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Periodical volume 4. September 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

Sitzung vom 4. September 1912 323
Punkt 3 der Tagesordnung: Donnersmarck — dem Verband für deutsches Halb­
blut zu den Herbstkonkurrenzen auf der Grunewald- 
Borlage betr. Anmietung von Grundflächen am nörd­ rennbahn einen Preis von 500 dt stiften. Die 
lichen Ende der Reichsstraße. — Drucksache 227. Summe ist ja nicht groß. Aber es handelt sich wieder 
um eine Ausgabe, bei der ich persönlich nicht imstande 
(Die Versammlung beschließt nach dem Antrage bin, den Zusammenhang mit den eigentlichen Auf­
des Magistrats, wie folgt: gaben der Stadtverwaltung zu erkennen, ebensowenig 
aber eine durch repräsentative Pflichten gebotene 
a) Der Magistrat wird ermächtigt, einen M iet­ Notwendigkeit für diese Maßnahme. Unsere Stadt 
vertrag über die eisenbahnfiskalischen Flächen hat nicht einmal einen eigenen Fuhrpark, unser 
am nördlichen Ende der Reichsstraße nach Magistrat fährt im Automobil, und was unseren be­
Maßgabe des abgedruckten Entwurfs abzu­ rühmten Charlottenburger Pferdemarbt anlangt, so 
schließen. sucht man auf ihm weder Vollblut, noch Halbblut. 
b) Der für die Zeit vom 1. November 1911 bis Auf ih n herrscht, soweit ich unterrichtet bin, vielmehr 
1. November 1912 zu zahlende Mietzins in jene Klasse von Tieren vor, auf die wahrscheinlich das 
Höhe von 250 JC wird aus dem Dispositions­ alte märkische, wenig freundliche Sprichwort vom 
fonds bewilligt. Für die spätere Zeit sind die „Charlottenburger Pferd, Berliner Kind und Span­
fällig werdenden Jahresmieten alljährlich im dauer Wind" zurückgeht.
Stadthaushallsetal zur Verausgabung vorzu­
sehen.) (Heiterkeit.)
Punkt 4 der Tagesordnung: Ich meine, daß danach unsere Stadt eigentlich mit 
dieser ganzen Sache so wenig irgend etwas zu schaffen 
Vorlage betr. Stiftung eines Preises für den Reichs­ hat, ivie mit der sehr stark bestrittenen Frage, ob der 
verband für deutsches Halbblut. — Drucksache 228. deutschen Landwirtschaft, ob der deutschen Pferde­
zucht überhaupt mit einer gesteigerten Vermehrung 
Stadtv. Stulz: Meine Herren! es gibt zwar der Aufzucht von Halbblütern gedient ist. Das ist 
viele Dinge, die wichtiger für das Volkswohl wären tatsächlich eine ungemein strittige Frage. M it Rück­
als die Veredelung der Pferdezucht. Trotzdem kann sicht auf alles das ist es eigentlich kaum zu ver­
man nicht sagen, daß diese Vorlage einen schlechten stehen, wie gerade der Charlottenburger Steuerzahler 
Zweck verfolgt. Meine Freunde hätten also an und dazu kommen soll, in diese Bestrebungen als Pro­
für sich gegen diese Vorlage nichts einzuwenden. tektor einzugreifen.
Wenn w ir sie aber bewilligten, würde das Geld in Was die Grunewaldrennbahn anlangt, so sind 
die Taschen doch hauptsächlich der Großgrundbesitzer w ir ja seit Annahme der Stadionvorlage in gewissem 
fließen — denn das sind die landwirtschaftlichen Sinne an ihrem Gedeihen interessiert, wie w ir uns 
Steife, die für die Pferdezucht fast ausschließlich in ja auch seit Annahme dieser Vorlage vertraglicher und 
Frage kommen —, also in die Taschen jener Kreise, geschäftlicher Beziehungen zu dem Unionklub rühmen 
die durch den Brotwucher und durch die künstliche dürfen, der für alle Angelegenheiten des Pferdesports 
Fleischverteuerung der städtischen Bevölkerung einen die vornehmste und oberste Instanz bildet. Das 
unerhörten Tribut auferlegen, die sich an der Not darf uns aber nicht abhalten, eine strenge Grenz­
der Massen bereichern und sich m it Hand und Fuß linie zu ziehen und namentlich der auch in Sport­
dagegen sträuben, daß auch nur für einige Monate kreisen stark verbreiteten Ansicht entgegenzutreten, als 
die Grenzen geöffnet werden sollen, damit die Not ob gerade unser Charlvttenburg für Bestrebungen 
des Volkes einigermaßen gemildert wird. Überhaupt finanziell zu haben sei, die auf diesem Gebiete eine 
meine Herren, muß man sich doch wundern, daß diese gewisse Verdienstlichkeit für sich beanspruchen dürfen. 
Leute sich an die Städte um Bewilligung von W ir sind ja nicht einmal in der Lage, die tatsäch­
Geldern wenden, dieselben Leute, die tagtäglich die lichen Unterlagen für die Bestrebungen des Verbandes 
Städte in ihrer Presse beschimpfen, die in der Deut­ zu prüfen —  Bestrebungen, die mir, soweit das 
schen Tageszeitung und ähnlichen Rieselfeldern jun­ Material vorliegt, einen stark schutzzöllnerischen und 
kerlichen Geistes protektionistischen Charakter zu tragen scheinen,
(Heiterkeit) (sehr richtig!)
sie die Brutstätten des Asphaltbürgertums und anherer und die unter der Marke gehen: „Deutschland dem 
Degenerationskrankheiten des deutschen Volkes nen­ deutschen Pferd!" Meine Herren, es läßt sich gar 
nen. Meine Herren, für diese Leute können meine nicht wegleugnen und ist eine allgemein bekannte 
Freunde keinen Groschen bewilligen. Tatsache, daß unsere deutsche Industrie und unser 
deutscher Handel darauf angewiesen sind, aus dem 
Stadtv. Dr. Flatau: Meine Herren, auch ich Auslande ein gewisses billigeres Pferdematerial her­
vermag nicht der Magistratsvorlage zuzustimmen, beizuschaffen, und ich glaube auch gar nicht, daß die 
wenn ich m ir auch die Gründe, die der Herr Vor­ deutsche Landwirtschaft imstande wäre, den ganzen 
redner vorgetragen hat, nicht zu eigen mache, Bedarf des deutschen Volkes zu decken. Sie ist dazu 
ebensowenig fähig, als sie imstande ist, seinen Bedarf 
(Stadtv. Dr. Liepmann: Sehr richtig!) an Schlachtvieh zu decken.
Meine Herren, eine weitere Behauptung in der 
und ich weiß mich bei meiner ablehnenden Haltung Magistratsvorlage bedürfte ganz besonderer Be­
mit der überwiegenden Mehrheit meiner Freunde gründung. Das ist die Behauptung, der Verband 
einer Meinung. jabe nicht die Kraft, aus eigenen Mitteln seine Aus­
Nach der Magistratsvorlage soll die Stadt — gaben zu decken. Das muß einem —  auf den 
in Verfolg eines Antrages des Grasen Henckel von ersten Blick wenigstens- — etwas wunderbar er-
        
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