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Periodical volume 17. Januar 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

16 Sitzung vom 1 J .  Januar 1912
leidenden Einwohner gegenüber, und da m uß man der Zwischenhandel die Teuerung verschärft, und man 
die Rücksichten fallen lassen, man m uß hinter dem sollte n u r  ruhig versuchen, Lebensrnittel durch die 
großen Ziel, das m an sich gesteckt hat, die Kleinig­ S t a d t  einzukaufen und abzugeben; die Händler 
keiten verschwinden lassen. Geschieht wirklich etwas, würden doch immer noch verdienen.
dann m uß es auch allen zugute kommen. M a n  muß Soll ten  w ir  zu anderen a ls  den vorgeschlagenen 
hier mit Pfennigen  rechnen. H err Kollege Wöllmer M aßnahm en  nicht übergehen, dann ist sicher, daß 
ha t gesagt: xs kommen schließlich n u r  ein paar  Mark mindestens unsere Arbeiterbevölkerung den Schmacht­
im J a h re  heraus. Ich  sage Ih n e n ,  H err  Kollege riemen noch enger anziehen m uß . E s  steht ohne weiteres 
Wöllmer: die Leute, die auf unserm S tan dpun k t  fest, daß m it den gebotenen Vorschlägen nicht auszu­
stehen, rechnen m it  P fennigen, und wenn im Laufe kommen ist, zumal überdies noch die Kollegen erst 
des J a h re s  1 Jl  oder 2 Jl an Lebensrnitteln erspart darüber beraten werden und in  absehbarer Ze it  an 
werden, dann können die Leute diese 2 Jl  für andere eine Verwirklichung derselben nicht zu denken ist. 
Bedürfnisse aufwenden. W ir  unterstützen dadurch ge­ Hier und da hat m an auch schon gesagt: wie kommt 
wissermaßen die anderen Gewerbetreibenden. Wenn denn der Arbeiter überhaupt dazu, sich über 
der Arbeiter jetzt statt 65 H  fü r  10 P fu n d  K artof­ die Teuerung so aufzuregen, die Löhne sind doch von 
feln nu r  40 v> zu zahlen hatte, dann könnte er für J a h r  zu J a h r  gestiegen, und das, w as  die Lebens­
die ersparten 25 H  seine Bedürfnisse beim Schneider, mittel mehr kosten, hat die Arbeiterschaft dreifach an 
Schuhmacher usw. befriedigen. Wenn w ir  alles nu r erhöhten Löhnen herausgeschlagen! M eine  Herren, 
in die N ahrungsm itte l  hineinstecken, dann schädigen das ist grundfalsch. E s  ist berechnet, daß in  den 
w ir  die anderen Gewerbetreibenden; das  steht ohne letzten J a h re n  die Lebensrnittel u m  8,3 %  im  Preise 
weiteres fest. Also man soll nicht Rücksicht auf ein­ gestiegen sind, die Löhne aber n u r  um 3 % .  M a n  
zelne Personen nehmen —  auf die ganze Klasse, ja; kann also nicht davon reden, daß die Löhne in  
aber der großen Masse der Notleidenden steht bloß höherem M aße  gestiegen seien als  die Lebensmittel­
ein kleiner Teil von Händlern gegenüber, die in F rage  preise. M i t  solchen B ehauptungen kann m an  unsere 
kommen, und da soll m an die Rücksicht fallen lassen. Forderungen nicht a ls  unberechtigt hinstellen.
M a n  sagt, es lohne nicht gerade bei den K a r ­ M eine  Herren, ich will m ir  alles weitere er­
toffeln. M a n  braucht ja bei den Kartoffeln nicht zu sparen. S i e  haben jedenfalls alles das, w as, sich aus 
bleiben, m an kann auch, wie das in anderen S täd ten  die F rage  bezieht, auch gelesen. Zugeben müßen S i e  
gemacht worden ist, zu anderen N ahrungsm itte ln  m ir  aber, daß wir in  einer schrecklichen Zeit  leben, 
übergehen. D er  H err  Berichterstatter führte aus, es und daß wir, wenn S ie  an die Folgen denken, un ter 
m üßte dann eine Zentrale  eingerichtet werden, und Umständen noch schrecklicheren Zeiten entgegengehen. 
von dort müßten die Leute die Lebensrnittel ent­ W ir  wollen die Teuerung nicht a ls  eine Schickung des 
nehmen. Ich  weiß a u s  meiner Jugendzeit ,  Herr H im m els betrachten, wie von höherer S te lle  gesagt 
Kollege, —  wir wohnten in der Feldftraße —  daß wir worden ist, oder a ls  einen Akt ausgleichender Ge­
nach der S p ree  zum Kartoffelkahn wanderten, um rechtigkeit, sondern w ir  wollen a ls  Vertreter der 
unsere Kartoffeln dort zu kaufen, weil sie billiger S t a d t  Charlottenburg die Teuerung als  eine K ala ­
waren. Die  Arbeiter würden sich heute auch nicht m itä t  betrachten, gegen die w ir  m it  aller Macht F ro n t  
scheuen, ein paar  Schritte Weges mehr zu machen, zu machen haben, und w ir wollen alles daran  setzen, 
wenn sich ihnen die Gelegenheit bietet, N ah ru n g s­ daß m an wenigstens nach außen hin sagen kann: w ir  
mittel billig einkaufen zu können. M i t  derartigen haben unsere Schuldigkeit getan, w ir  haben alles 
G ründen braucht m an nicht zu kommen; da kennen getan, w as w ir zu tun  für notwendig hielten. H a t  
w ir die Arbeiterschaft und die Notleidenden besser. es vielleicht auch in einigen S täd ten  nicht geklappt, 
T e r  Zwischenhandel wird jetzt so dargestellt, a ls  dann wollen w ir  den dort schuldtragenden Fehlern 
ob er nicht verteuernd wirkte. Ich w i l l j i u r  darauf nachgehen, daran  lernen, frisch an s  Werk gehen und 
hinweisen, daß das Statistische Am t der S t a d t  Posen es besser machen! D a n n  werden w ir auch etwas 
festgestellt hat, daß die Viehpreise im Gegensatz zur Durchschlagendes schaffen. M eine Herren, das wird 
gleichen Zeit  des V orjahres gesunken, die D eta i l­ möglich sein, wenn S i e  unsern A ntrag  annehmen.
preise aber trotzdem um 25 bis 30 H  gestiegen sind, daß 
also trotz des S inkens  der Viehpreise die Fleischpreise (B ravo! bei den Sozialdemokraten.)
heraufgegangen sind. Ich  kann auch ein Beispiel 
anführen, wo es sich um Kartoffeln handelt: im S tad tv .  M eyer: M eine Herren! M eine  Freunde 
J a h re  1909 haben 1000 k g  Kartoffeln 55 Jl ge­ stimmen m it  den beiden Herren Vorrednern darin  
kostet, und die S p a n n u n g  zwischen den Groß- und überein, daß die Vorlage n u r  eine geringe Befriedi­
Kleinhandelspreisen betrug 15,80 Jl. I m  J a h re  gung erwecken kann. Besonders unbefriedigt muß 
1911 kostete die gleiche Q u a n t i tä t  Kartoffeln 77 Jl, sie natürlich diejenigen lassen, welche die Absicht 
und die S p a n n u n g  betrug 22,80 Jt, also ru nd  7 Jl hatten, der Teuerung durch direkten Bezug und V e r­
mehr a ls  im J a h re  1909. J a ,  meine Herren, wo trieb von Lebensrnitteln durch die S t a d t  abzuhelfen. 
bleibt der P r o f i t ?  D er  m uß doch in den Händen Meine Freunde haben —  und das  stelle ich nam ent­
des Zwischenhandels stecken. Deswegen sage ich: m an lich dem H errn  Vorredner gegenüber fest —  diesem 
soll nicht derartige Rücksichten nehmen. M a n  kann seitens der Sozialdemokratie befürworteten M it te l  
un ter Umständen dadurch, daß m an selbst den V er­ außerordentlich skeptisch gegenübergestanden. S ie  
kauf von Lebensrnitteln in die Hand nim m t, die haben seinerzeit die D epu ta tion  hierfür m it  dem au s­
Preise etwas zum Besten der Allgemeinheit herab­ drücklichen Hinzufügen eingesetzt, daß sie eine 
drücken. I n  München-Gladbach, in Bamberg, in P r ü f u n g  der F rage  allerdings nicht verhindern 
B arm en, auch in  Weißensee usw. hat der städtische wollen, daß sie aber sehr zweifelhaft darüber sind, ob 
Verkauf von Lebensrnitteln preisregulierend gewirkt. jenes M it te l  richtig und verwendbar ist.
E s  ist festgestellt worden, daß in dem Augenblick, wo D a ß  der H err Landivirtschaftsminister den 
S täd te  dazu übergegangen sind, Lebensrnittel einzu­ S täd ten  den guten R a t  gegeben hat, auf diese Weise 
kaufen, die Preise verschiedener Produkte  herunter­ der Teuerung abzuhelfen, ist ja nicht verwunderlich. 
gegangen sind. D a s  ist doch beweisend dafür, daß D a s  geschah, um die Aufmerksamkeit von der wirk-
        
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