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Periodical volume 9. März 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

82 Sitzung vom 9. März 1910 .
die Position vielleicht gestrichen worden, ohne eine daun eventuell eine Vorlage zu machen. Ruhig 
solche vermittelnde Resolution zu fassen, — vielleicht und sachlich ist der ganze Beschluß erörtert und 
auch nicht, ich weiß es nicht genau. Jedenfalls gefaßt.
wurde diese Resolution gefaßt einerseits, um Spiel­ I m  Gegensatz dazu hat heute der Antragsteller, 
raum  zu geben, und dann auch — wenigstens Herr S tadtverordneter Bollmann, in recht erregter 
wünschte ich das —, damit die Gemüter Zeit hätten, Form  gesprochen und hat einen ganz krassen An­
sich etwas zu beruhigen, die Gemüter, die vielleicht trag gestellt, der die ruhig erfolgte Einigung über 
nllzu leidenschaftlich erregt worden waren in dem den Haufen werfen und das Kind mit dem Bade 
Glauben, daß der Selbstverwaltung oder der ehren­ ausschütten will und die 3060 M einfach streicht. 
amtlichen Tätigkeit Abbruch geschehen soll. Nun, M ir will scheinen, meine Herren, als ob das ein 
meine Herren, diese Resolution wurde angenommen, Entschluß ist, der doch etwas ab irato  gefaßt ist; 
und die Resolution sagte: der Magistrat wird er­ er hat sich geärgert, die anderen Herren auch, und 
sucht, die D eputation für die Waisenpflege nochmals nun sagen sie nach dem Prinzip jenes Jungen , der 
zu fragen und alsdann eventuell eine Vorlage zu da ausruft: „M einem V ater ist ganz recht ge­
machen. Gewiß, meine Herren, Herr B ürger­ schehen, wenn m ir die Hände erfrieren; warum 
meister M atting hat ja Recht: es mag noch Präze­ kauft er mir keine Handschuhe!" — :
denzfälle gegeben haben. Aber ich frage den (Unruhe) 
Magistrat, ob es klug war, in diesem Augenblick nun wollen wir alles streichen!
in so überstürzter Schnelligkeit die Deputation (Aha!)
einzuberufen Ich möchte davor warnen, meine Herren, in so 
(Sehr richtig!) wichtigen Dingen, die doch von ernster, weitragen­
und bei den Opponenten den Verdacht zu erwecken, der Wirkung sind, Entschlüsse ab irato  zu fassen. 
als wollte er tabula rasa machen und allzuschnell Lassen S ie  uns doch bei dem ruhigen Ton der V e r ­
ihren Widerstand beseitigen. Meine Herren, wir handlungen bleiben, den wir in der Etatsausschuß­
haben, ich muß sagen, sehr selten einmal Gelegen­ sitzung angeschlagen haben, und lassen S ie uns 
heit gehabt, daß ein Beschluß von Stadtverordneten unsere Entschlüsse in ruhiger Erwägung fassen!
so schnell vom Magistrat in die T at umgesetzt wurde ! Und so möchte ich zunächst einmal mit Ih n en  
(Sehr richtig!) prüfen, meine Herren: ist wirklich ein Anlaß vor­
Es ist ja noch garnicht einmal ein Beschluß der S tad t­ handen für die Mitglieder der Etatskommission, 
verordnetenversammlung, sondern die Angelegen­ über den Entschluß des M agistrats in Erregung zu 
heit mußte von Rechts wegen erst dieses P lenum  kommen und sich zu ärgern? Da bitte ich, noch 
passieren. Ich meine, es wäre richtiger gewesen, einmal den W ortlaut zu betrachten:
wenn diese Deputationssitzung nicht so schnell ein­ Der Magistrat wird ersucht, die D e p u- 
berufen worden wäre. Und was war der Sinn t a t i o n für die Waisenpfleger über die 
der Resolution, die gefaßt w urde? Ich muß Herrn Frage der Anstellung besoldeter Waisenpflege- 
Dr. S tadthagen recht geben: sie verfolgte den Zweck, rintten n o c h m a l s  z u h ö r e n  und als­
noch einmal eingehende Erhebungen anzustellen dann eventuell eine besondere Vorlage zu 
und Beratungen zu pflegen unter Zuziehung der machen.
Waisenpflegerinnen, denen Herr S tad tra t Sam ter Nun, meine Herren, nur das ist beschlossen, und 
noch einmal seinen Standpunkt klarlegen und die gegen diesen Beschluß hat der M agistrat nichts 
er vielleicht von der Richtigkeit seines Standpunktes getan, was die Herren, die diesen Beschluß gefaßt 
überzeugen konnte. Kurz, ich finde es taktisch nicht Habite, irgendwie verletzen könnte.
richtig, daß der Magistrat in so überstürzter Weise Es ist nun eingewendet worden, im E tats­
die Gelegenheit zur heutigen Debatte hervor­ ausschuß sei auch beschlossen, der Magistrat sollte 
gerufen hat. warten, bis die Erfahrungen des Som m ers vor­
Und so bitte ich auch den Antrag des Kollegen liegen. D as ist falsch, meine H erren ! D as ist zwar 
Bollmann zu verstehen. Der Antrag Bollm ann — von Herrn Stadtverordneten Bollmann gewünscht 
und unsere Fraktion hat in der überwiegenden worden, und der Herr S tadtverordnete Stadthagen 
M ajorität sich gestern zu diesem Antrage bekannt hat sogar einen bezüglichen Antrag in der E tats­
— hat den Zweck, zu erkennen zu geben, daß wir kommission gestellt, a b e r  d i e s e r  A n t r a g  
nicht eine überstürzte Behandlung der Angelegen­ ist  a b g e l e h n t  w o r d e n .  Also die E tats­
heit wünschen, sondern ruhig einige M onate ver­ kommission hat in ihrer M ajorität ausdrücklich fest­
gehen lassen wollen, bis nochmals Verhandlungen gestellt: wir wollen nicht warten, bis der Som m er 
in der D eputation für Waisenpflege — unter Hinzu­ vorüber ist, — und aus einem ganz guten Grunde. 
ziehung der Waisenpflegerinnen und auch unter I m  Som m er ist die Säuglingssterblichkeit am höch­
Berücksichtigung des Rates, den Herr Kollege G utt- sten, und wir wollten nicht unter den weiteren Er­
m ann vorher gegeben hat — gepflogen sind. Meine wägungen die armen Kinder leiden lassen — das 
Herren, ich glaube, es wird zweckmäßig sein, wenn ist von mir, wenn ich mich recht erinnere, sogar 
man die Gemüter beruhigen will, wenn man nicht ausdrücklich ausgeführt worden — ; wir wollten nicht 
die Gefahr heraufbeschwören will, die hier schon die armen Geschöpfe leiden lassen, die an sich schon 
angedeutet ist, daß man den Antrag Bollmann in schlechter Position sind, indem sie in den Kamps 
annimmt. des Lebens als uneheliche Kinder eingetreten sind: 
wir wollten nicht, daß sie noch weiter leiden sollen 
Oberbürgermeister Lchustehrus: M eine Her­ darunter, daß wir langsam in unseren Entschlie­
ren, im Ausschuß haben wir sachlich verhandelt. ßungen sind; wir wollten verhüten, daß uns im 
Die verschiedenen Ansichten sind zur Geltung ge­ Som m er wieder noch mehr Kinder zugrunde gehen, 
kommen, und wir haben uns in ruhiger Weise und von denen wir uns sagen m üßten: wenn wir unsere 
nach eingehender Debatte auf den Antrag geeinigt, Einrichtungen früher getroffen hätten, hätten wir 
daß der M agistrat ersucht wird, zunächst die Depu­ diese Kinder ant Leben behalten. D as wollten wir 
tation für die Waisenpflege nochmals zu hören und nicht. Deshalb haben S ie in dem Etatsausschuß
        
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