Path:
Periodical volume 4. September 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

Sitzung vom 4. September 1912 335
„wegen sofortiger Erleichterung der Ein­ folgerungen beeinflussen; dennoch werden wir bis zur 
fuhr für Vieh, das von der Grenze direkt den Entkräftung des gemachten Schlusses von seiner 
Schlachthöfen zugeführt wird, und wegen Er­ sachlichen Berechtigung überzeugt bleiben dürfen. 
leichterung zeitweiser Einführung ge­ Es steht fest, daß wir vom Jahre 1895 an, dem 
schlachteten Fleisches unter Beachtung der Ausgangsjahre der erwähnten Arbeit, — ich glaube, 
veterinär nötigen Maßregeln." ohne jede Ausnahme — eine außerordentlich starke 
Es wird damit auch das, was Sie wollen, erreicht, Zunahme der Preise zu verzeichnen haben, die im 
ohne einen vollkommenen Bruch mit der Zollpolitik direkten Gegensatz zu der englischen Entwicklung steht.
herbeizuführen. Meine Herren, wenn man etwas Wenn wir nun aber auch unserer ganz anders 
erreichen will, dann muß man doch möglichst nur das gearteten Wirtschaftspolitik diese Erscheinungen zu­
vorschlagen, was auch erreichbar ist, und nicht etwas, schreiben dürfen oder wollen, so entsteht die Frage: 
was sofort den Widerspruch der maßgebenden Kreise können wir eine Wirtschaftspolitik, wie sie England 
erregt. Man sagt zwar manchmal, man solle mehr hat, einführen? insbesondere sind wir hier in diesem 
fordern, als man haben will; aber man darf doch Falle in der Lage, die sämtlichen Konsequenzen einer- 
darin nicht so weit gehen, daß man sich in einen voll­ derartigen Maßregel zu überblicken, um mit Fug und 
kommenen Widerspruch zu den nun einmal vor­ Recht eine derartige Maßregel fordern zu können?
handenen Anschauungen im Reichstage und in der Meine Herren, man kann hier zwei Wege gehen. 
Regierung setzt. Ich möchte deshalb, um eine ein­ Der eine ist der, den der kombinierte Antrag Frentzel- 
heitliche Abstimmung zu erzielen, empfehlen, doch zu Ahrens geht, der andere der, den uns der Antrag, 
erwägen, ob Sie sich diesem Antrage nicht anschließen den der Herr Stadtverordnete Dr. Stadthagen 
können; wir würden vielleicht auch, wenn wir zu empfohlen hat, vorschlägt. Es fragt sich, welche 
einem einheitlichen Votum kommen, einen gewissen Maßregel taktisch die richtige ist. Man kann sich 
Erfolg erzielen, und unser Beschluß würde für die entweder auf den Standpunkt stellen: wir handeln 
Beratungen auf dem Preußischen oder Branden­ hier als Vertreter der Konsumenten und vor allen 
burgischen Städtetage eine viel größere Bedeutung Dingen einer großstädtischen Bevölkerung, wir können 
gewinnen. Ich mache auch darauf aufmerksam, daß nur mit den Erscheinungen, die sich bei uns hier 
es von Wichtigkeit wäre, daß nicht nur Städte und fühlbar machen, argumentieren, genau so, wie die 
Stadtverwaltungen, die eine freisinnige Mehrheit Agrarier lediglich von ihrem Standpunkt die Frage 
haben, sondern auch Stadtverwaltungen, in denen behandeln, es bleibe dann einer weiteren Prüfung 
das Zentrum oder bie Nationalliberalen die Mehr­ in der Zentralinstanz, Reichskanzler, Bundesrat und 
heit haben, solche gleichen Anträge annehmen; denn Reichstag, vorbehalten, aus diesen beiden extremen An­
dann können wir sicher sein, daß die Regierung diesen sichten nachher vielleicht die richtige Mittellinie heraus­
Wünschen eher Beitritt. Ich möchte Ihnen empfehlen, zuarbeiten, und die beiden entgegengesetzten Ansichten 
meine Herren, unsern Antrag anzunehmen, um Ein­ zu vereinigen. Oder man stellt sich von vornherein 
heitlichkeit und wirklichen Erfolg zu erzielen. auf den Standpunkt, sich mit dem zu begnügen, was 
bei billigem, verständigem Ermessen für unbedingt 
Bürgermeister Matting: notwendig gehalten und anerkannt werden muß.Obgleich ich nicht im Ich will mich für den Magistrat hier nicht auf 
Namen des Magistrats sprechen kann, glaube ich, wohl eine der beiden Richtlinien festlegen. Aber das 
eine Erklärung abgeben zu können-, von der ich an­ möchte ich für meine Person doch sagen, daß man 
nehmen darf, daß der Magistrat sie billigen wird. vielleicht mehr erreicht, wenn man, wie Herr 
Zunächst bin ich überzeugt, daß es keine Stimme Stadtverordneter Dr. Stadthagen ausgeführt hat, das 
im Magistrat geben wird, die das Vorhandensein zunächst Notwendige fordert und nicht eine derartige 
einer Teuerung, ja einer sehr empfindlichen vollständig oppositionelle, den bisherigen Zustand 
Teuerung aus dem Fleischmarkte in Abrede stellt. über den Haufen werfende, teilweise nur aus partei­
Ich glaube weiter, vor allen Dingen an der Hand politischen Forderungen hergeleitete Politik in die 
einer sehr dankenswerten Ausführung des Herrn Dr. Wege zu leiten versucht.
v. Tyszka in den Jahrbücher! für Nationalökonomie 
und Statistik „über die Bewegung der Preise einiger (Sehr richtig!)
wichtiger Lebensrnittel, insonderheit der Fleischpreise 
in Deutschland und im Auslande, unter besonderer Ob vor allen Dingen die sämtlichen Forderungen, 
Berücksichtigung Englands" die Meinung aussprechen die unter Nr. 1 Ihres Antrages aufgestellt sind, — 
zu dürfen, daß unsere Wirtschaftspolitik mit der wobei ich insbesondere die Forderung der Er­
ständigen, sehr starken Zunahme der Preise vor allen mäßigung und des allmählichen Abbaues der Ge­
Dingen des Fleisches und anderer wichtiger Lebens­ treidezölle im Auge habe — die Zustimmung des 
rnittel in ursächlichem Zusammenhang steht. Wenn Magistrats finden werden, das muß ich vorbehalten; 
man die Preisstatistiken, namentlich die Londoner es ist mir durchaus fraglich, ob sich der Magistrat 
Statistiken betrachtet — England verfolgt mit seinem zu einer weitgehenden Petition bereit finden wird, 
insbesondere auf dem Gebiete der Lebensmittel­ während ich andererseits aus dein Material, das die 
versorgung vollkommenen Freihandel eine der unseren erwähnte Broschüre sehr ausführlich behandelt, in 
diametral entgegengesetzten Wirtschaftspolitik — und Gegensatz zu Herrn Stadtverordneten Dr. Stadt- 
dabei unseren Statistiken vollständig entgegengesetzte hagen der Meinung sein möchte, daß der § 12 des 
Ergebnisse findet, so liegt natürlich der Schluß sehr Fleischbeschaugesetzes tatsächlich außerordentlich er­
nahe, daß diese ganz anders geartete Wirtschafts­ schwerende und zum mindesten in England nicht als 
politik Englands dazu beiträgt, die ganz anders ge­ notwendig erachtete Bestimmungen für die Einfuhr 
arteten Erscheinungen der Preisbewegung zu Tage gefrorenen Fleisches enthält. Wenn England er­
zu fördern. Es mag nichtsdestoweniger noch eine wiesenermaßen derartige Bestimmungen nicht nötig 
ganze Reihe anderer Momente geben, die im gleichen hat. um die Gesundheit seiner Bevölkerung zu 
Sinne wirken, aber hier nicht genügend gewürdigt schützen, so sollte es wohl auch Deutschland möglich 
werden können und möglicherweise die obigen Schluß­ sein, auf diese Bestimmungen zu verzichten, wobei
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.