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Periodical volume 4. September 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

Sitzung vom 4. September 1912 i id l
Punkt 13 der Tagesordnung: führen. Leider haben diejenigen, die solchen Befürch­
tungen Ausdruck verliehen, Recht behalten; denn 
Mitteilung betr. ,Stückkurse. —  Drucksache 237. heute liegt für uns wieder die allerdringendste Ver­
anlassung vor, uns mit dieser Frage zu beschäftigen 
(Die Versammlung nimmt Kenntnis.) und unser Augenmerk auf diejenigen M itte l zu 
richten, die eventuell in der Lage sind, diesen üblen 
Ich bitte die Herren Kollegen Litten, Ruß und Dingen Abhilfe zu schaffen.
Wagner, das heutige Protokoll zu vollziehen. 'Wenn diejenigen, die solche Befürchtungen 
hegten, Recht gehabt haben, so ist das außerordent­
Punkt 14 der Tagesordnung: lich leicht verständlich und sehr wohl zu begreifen. 
Denn es ist schon in früheren Jähren trotz drin­
Anträge der Stadtverordneten Dr. Frentzel und Gen. gender Bitten von allen Seiten, trotz der dringendsten 
und Ahrens und Gen. betr. Lebensmittelteuerung. Vorstellungen durch die Kommunen und durch alle 
—  Drucksachen 238, 239. möglichen ' Kreise der Bevölkerung in dieser ganzen 
Frage von der Regierung so gut wie nichts geschehen. 
Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß die beiden Das, was man zur Abwehr unternommen har, waren 
Anträge von den Herren Antragstellern zusammen­ kleine, ungenügende M ittel, die nicht wirken konnten. 
gefaßt und in einen Antrag umgewandelt worben Man har Palliativmittel angewendet, die der eigent­
sind. Dieser Antrag lautet, wie folgt: lichen Krankheit, dem eigentlichen Uebel in keiner 
W ir beantragen, die Stadtverordnetenver­ Weise zu Leibe gehen konnten, während man die 
sammlung möge in Anbetracht der andauernden großen und wirksamen M ittel, auf die von den ver­
Steigerung der Lebensmittelpreise, welche Ge­ schiedensten Seiten und zum Teil mit großem Er­
sundheit und Leben der Bevölkerung aufs folge hingewiesen worden ist, unbeachtet gelassen hat. 
ernsteste bedroht, Man hat sich immer noch mit dem Gedanken ver­
A. den Magistrat ersuchen: tröstet, man hat zu glauben vorgegeben, daß es sich 
1. bei dem Bundesrat und Reichstag vor­ nur um eine vorübergehende Erscheinung handelt, die 
stellig zu werden wegen sofortiger Auf­ ihre Remedur schon in sich selbst, schon aus dem 
hebung der Zölle auf Fleisch und Futter­ Gange der wirtschaftlichen Dinge heraus finden 
mittel, der Aufhebung aller die Einfuhr wird, und man hat sich —  es ist kaum zu glauben — 
beschränkenden oder verbietenden Be­ immer noch der Ueberzeugung verschließen wollen, 
stimmungen für Vieh, das von der Grenze daß es sich um feste, dauernde Zustände handelt, die 
direkt den Schlachthöfen zugeführt wird, eine Aenderung nicht erfahren werden, wenn man 
des § 12 des Fleischbeschaugesetzes, sowie nicht m it großen und energischen Maßnahmen gegen 
endlich wegen einer Ermäßigung und eines sie vorgeht.
allmählichen Abbaues der Getreidezölle; Es wäre sicher nicht zu verstehen, daß man einen 
2. die Frage der Lebensmitrelteuerung zur derartigen Zustand ungeändert läßt, wenn man nicht 
Beratung auf den bevorstehenden Tagungen wüßte, daß es im Deutschen Reich eine zwar nicht 
des Brandenburgischen und des Preu­ große, dafür aber sehr mächtige und einflußreiche 
ßischen Städtetages anzumelden; Zahl von Leuten gibt, die an eben dieser Fleischteue­
B. die gemischte Deputation zur Beratung der rung, an diesen exzessiv hohen Preisen für sich ebenso 
Frage der Lebensmittelteuerung mit der P rü­ viel Freude haben, wie der größte Teil der Bevölke­
fung der Frage zu beauftragen, ob und welche rung Leid und Sorge darüber empfindet. Seitdem 
städtischen Einrichtungen zur Versorgung der w ir uns hier in diesem Saale mit dieser Frage be­
Bevölkerung mit Lebensmitteln zu schaffen schäftigt haben, hat sich im wesentlichen die Kon­
und wie die vorhandenen auszubauen sind. stellation nicht geändert, abgesehen davon, daß, wie 
Ihnen allen bekannt ist und wie ich nicht auszu­
Antragsteller Stadtv. Dr. Frenhel: Meine führen brauche, heute die Fleischpreise noch höher 
Herren! Die mangelhafte Versorgung unserer Vieh­ sind, als sie damals waren. Ich habe seinerzeit vor 
märkte m it Schlachtvieh, die dadurch herbeigeführte Ihnen auseinandergesetzt, daß es sich nach dem Urteil 
ständige Steigerung der Fleischpreise, die so stark ge­ von hervorragenden Volkswirtschaftlern, nach dem 
worden ist, daß es großen Teilen unserer Bevölke­ Urteil von durchaus ernst zu nehmenden Sachver­
rung nicht mehr möglich ist, auch nur annähernd das­ ständigen nicht um einen nur vorübergehenden, son­
jenige Fleischquantum zu kaufen, was sie früher zu dern um einen dauernden Zustand handelt und han­
beziehen gewohnt war, ja sogar zum Teil großen deln muß, weil man die Ursachen, die ihn herbeige­
Klassen der Bevölkerung den Fleischgenuß verbietet führt haben, die zu dieser Teuerung das Fundament 
—  diesen ganzen Komplex von höchst üblen und legen, erkennen, begreifen und ganz bestimmt um­
wenig erfreulichen Dingen, den man unter dem schreiben kann, wenn man natürlich vorurteilsfrei 
Namen Fleischnot gemeiniglich zusammenfaßt, hat und nicht von Profitwut und Eigennutz geblendet an 
uns in diesem Saal bereits des öfteren in den ver­ die Prüfung der Dinge herantritt.
flossenen Jahren beschäftigt, das letzte M al ziemlich Ich könnte Ihnen also im wesentlichen nur das­
genau vor zwei Jahren, nämlich am 14. September selbe als Begründung mitteilen, was ich Ihnen im 
1910. Jahre 1910 vorgetragen habe; denn die. Ansichten 
Es ist damals und auch im Verlauf von wei­ jener Leute, die ich Ihnen hier darlegte, sind seit 
teren Beratungen, die über dieses Thema gepflogen jener Zeit zwar oft bekämpft, nie aber widerlegt 
worden sind, von den verschiedensten Seiten der Be­ worden. Wenn ich damals, auf eben jene Autoritäten 
fürchtung Raum gegeben worden, es würde nicht das gestützt, ausführte, daß es sich um einen dauernden 
letzte M al sein, daß w ir über diese Dinge zu sprechen Zustand handelt, so ist der beste Beweis für die Rich­
hätten, sondern daß wahrscheinlich noch öfter die tigkeit dieser Auffassung doch wohl darin zu suchen, 
dringende Veranlassung an uns herantreten würde, daß w ir jetzt nach verhältnismäßig kurzer Zeit den­
über die Fleischnot und ihre üblen Folgen Klage zu selben Zustand, nur im verschärften Maßstab, haben.
        
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