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Periodical volume 23. November 1910

Full text: Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Charlottenburger Stadtverordneten-Versammlung in den öffentlichen Sitzungen Issue 1910

448 Sitzung vom 23. November 1910
Vorgänge von anderen  Gemeinden hat sich auch Durch die Vorschrift soll nun  erreicht werden, wenn 
der Magistrat der S t a d t  Charlottenburg dazu keine allzugroße wirtschaftliche Schädigung dadurch 
entschlossen, eine Vorlage in diesem S in n e  au s ­ hervorgerufen wird, daß die Stützen möglichst 
zuarbeiten. architektonisch un te r  die oberen Massen zu stehen 
D e r  Schutz, der durch das Gesetz entsteht, kommen. Durch eine andere Vorschrift soll die 
erstreckt sich einmal auf den Schutz der E igenart  Anhäufung  von T ü rm e n  und Dachaufbauten 
eines Ortsbildes, einer S traßenan lage  oder eines möglichst verhindert werden. D an n  soll der Anlage 
Platzes, ferner auf den Schutz hervorragender von Erkern eine gewisse Einschränkung auferlegt 
künstlerischer oder historischer B a u te n  und  B a u ­ werden, weil die bestehenden Bestimmungen einen 
denkmäler, das Gesetz bietet aber auch die Möglich­ S chem atism us erzeugt haben, der das S traßenbild  
keit, ganze S tad tte i le  gegen Verunstaltungen zu langweilig, aber auch zerrissen erscheinen läßt. 
schützen. Um n u n  der Baupolizei die Willkür Die neue Vorschrift, die A usladungen  der Erker 
in der B eurte i lung  dessen, w as  eigentlich eine zu verringern, sie andererseits bei Beobachtung 
Verunstaltung ist, zu nehmen, um  ihr darin  feste ästhetischer Rücksichten auch wieder zuzulassen, 
N orm en  zu geben, sollen eben die Ortssta tu ten  gibt der Fassadengestaltung eigentlich eine größere 
erlassen werden. F reiheit wie bisher. Ein anderer Punkt betrifft 
I n  bezug auf die beiden ersten Punkte, also die Anschlüsse an den Nachbar beim Zurücktreten 
hinsichtlich des Schutzes eines Ortsbildes, hat der der F ro n t  h in ter die Bauflucht. S ie  wissen ja 
M agistrat verschiedene S t r a ß e n  und Plätze — alle, wie schauderhaft oft die Brandgiebel au s ­
ich brauche sie hier wohl nicht erst anzuführen, sehen. D a s  würde also auch als eine grobe Ver­
sie stehen alle in der Vorlage — , ferner auch die unstaltung angesehen werden, w enn sich der 
Baudenkmäler, die geschützt werden sollen, wie B auende  nicht organisch m it  seinem B a u  einem 
das Schloß, die Technische Hochschule usw., näher Nachbarbau anschließt.
bezeichnet und auch die Anhaltspunkte, von denen F e rn e r  soll auch in den noch nicht bebauten 
ich schon gesprochen habe, fü r  solche S tad tte i le  Teilen und den erst in der Entwicklung befindlichen 
gegeben, die durch ihre hervorragende Lage eine S tadtgebie ten  von Charlottenburg die Vorgarten­
B edeu tung  haben oder voraussichtlich später be­ frage in der Weise geregelt werden, daß es nicht 
kommen werden. m ehr gestattet ist, wie z. B . am  Kurfürstendamm, 
M a n  kann ja nicht sagen, daß eigenartige die V orgärten  beliebig durch Zugänge zu den 
S täd teb ilder  hier in Charlo ttenburg sehr reichlich Läden zu zerschneiden; es soll dadurch der Vor- 
vorhanden w ären . W ir haben beispielsweise ein gartencharakter erhalten  bleiben. Es gibt noch 
S täd teb ild  am  Auguste-Viktoria-Platz durch die in der Vorlage verschiedene andere Bestimmungen, 
Kirche und ihre Umgebung oder an  der B erliner  die ich aber hier nicht anzuführen brauche, weil 
S t ra ß e  zwischen Knie und B ahnhof T iergarten . ich vorschlagen werde, die Vorlage einem Ausschuß 
I m  allgemeinen wird ein S täd teb ild  beeinflußt zur weiteren V orberatung zu übergeben.
von B auordnungen  und B ebauungsp länen , und Übet diese Vorlage selbst, die sich über eine 
w as in bezug auf letztere in früheren J a h r e n  in der P rax is  sehr schwierig zu handhabende 
gesündigt worden ist, das brauche ich I h n e n  wohl M aterie  erstreckt, läßt sich vieles für, manches auch 
nicht vorzuhalten; das  fühlen wir jetzt alle heraus, dagegen sagen. M eine F reunde  haben zum Teil 
nachdem die Erkenntnis in bezug auf einen gesunden namentlich schon deshalb gegen dieselbe S te l lung  
S tä d te b a u  große Fortschritte gemacht hat. — genommen, weil sie eine große wirtschaftliche 
Dagegen , daß m an  die Eigenart  eines S tä d te ­ Schädigung befürchten, die wir hier in C harlo tten­
bildes oder hervorragende Denkmäler schützen burg dadurch erleiden könnten. Ich  persönlich 
soll, ist wahrscheinlich nichts zu sagen. stehe nicht auf diesem S tandpunkt.  Ic h  meine, 
Die Verunstaltung von S t ra ß e n  und Plätzen es ist in letzter Zeit so viel in ästhetischer Beziehung 
im allgemeinen in bestimmten B auv ier te ln  ist gefrevelt worden, daß m a n  sich eigentlich fragen 
der wichtigste Teil der V orlage; er gibt den Ge­ m u ß :  wie ist es möglich, daß m a n  in der B a u ­
meinden das Recht, den Schutz gegen V eru n ­ kunst so der N atu r ,  den physikalischen Gesetzen 
staltung auf S tad tgeb ie te  so weit auszudehnen, Hohn sprechen und die gesunde Aesthetik ganz 
wie es ihnen beliebt. Die Befugnis  dazu ist ent­ beiseite lassen kann; denken S ie  beispielsweise 
schieden vorhanden; das  Gesetz spricht freilich in an den Umbau eines Messelschen Hauses in 
dem betr. P a ra g ra p h e n  n u r  von L an d h au s­ der Tauentzienstraße, und S ie  werden selbst 
vierteln, Badeorten , Prachtstraßen, aber in  der sagen, daß eine furchtbare Rohheit dazu gehört, 
B eg ründung  des Gesetzes ist angeführt,  daß diese die Masse und Architektur der Obergeschosse bei 
n u r  beispielsweise angeführt seien. Also es steht der Anlage der Läden vollständig zu negieren. 
vollständig im Belieben der Gemeinde, wie weit Ich  meine, es können nicht im m er die wirtschaft­
sie die zu schützenden Flächen ausdehnen  will. lichen Gesichtspunkte obenan gestellt werden. W enn 
D er  M agistrat ha t nu n  nach langen B era tungen  Leute keine K ultur haben, muß m a n  sie ihnen  mit 
eine Vorlage ausgearbeitet und hat gerade für G ew alt  beibringen. W ir können doch nicht alles 
solche S traßenan lagen , die eine B edeutung  haben den wirtschaftlichen Bedingungen  und dem V er­
oder voraussichtlich bekommen werden, bestimmte kehr opfern. Ich  stehe auch auf dem S tandpunk t,  
Anhaltspunkte fü r  die Polizei dafür geschaffen, daß sich eine Fassade mit Verbesserungen eines 
w as  eigentlich un te r  Verunstaltung zu verstehen ist. Architekten oft charaktervoll und künstlerisch ge­
Ich  möchte erwähnen, daß die einzelnen B e­ stalten läßt, ohne daß eine wirtschaftliche Schädigung 
stimmungen des E n tw urfs  aus  den Erfahrungen  dadurch entsteht.
resultieren, die der Magistrat bisher schon gemacht Einen besonderen Punkt in  der Besprechung 
hatte , w enn  die Fassaden der B auvcrw altung  im Ausschuß werden ja die U m bauten bilden.
vorgelegt wurden. D a  ist z. B . beobachtet worden, Es wird natürlich bei Um bauten  oft sehr schwierig 
daß sehr oft die Stützen des Erdgeschosses beliebig sein, Anordnungen zu treffen, die dem Ortsstatut 
un te r  die Massen der oberen Etagen gestellt werden. entsprechen. Es sind aber in dem  Ortsstatut
        
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