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Periodical volume 22. Mai 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

226 Sitzung vom 22. 37. ai 1912
entnehmen. Tie freien Gewerkschaften sind es jeden­ wegt haben, daß Sie vielleicht selbst nicht wissen, 
falls nicht. Die freien Gewerkschaften in Köln haben was Sie an einzelnen Stellen gesagt haben. — Wann 
einen andern Standpunkt eingenommen, sie haben und wo, frage ich, ist es vorgekommen, daß Streik­
sich genau auf denselben Standpunkt gestellt, auf dem unterstützungen in die Parteikafse geflossen sind? 
der Deutsche Gewerkschaftskongreß steht, und dieser Herr Rothholz hat da die Glocken läuten hören und 
hat sich erst auf seiner letzten Tagung im vorigen weiß nicht, wo. Es ist nämlich vorgekommen und 
Jahre in Dresden für gemeindliche und staatliche wiederholt vorgekommen, daß gewerkschaftlich orga­
Zuschüsse zur gewerkschaftlichen Arbeitslosenfürsorge nisierte Arbeiter, die selbst während eines Streiks 
ausgesprochen. Das ist der Standpunkt des weitaus oder während einer Aussperrung in Arbeit standen, 
größten Teiles der deutschen Gewerkschaften, und auch einen Teil ihres Verdienstes in Form höherer Bei­
in Cöln haben die freien Gewerkschaften eine andere träge an die Streikkasse abgeführt haben.
Haltung nicht beobachtet. Schon in Ihrem eigenen 
Interesse sollten Sie nicht immer mit der Colner (Zurufe bei den Liberalen: Das ist gesagt worden!)
Kasse operieren. Die (Seiner Kasse ist ja ein Beispiel 
dafür, wie eine Kasse n i ch t gestaltet werden soll. — Streikkasse und Parteikafse ist einmal etwas ganz 
Es wird Ihnen bekannt sein, daß die Kasse in Cöln anderes, und zweitens hat Herr Rothholz das auch 
gezwungen gewesen ist, ihr Statut wesentlich zu än­ nicht gesagt.
dern. Was speziell unsere Gewerkschaften in Cöln 
betrifft, so haben sie erklärt, daß sie sich dafür be­ (Zurufe bei den Liberalen: Doch!)
danken, mit ihren Beiträgen einer verfehlten Grün­
dung, die nicht leben und nicht sterben kann, das Daß die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter von 
Dasein zu verlängern. Das ist die Ansicht der Ge­ ihrem Verdienst etwas für ihre im Streik befind­
werkschaften in Cöln über die Kasse. Es tut m ir leid, lichen Brüder an die Streikkasse abführen, das ist 
daß Herr Rothholz durch den Artikel irregeführt etwas ganz anderes, das ist eine anerkennenswerte 
worden ist. Tat, das ist der Ausdruck eines starken Solidaritäts­
Dann sagt Herr Rotholz, und dagegen muß ich gefühls. Dafür sollte man die Arbeiter loben, nicht 
mich ganz besonders verwahren, wenn dieser Bor- aber das als Grund gegen den vernünftigen Ausbau 
wurf überhaupt ernst zu nehmen sein sollte: würden der Arbeitslosenunterstützungskasse anführen.
einzelne Mitglieder der Gewerkschaften zu hohe Ebenso falsch ist auch das, was Herr Rothholz 
Arbeitslosenunterstützung bekommen, dann würden über die Arbeitslosenzählungen in Charlottenburg 
die Gelder der Parteikasse zufließen. gesagt hat. Er behauptete, die Gewerkschaften 
hätten sich an den Zählungen nicht mehr beteiligt, 
(Lachen bei den Sozialdemokraten.) weil ihnen das System nicht gefallen hätte. Ach 
nein, die Gewerkschaften haben jahrelang die A r­
Er berief sich als Beweis hierfür darauf, daß ja auch beitslosenzählungen hier in Charlottenburg vorge­
bei den Streiks diejenigen, die eine zu hohe Streik­ nommen, und sie haben schließlich beschlossen, sich 
unterstützung bekommen, das Geld in die Parteikasse an den Zählungen nicht mehr^zu beteiligen, weil 
abführen. sie gesehen haben, daß die Stadtverordnetenver­
sammlung alle Anträge von unserer Seite auf E in­
(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das ist to ll!) führung einer Arbeitslosenunterstützung abgelehnt 
hat.
Ich w ill nicht den Ausdruck sagen, der m ir auf der 
Junge schwebt, sehr schmeichelhaft wäre es nicht für (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Herrn Rothholz, ich glaube nicht, daß der Vorsteher 
den Ausdruck durchgehen lassen würde. Wann und Da haben sich die Gewerkschaften gesagt: w ir 
wo ist es jemals vorgekommen, daß Arbeiter, die sind nicht dazu da, Sonntag für Sonntag herum­
bei einem Streik eine zu hohe Unterstützung be­ zulaufen und der Gemeinde unsere Arbeitskraft zu 
kommen haben, ihre Gelder in die Parteikafse ab­ opfern, wenn w ir doch sehen, daß das alles nur 
geführt haben? Spielerei ist. Das ist der Grund gewesen, also etwas 
ganz anderes, als was Herr Rothholz hier angeführt 
(Widerspruch und Zuruf bei den Liberalen: Das hat hat.
er nicht gesagt!) Meine Herren, der wahre Grund der ab­
lehnenden Haltung der Herren Rothholz und Stadt­
— Das haben Sie gesagt! hagen kommt ja in den Worten zum Ausdruck, es 
sei ausgeschlossen, daß sozial gesinnte Arbeitgeber 
(Widerspruch des Stadtv. Dr. Rothholz.) sich an der Entwicklung der Kassen beteiligen würden, 
wenn die Gewerkschaften unterstützt werden; denn 
Ich gebe gern zu, daß Ih re  Rede so konfus war die Arbeiter würden ja dann sagen: ach, w ir sind 
— auch Herr Stadtrat Spiegel hat es angedeutet — schon versichert, die Stadt zahlt ja an die Gewerk­
schaften Zuschüsse. Das ist also der wahre Grund. 
(Glocke des Vorstehers.) Sie fürchten, daß durch die Unterstützung der Ge­
werkschaften der Massenbeitritt von Arbeitgebern für 
Vertreter des Vorstehers Stadtv. Otto: Herr ihre Arbeiter verhindert wird; sie fürchten, daß da­
Kollege Hirsch, ich muß Sie unterbrechen. Sie dürfen durch das Bestreben gewisser Arbeitgeber verhindert 
von der Rede eines Stadtverordneten nicht sagen, wird, ihre Arbeiter durch Wohltaten in eine w irt­
daß sie konfus gewesen ist. schaftliche Abhängigkeit zu bringen..
Stadtv. Hirsch: Sagen wir, daß Sie so wenig (Lachen bei den Liberalen und bei der vereinigten 
systematisch waren und sich so in Widersprüchen be­ alten Fraktion.)
        
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