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Periodical volume 17. Januar 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

26 Sitzung vom 1 . Januar 1912
Stadtv. Dr. Borchardt: Meine Herren! Meine m it kurzen Erzählungen seiner Taten". W ir sind in 
Freunde sind nicht in der Lage, zu dieser Vorlage ihre der glücklichen Lage, diesmal unserer Schuljugend 
Zustimmung zu geben. Freilich wollen meine eine Festschrift aus der berufensten Feder geben zu 
Freunde damit nicht etwa zum Ausdruck bringen, daß können. Reinhold Koser ist einer der hervorragend­
sie es nicht für angebracht halten, bedeutender sten Fachgelehrten, ich darf wohl sagen, der erste Ken­
Männer, deren Wirken für die ganze Gestaltung der ner der Zeit Friedrichs des Großen. Ein Historiker 
Tinge in unserem Vaterlande von großem Einfluß ersten Ranges, hat Koser seit einem Menschenalter 
gewesen ist, zu gedenken. Meine Freunde wollen Friedrich den Großen zum Mittelpunkt seiner S tu ­
auch keineswegs damit zum Ausdruck bringen, daß dien gemacht und hervorragende Werke über ihn ge­
sie eine historische Persönlichkeit nicht beurteilen schrieben. Nun hat sich dieser Mann zur Verfügung 
wollen lediglich aus den Umständen ihrer Zeit her­ gestellt, um bei der 200. Wiederkehr des Geburts­
aus, sondern daß sie Maßstäbe an das Wirken histo­ tags Friedrichs des Großen eine Schrift für unsere 
rischer Persönlichkeiten anlegen wollen, die etwa aus Schuljugend zu schreiben. Diese Schrift ist vollkom­
den Bedürfnissen und Anforderungen unserer Zeit men frei von Byzantinismus. Der Name eines Rein­
erwachsen sind. Meine Freunde sind sich vollkommen hold Koser würde an und für sich schon dafür bürgen. 
darüber klar, daß es sich bei einer Ehrung Fried­ E in Blick in die Schrift wird auch Herrn Dr. B or­
richs TI. um die Ehrung einer ganz gewaltigen Per­ chardt sofort überzeugen, daß derartiges darin nicht 
sönlichkeit handelt, und daß es an sich durchaus nicht vorkommt. Sie ist in durchaus angemessenem und 
etwa wundernehmen kann und eriva unangebracht würdigem Tone gehalten, und ich glaube, sie wird 
wäre, bei Gelegenheit der 200. Wiederkehr des Ge­ sehr geeignet sein, die Herzen der Charlottenburger 
burtstages dieses hervorragenden großen Königs Jugend für die so bedeutende Persönlichkeit auf dem 
unsere Schuljugend in irgendeiner Weise an das preußischen Königsthrone zu entflammen.
Wirken dieses Mannes zu erinnern. Aber meine 
Freunde sind— wie Sie wissen, nicht durch Verschulden Ich weiß nicht, was der Herr Vorredner im 
der Stadtverordnetenversammlung und, wie ich glaube Sinne hatte, als er vom Königlichen Provinzial- 
annehmen zu können, auch nicht nach den Wünschen schulkollegium in Berlin behauptete, daß es —  ich 
unseres Magistrats —  nicht in der Lage, in  unserer habe den Ausdruck vielleicht nicht recht im Kopfe —  
Schuldeputation vertreten zu sein, und sie können geneigt fei, bei Taren der Hohenzollern es nicht ganz 
daher in gar keiner Weise Einblick nehmen und E in­ genau m it der historischen Wahrheit zu nehmen. 
fluß üben aus die Gestaltung der A r t der Festschrift, M ir  ist nichts von einer derartigen Tatsache bekannt. 
die bei dieser Gelegenheit der Jugend verabreicht Ich möchte das hier vor der Stadtverordnetenver­
werden soll. Ta w ir über den In h a lt dieser Schrift sammlung ausdrücklich erklären.
nichts wissen können, und da andererseits bei uns in Ich glaube, meine Herren, Sie können m it vol­
Deutschland, vor allen Dingen bei uns in Preußen lem Vertrauen Ih re  Zustimmung dazu geben, daß 
eine sehr starke Strömung vorhanden ist, die gerade zur Feier des Andenkens des großen Königs, der sich 
unserer Schuljugend gegenüber historische Persönlich­ um Preußen und Brandenburg und auch schließlich 
keiten aus dem Hause Hohenzollern schon lediglich um Charlottenburg seine Verdienste erworben hat, 
durch die Tatsache, daß cs sich um einen Hohenzollern der Schuljugend eine Festschrift überreicht wird, und 
handelt, in einem ganz byzantinischen Sinne umzu­ ich möchte Sie darum bitten, die Vorlage des M agi­
deuten bestrebt ist —  ich brauche bloß an den be­ strats anzunehmen.
kannten Akt ungerechtester und willkürlichster Kabi­
nettsjustiz zu erinnern, der m it der Arnoldschen 
Mühle verbunden ist; ich brauche nur daran zu er­ Stadtv. Otto: Meine Herren, w ir haben schon 
innern, wie dieser Akt von W illkür in Erzählungen früher zum Ausdruck gebracht, daß w ir es bedauern, 
für unsere Schuljugend zu einem Akt höchster Ge- daß der Sozialdemokratie der Zugang zur städtischen 
rechtigkeitsliebe und höchsten Respektes vor richter­ Schuldeputation verschlossen ist. Nun hat der Wider­
lichen Urteilen umgedeutet wird, um nur eines der spruch des Herrn Kollegen Dr. Borchardt sich auf diesen 
landläufigsten Beispiele anzuführen —  w ir können einen Punkt konzentriert. Ich stelle sogar m it Ver­
also nicht wissen, ob derartiges nicht auch in diesem gnügen fest, daß Herr Kollege Borchardt ausdrücklich 
Buche geschieht, und müssen bei der A rt, wie von gesagt hat: w ir sind darum l e i d e r  nicht in der 
höheren Orten aus, namentlich auch vom Provinzial- Lage, dieser Vorlage zuzustimmen. Ich nehme dar­
schulkollegium aus bei solchen Gelegenheiten m it der aus an, daß die Herren Sozialdemokraten in diesem 
historischen Wahrheit umgesprungen wird, das aller­ Falle ganz gern zugestimmt hätten, wenn nicht dieser 
größte Mißtrauen derartigen Büchern entgegen­ äußere Grund sie daran gehindert hätte. Dieser 
bringen. Grund hätte sich nach meiner Meinung vermeiden 
Ta w ir keine Gelegenheit hatten, die Festgabe, lassen, und ich möchte fü r die Zukunft einen dahin­
die der Jugend verabreicht werden soll, in irgend­ gehenden Wunsch aussprechen. Wenn nämlich in der 
einer Weise daraufhin zu prüfen, so sind w ir bei dem Magistratsvorlage —  und das war möglich —  ge­
bei uns naturgemäß herrschenden, unter den gegebenen standen hätte: die und die Schrift soll verteilt werden, 
Umständen unbedingt notwendigen Mißtrauen leider und es hätte ein Exemplar dieser Schrift den Akten 
nicht in der Lage, unsere Zustimmung zu dieser V or­ beigelegen, so war jeder Stadtverordnete in der Lage, 
lage zu geben. sich zu informieren; auch die Herren Kollegen von 
der sozialdemokratischen Fraktion hätten sich in for­
mieren können, und ich bin überzeugt und stimme 
Stadtschulrat Dr. Renfert: Meine Herren! Ich darin m it dem Urteil des Herrn Stadtschulrats völlig 
bin gern bereit, jede Auskunft dem Herrn Vorredner überein, sie hätten nichts gefunden, was gegen diese 
zu geben. Die Festschrift, um die es sich handelt, und Festschrift einzuwenden wäre. Schon um diesen 
die w ir jedem, der sie ansehen w ill, zur Verfügung Grund für die Zukunft den Herren von der äußersten 
stellen, ist Reinhold Kosers: „Aus dem Leben F rie­ Linken wegzunehmen, würde sichs empfehlen, so zu 
drichs des Großen, denkwürdige Worte des Königs verfahren.
        
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