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Periodical volume 22. Mai 1912

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1912

220 Sitzung Dom 22. M ai 1912
Nun ist allerdings ein sehr häßliches Wort — werkschaften sind ja. zum Teil gefolgt, aber vielleicht 
da das Wort Torso erwähnt ist, möchte ich auch noch nicht in dem gleichen Maße vorgegangen — 
dieses andere Wort erwähnen — in den Beratungen diesen Zweig der sozialen Fürsorge in ihre Tätigkeit 
des Ausschusses gefallen — ich will nicht sagen, von hineingezogen haben. Aber, meine Herren, man muß 
welcher Seite. Es wurde gesagt: wenn Ih r  die sich doch auch überlegen, in welchem Umfange sie das 
Arbeitslojenversichcrungskasse von städtischer Seite getan haben oder haben tun können, und da möchte 
einführt und die Gewerkschaften nicht unterstützt, ich Ihnen doch die Zahlen vorlegen. M ir stehen aus 
dann werden die Gewerkschaften nicht in diefe dem Jahre 1909 die Zahlen zur Verfügung; die 
städtische Kasse eintreten, sondern sie werden sie anderen habe ich nicht mehr zusammenstellen können. 
boykottieren. I n  diesem Jahre haben die sämtlichen freien Gewerk­
schaften etwa sy2 Millionen Mark an Arbeitslose 
(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Im  Ausschusse gezahlt. Demgegenüber stehen 10y2 Millionen an 
ist das nicht gesagt worden!) Streikunterstützung, Agitation usw.
— Das ist gesagt worden; es ist stenographiert worden, (Stadtv. Zietsch: Was ist denn „usw."?!)
(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Das haben Der Gesamtetat der Gewerkschaften betrug in diesem 
Sie geglaubt!) Jahre ö0y2 Millionen. Also selbst in diesem relativ 
günstigen Jahre kommen, soviel ich gesehen habe. 
— Nein. Es ist weiter auch gesagt worden, man soll etwa nur 20% auf die Arbeitslosenunterstützung. 
keine Wohltaten erteilen, mit denen man das Stan­ Dieses Jahr ist besonders günstig, w'eil die Streik­
desgefühl verletzt. unterstützungen sehr gering waren, nämlich nur 
6,9 Millionen betrugen, während sie sich im Jahre 
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) 1907 auf 13,1 Millionen stellten. Sie sehen, die 
Streikunterstützungen früherer Jahre gehen weit über 
— Das bestätigt also Herr College Zietsch. Meines die Arbeitslosenunterstützungen hinaus.
Erachtens ist das eine noch viel schlimmere Aeuße­
rung, daß, wenn wir eine Arbcitslosenkasse von der (Zurufe bei den Sozialdemokraten.)
Stadt aus einrichten, wir das Standesgefühl der 
Arbeiter dadurch verletzen, wenn wir sagen: wir Nun muß man vor allen Dingen im Auge be­
stellen euch frei, hier einzutreten. halten, daß die Gewcrkschaftsunterftützung durch die 
So wird die Sache von gewisser Seite aufgefaßt. Stadt nicht einer Notlage steuern würde, sondern 
Ich bedaure das, und ich hoffe auch, daß das nicht die daß damit lediglich einer bereits auf andereni^Wege 
letzten Worte sein werden. Ich hoffe, daß, wenn wir im wesentlichen beseitigten Notlage noch ein Schärst 
eine städtische Arbeitslosenkasse einrichten, dann die lein zugegeben werden soll. Tie Zahlen aus 
Arbeiter, mögen sie einer politischen Richtung an­ Schönebcrg, die der Herr Berichterstatter Ihnen vor­
gehören, welcher sie wollen, es sich wohl überlegen gelesen hat, wonach von den dort vom 1. April 1911 
werden, ob sie dieser Kasse nicht beitreten, ■— daß bis 31. März 1912 ausgezahlten 9800 J l etwa 
sie es sich wohl überlegen werden, daß es sich hier 9300 J l — soviel war es wohl — lediglich den 
um ein sachliches Gebiet handelt, auf dem alle poli­ freien Gewerkschaften zugute gekommen sind, reden 
tischen Parteien zusammenarbeiten können, um der doch Bände! Haben wir es denn nötig, den freien 
N o t  zu st e u e r n. Da erwarte ich auch von den Gewerkschaften die Gelder der Steuerzahler einfach 
freien Gewerkschaften, daß sie ihre Arbeiter gerade zu überlassen, um die Arbeitslosen zu unterstützen? 
auffordern werden, z. B. von der Einrichtung der Nein, ich me i n e ,  man  s o l l t e  di e n o t ­
Gesamtversicherung Gebrauch zu machen, was ihnen l e i d e n d e n  A r b e i t s l o s e n  un t e r s t ü t zen
ohne weiteres freisteht.
Weiter ist gegen die Weglassung der Gewerk­ (Sehr richtig!)
schaften angeführt worden, daß die Kontrolle dann 
zu schwierig wäre. Ich befürchte im Gegenteil, daß, und d ie  G e l d e r ,  seien es auch nur 9000 Jl —  
wenn die Gewerkschaften in dem Statut bleiben, das wir haben ja auch 10 000 Jl eventuell vorgesehen —, 
eine Quelle von Streitigkeiten wegen der Kontrolle denen z u k o mme n  l assen,  d i e eben 
geben würde. Ich möchte unsere Stadt davor be­ ni cht  i n  der  Lage  s i n d ,  d i e hohen B e i ­
wahren, daß sie in diese Kämpfe hineinsteigt, in die t r ä g e  zu z a h l e n ,  d i e  di e Ge we r k s c h a f ­
Kämpfe mit der Gewerkschaftsleitung: liegt hier eine t en m i t aus  a n d e r e n  G r ü n d e n  j e d e n ­
richtige Arbeitslosigkeit im Sinne des Statuts vor, f a l l s  v e r l a n g e n .
liegt hier eine Weigerung der Annahme angebotener 
Arbeit vor, die berechtigt ist oder nicht? — Meine (Sehr richtig!)
Herren, vor solchen Streitigkeiten müssen wir unsere 
Verwaltung, soweit es geht, bewahren. Von den Arbeitern werden Beiträge zu den Ge­
Dann wird gesagt: sa, die Gewerkschaften müßt werkschaften verlangt, die sich, ich will einmal nur 
ihr unterstützen, denn dort ist ja der Weg der Selbst­ sagen, zwischen 50 und 100 Jl bewegen; wenn man 
hilfe beschritten, und es ist die Pflicht eines Sozial­ andere Dinge hinzunimmt, bewegen sie sich noch in 
politikers, überall eine Unterstützung zu gewähren, höheren Grenzen. Das können gewisse Gruppen 
wo die individuelle Selbsthilfe bereits eingetreten von Arbeitern nicht leisten, und diesen Arbeitern 
ist. I n  dieser Beziehung hat Herr Kollege Rothholz soll die Stadt zu Hilfe kommen,
schon soviel gesagt, daß ich mich auf ganz wenige 
Worte beschränken kann. Gewiß ist es durchaus an­ (Zuruf des Stadtv. Zietsch)
zuerkennen, daß die freien Gewerkschaften in erster 
Linie — die Hirsch-Dunckerschen und anderen Ge­ — vor allem durch besseren Arbeitsnachweis: darin
        
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