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Periodical volume 23. November 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

Sitzung vom 23. November 1910 451
§ 5 Absatz I  ausgedrückt ist, die äußere Erscheinung richten. W as ist die Folge davon? Die Umsatz- 
der gestützten Teile in ein richtiges Verhältnis zu ähigkeit, die heute schon durch die vielen S teuern  
den Stützen gesetzt wird, sondern es ist nachher ohnehin sehr gehemmt ist, wird noch mehr erschwert 
jedem freigestellt, die Stützen so zu wählen, wie es werden und der Kommune erwächst daraus der 
im Interesse der Zweckmäßigkeit notwendig ist. Nachteil, daß ihr so und soviel Umsatzsteuer und 
Diesen U m bauparagraphen müssen S ie  auch schon Wertzuwachssteuer entgeht.
aus dem Grunde fallen lassen, weil sonst ver­ Auf einen Punkt möchte ich noch aufmerksam 
hindert wird, daß sich die Verkehrsstraßen zu Kauf- machen, der schon bei wiederholten Gelegenheiten 
straßen später entwickeln. Bedenken S ie nur, ob hier angeschnitten worden ist, nämlich darauf, daß 
z. B. die Tauentzienstraße, die Kantstraße und durch dieses Ortsstatut auch die B auunternehm er­
neuerdings auch der Kurfürstendamm eine der­ kreise von Charlottenburg abgedrängt und unseren 
artige Entwicklung genommen hätten, wenn wir Nachbarvororten zugeführt werden. Schließlich ist 
dieses Ortsstatut schon früher gehabt hätten. noch ein wesentlicher Punkt, auf den auch schon der 
(S eh r richtig!) Herr Vorredner aufmerksam gemacht hat, die 
Es wäre nicht möglich gewesen, die P arte rreräu m ­ sich aus dem ganzen Geschäftsgänge unbedingt er­
lichkeiten so auszubilden, wie es im Interesse der gebende Verzögerung. Ich halte es für aus­
Läden erforderlich ist, um  die S traßen  zu Kauf­ geschlossen, daß in Zukunft bie_ jetzt schon in  der 
straßen zu machen. N atur der Dinge liegende außerordentlich lang­same Erteilung der Baugenehmigung noch in der­
N un müssen S ie sich weiter fragen: wen treffen selben Zeit erfolgen kann. Es werden M onate ver­
S ie  m it diesem O rtssta tu t? D as sind Kategorien gehen, ehe eine Baugenehmigung erteilt wird 
von Bürgern, die heute schon in außerordentlich W as ist davon wieder die Folge? Der Bauplatz 
bedrängter wirtschaftlicher Lage sich befinden, muß teurer in Ansatz gebracht werden, der ganze 
nämlich erstens die Bauunternehm er, zweitens die B au stellt sich dadurch teurer, die M ieten werden 
Hausbesitzer und drittens die kleinen Leute. Die teurer, weil eben mit einem höheren Zinsen­
Bauunternehm er sind bei den heutigen T erra in ­ verlust gerechnet werden muß.
preisen darauf angewiesen, jeden Zentim eter R aum  W as nun die Kommission betrifft, die für die 
auszunutzen. W enn S ie ihnen solche Vorschriften Geschmacksbildung maßgebend sein soll, so heißt es, 
machen, wie S ie  es hier in bezug auf die Erker tun, daß diese Kommission bei Anwesenheit von drei 
so gehen den Unternehm ern wesentliche Flächen M itgliedern beschlußfähig sein soll und zu ent­
dadurch verloren. S ie  sagen, es sollen nicht nur die scheiden hat. M eine Herren, wir unterstellen dam it 
Erker in ihrer Ausladung beschränkt werden, nein, die gesamte Geschmacksauffassung, die ganze 
auch die Lage der Erker, ihre Verteilung soll dem Geschmacksrichtung drei Herren, von denen wir 
Ermessen der Kommission anheimgegeben werden. nicht ivissen, wer sie in Zukunft sein werden. Wenn 
Wenn ich aber nicht bei dem Entw ürfe eines G rund­ die Bestimmung erst Gesetz geworden ist, dann ist 
risses weiß, wie ich meine Erker verteilen darf, wenn es schwer, irgendwelche Nackbestimmungen und 
ich darauf gefaßt sein muß, daß die Verteilung hin­ Abänderungen zu treffen.
terher nicht konveniert, so kann ich überhaupt nicht Obgleich ich gegen das Ortsstatut bin, werde ich 
m it den Erkern rechnen. Nehmen S ie  z. B . ein doch für die Ausschußberatung stimmen, lediglich 
Grundstück von 30 m F ron t an ; da kann ich nach den um  den Herren, die sich so große M ühe m it diesem 
heutigen Vorschri ten 10 mal 1,30 = 13 qm Erker Entwürfe gegeben haben, Gelegenheit zu bieten, 
in jeder Etage bauen. I n  Zukunft kann ich mit ihre Ansichten nockmals zu begründen.
diesen 13 qm  nicht mehr rechnen; denn der Erker Stadtv. v r .  Stadthagcn: M eine Herren, 
kann m ir da angeordnet werden, wo er unzweck­ der Herr Berichterstatter hat davon gesprochen, 
mäßig ist, und so verzichte ich lieber darauf und den Menschen müsse manchmal die Kulur mit 
mache m ir die Unkosten überhaupt nicht, die der Gewalt beigebracht werden. Aber diese Kultur 
Ausbau des Erkers verursacht. Durch diese Be­ ist doch manchmal durchaus nicht gewaltig, sondern 
stimmung wird die Ausnutzung der bebauungs­ sehr mäßig. D as sehen wir z. B . an den Masten 
fähigen Fläche reduziert. Es ist ja auch klar und in der Bismarckstraße. D a ist ja, möchte ich sagen, 
deutlich in den Erläuterungen gesagt: da, wo ledig­ m it Gewalt den Menschen die Kultur beigebracht 
lich wirtschaftliche Gründe für die Anordnung der worden: wir haben einen künstlerischen B eirat
Erker sprechen, wollen wir eine Beschränkung ein­ gewählt, haben viel Geld ausgegeben — und was 
treten lassen. ist daraus gew orden? Der Volksmund nennt die 
Wen treffen S ie von den M ietern? D as sind Masten dort bekanntlich „Elefantenrüssel"! Von 
die kleinen Leute, die in W ohnungen wohnen, wo anderer Seite habe ich auch einmal die F rage 
mit jedem Q uadratm eter R aum  gerechnet wird. gehört, ob das eine Art vorweltlicher Tiere be­
Solch Durchschnittszimmer, wie m an es in kleinen deuten soll; die Masten erinnern auch an solche. 
Wohnungen antrifft, von ca. 20 qm, würde in Es lassen sich noch andere Beispiele anführen. 
Zukunft, da der Erker unter Umständen wegfällt, W ir haben viel Geld ausgegeben für die Ver­
der ungefähr 6 qm ausmacht, statt 20 + 6 = 26 qm schönerung der Fassaden gegenüber dem Schloß 
nur 20 qm haben können. D as ist ein großer Nach­ und in der Bismarckstraße. M eine Herren, ich 
teil, der namentlich die Arbeiterkreise treffen würde muß sagen, nicht nur nach meinem Geschmack — 
und auch in hygienischer Beziehung wegen der der wäre ja in keiner Weise maßgebend — , sondern 
Raumbeschränkung außerordentlich bedenklich wäre. auch nach dem, was ich von vielen Architekten 
Und wen treffen S ie w eiter? Die Hausbesitzer. Bausachverständigen, künstlerisch veranlagten 
Die Umsatzfähigkeit, die Ausnutzung des Hauses ist Leuten gehört habe, sind die Häuser dort durchaus 
in Zukunft beschränkt. D er Hausbesitzer kann nicht nicht schön geworden. Ich gebe ja zu, vielleicht 
mehr über seine Parterreräumlichkeiten, über die ist m it 50 000, m it 100 000 M noch nicht viel zu 
erste Etage so verfügen, wie es ihm gut dünkt; er machen. Aber wollen S ie  jetzt eventuell von den 
muß sich nach dem Geschmack der Kommission Bauunternehm ern M illionen verlangen? D as
        
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