauf sich in i«.;igen Bahnen abtuen. wegs davon, dag sie von dem Gedanken durchdrungen 
Den Gemeinden entstehen also immerhin Kosten. sind, dag auch sie die Pflicht haben, zur.Linderung 
Da wir nickt wissen können, w i e l a n g e diese eigen­ der Not des Volkes etwas beizutragen. Ich bezeichne 
tümliche Mithilfe der Gemeinden der Fleischver­ das Verhallen der Berliner Schlächtermeister, die sich 
sorgung geübt werden wird und muß, so konnte der erst zum Fleischverkauf angeboten, nachher aber ge­
yierfür in Aussicht zu nehmende Kredit, den wir dem weigert haben, als eklatant vertragsbrüchig.
Magistrat bewilligen müssen, nicht zu gering bemessen 
werben. Ich hoffe, er wird lange nicht in der Höhe (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
verbraucht werden, wie ihn die Vorlage von Ihnen in 
Anspruch nimmt. Man kann die Summe von Die Leute haben einen Vertrag mit dem Magistrat 
100 000 Jl wohl als etwas hoch gegriffen ansehen. abgeschlossen, und als es zur Durchführung des Ver­
Indessen, es handelt sich ja nur um einen Kredit bis trages kam, da versagten die Herren Schlächtermeister 
zu der Höhe, und das, was wir nicht verbrauchen, und erklärten: wir machen nicht mit. Die Herren 
wird eben erspart. Ich bitte Sie also, meine Herren, 
dem Antrage einmütig zuzustimmen: dem Magistrat haben Obstruktion getrieben und haben zudem noch 
einen Betrag bis zu 100 000 Jl zur Verfügung zu den Leuten davon abgeraten, das Fleisch überhaupt 
stellen, um von den seitens der Königlichen Regie­ zu kaufen, da es minderwertig sei usw. Es muß hier 
rung in dem Erlaß vom 28. September 1912 zu­ ausgesprochen werden, wie wir darüber denken, da­
gelassenen vorübergehenden Erleichterungen der Vieh- mit nicht etwa unsere Herren Schlächtermeister auf 
und Fleischeinfuhr gegen die herrschende Fleisch­ den Gedanken kommen könnten, daß sie in Zukunft 
teuerung Gebrauch zu machen. Die Mittel sind aus auch das Recht hätten, in derartiger Weise vorzu­
dem Dispositionsfonds zu entnehmen. gehen, wenn die Frage für sie brennend werden sollte.Nun kann man feststellen, daß die Fleischzufuhr 
nicht in dem Maße erfolgt, wie sie eigentlich erfolgen 
Stadtv. Lehmann: Meine Herren! Vorweg müßte, um der Not Herr zu werden. Das liegt an 
mochte ich bemerken, daß meine Freunde für die An­ gewissen Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, daß 
nahme dieser Vorlage sind. Ich will aber zugleich einmal wohl die Einrichtungen nicht darauf zuge­
aussprechen, daß ich zu der Angelegenheit einige all­ schnitten sind, das Fleisch plötzlich in großen Massen 
gemeine Ausführungen machen und zum Schluß heranzuführen, dann vielleicht auch daran, daß der 
einige Fragen an den Magistrat stellen möchte. Auftrieb nicht so vor sich geht, um genügend Fleisch 
Die Maßnahmen, die von der Stadt ergriffen auf den Markt bringen zu können. Endlich kommen 
sind, sind unseres Erachtens das Mindeste, was über­ wohl noch Schwierigkeiten persönlicher Natur dazu. 
haupt nach den vorgeschlagenen Regierungsmaß­ Durch die Presse gehen nämlich Notizen, daß die 
nahmen geschehen konnte. Leider bleibt sehr wenig Warschauer Schlächter die Absicht haben, gewisse 
übrig. Trotz alledem stellen sich noch Schwierigkeiten Maßnahmen zu treffen, die die weitere Ausfuhr von 
heraus bei der Durchführung der Maßnahmen. Es Fleisch nach Deutschland unmöglich machen. Man 
läßt sich nicht so leicht alles erledigen, wie es eigent­ wird mir entgegenhalten, es sei setzt schwer, genügend 
lich erledigt werden müßte, aus Gründen, die teils Fleisch zu bekommen, weil die Berliner Schlächter­
persönlicher, teils wirtschaftlicher Natur sind. Man gesellen, die man dorthin geschickt hatte, in Streik 
kann also nicht davon reden, daß schon etwas ganz eingetreten sind; deshalb werde kein Vieh mehr ab­
Bestimmtes, Durchgreifendes geschaffen ist. Das ist geschlachtet und die Zufuhr werde wohl daher eine 
auch leider nicht möglich, weil uns hier die Regie­ Weile stocken. Meine Herren, soweit ich unterrichtet 
rung mit ihren Vorschlägen im Stich gelassen hat. bin, ist alles das, was durch die Presse über einen 
Eine Kritik will ich daran nicht knüpfen; sie ist schon Streik verbreitet worden ist, ein Märchen. Die k>etli­
oft genug geübt worden und ist immer so ausge­ chen Schlächtergesellen in Warschau sind nicht in den 
fallen, wie sie hat ausfallen müssen. Streik eingetreten, sie haben keinen Streik prokla­
Aber, meine Herren, was bis heute geschehen miert. Die Sache liegt so: man hat den Berliner 
ist, das hat doch dazu beigetragen, dem Stadtbild Schlächtergesellen 100 J l pro Woche und noch Trink­
in gewisser Beziehung ein verändertes Aussehen zu geld versprochen. Ms nun die Leute gearbeitet hatten 
geben. Sieht man sich die Schlächterläden an, so und ihren Lohn verlangten, hat man ihnen 75 Jl 
kann man konstatieren, daß die Einfuhr ausländischen wo Woche geboten, und als sie auf ihrem Rechte be­
Fleisches bewirkt hat, daß die Preise für hiesiges tanken und den vorenthaltenen Lohn forderten, hat 
Fleisch heruntergegangen sind. Man kann in Char­ man sie entlasten und sich Warschauer Schlächter­
lottenburg Plakate sehen, worin steht, daß das Fleisch gesellen angenommen, die jetzt die Arbeit machen 
im allgemeinen und in besonderen Fällen vis zu ollen. Ich habe diese Informationen aus ganz zu­
15 F das Pfund billiger geworden ist. _ Fest steht, verlässiger Quelle und habe sie hier vorgetragen, um 
daß viele Schlächter bestrebt sind, die Maßnahme des zu verhindern, daß den Leuten etwas Unrechtes nach­
Verkaufs ausländischen Fleisches nach allen Regeln geredet wird.
der Kunst durchzuführen, und ich kann feststellen, daß Die Schwierigkeiten, von denen ich eben ge­
sich die meisten Schlächter Mühe geben, das zu tun, brochen habe und die vielleicht zur Folge haben, daß 
was unbedingt notwendig ist, indem sie genügend durch den Mangel an Fleischauftrieb die Preise hier 
Reklame entfalten. Gewisse Umstände und Tatsachen wieder steigen und nicht der Effekt erzielt wird, der 
lassen aber doch den Gedanken auskommen, daß ein erzielt werden soll, daß nämlich das Fleisch billiger 
Teil der Schlächtermeister nicht von dem Gefühl be­ wird, ferner daß die Zufuhr überhaupt ins Stocken 
seelt ist, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Ich gerät. — diese Schwierigkeiten müssen uns dazu 
will nicht weiter darauf eingehen, aber an die Vor- treiben, einmal den Gedanken ins Auge zu fassen, ov
        
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